Viele kleine Veränderungen im Laufe der Zeit haben beim TSV zu seltsamen Strukturen geführt. Ein paar dieser Eigenheiten sollen hier zur Sprache kommen als Appell an alle, denen die Löwen am Herzen liegen, fällige Neuerungen mutig und ohne Ansehen eventuell verlorener Macht mitzutragen
Viele Ereignisse haben den TSV in seiner langen Geschichte geprägt. Eines der traurigsten war die Diktatur 1933-1945, die die Sportvereine gleichschaltete, und ihr Krieg, der das größte Desaster des Jahrhunderts hinterließ. Um so erfreulicher die Begeisterung für einen demokratischen Neuanfang und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes. Natürlich hatte man nur die Lehrer, Richter, Ärzte und auch Vereins-Aktiven, die die Diktatur übrig gelassen hatte. Nach 12 Jahren »wer nicht für mich ist, ist gegen mich« und striktem Denkverbot gab es niemanden, der nicht mindestens in der Partei-Jugend hirngewaschen war. So blieben auch beim TSV Leute aktiv, die daran mitgewirkt hatten, dass der Sportverein zum Propagandaverein wurde und Sportfeste zu militaristischen Events.
Vieles wurde versäumt, anzusprechen und aufzuarbeiten, aber das soll jetzt nicht unser Thema sein. Leider blieb in Teilen der Öffentlichkeit das Makel »1860 = Naziverein« zurück. Gut, wir kennen alle die Stüberl-Stammgäste, die nach dem vierten Weißbier »von der Zeit« schwafeln; die gab und gibt es auch bei 60. Und »Leichen im Keller« gab und gibt es sicher auch. Doch der TSV war nach dem Krieg kein Naziverein. Die Leute hatten die Schnauze voll von der besonders schmutzigen Art von Politik, die sie erlebt hatten, und sie machten den TSV wieder zu einem Sportverein. Sportarten wurden aktiv wiederbelebt, Erfolge konnten gefeiert werden.
Zur Wahl von Erich Riedl kann man wesentlich heftigere Stimmen hören, bis hin zum Vorwurf der feindlichen Übernahme aus persönlichen Profilierungsgründen.
Wir dokumentieren hier nur; an diesem Streit haben Anwälte schon genug verdient.
Jedenfalls ist diese Wahl der Grund, dass die Hauptversammlung heute keine Mitgliederversammlung mehr ist, sondern eine Delegiertenversammlung.
Bewährt hat sich das System jedenfalls nicht wir beobachten heute eine unproduktive Bildung von Fraktionen und Entscheidungen, die mehr aufgrund der Person bzw. Fraktions-Zugehörigkeit des Antragstellers gefällt werden als aufgrund inhaltlicher Überlegungen.
Mit der Gründung der Bundesliga 1963, dem Europacup-Finale in Wembley 1965 und der Bundelsiga-Meisterschaft 1966 wurde natürlich das Gewicht des Fußballs im Verein höher. Doch blieben auch andere Abteilungen aktiv, das Vereinsleben war bunt, und die Strukturen waren selbstverständlich demokratisch. Doch wurde Fußball nicht nur interessanter, sondern mit der Zeit auch teurer; der Konkurrenzdruck wurde größer, und Erfolge wurden seltener. 1970 stieg der TSV in die Regionalliga (es gab noch keine 2. BL) ab. Nach den Olympischen Spielen 1972 wurde das Grünwalder Stadion durch einen Sturm beschädigt, und 60 spielte zwei Jahre lang zweitklassig im viel zu großen Olympiastadion. 1974 wird Riedl Präsident ihm wird vorgeworfen, er habe kurz vor der Mitgliederversammlung bei der Jungen Union Neumitglieder für 60 angeworben, um sich von diesen dann wählen zu lassen. Seine Schaffensperiode endet mit dem Zwangsabstieg in die Bayernliga. Die Turnhalle ist bereits verkauft, der aktive Sport in Mitleidenschaft gezogen.
Sein Nachfolger, Richard Müller, erwägt die Auflösung des TSV. Man gibt dem Verein noch eine Chance; Liselotte Knecht erklärt sich bereit, für vier Jahre den Vorsitz zu übernehmen. Allerdings wird sie »als Hausfrau« von bestimmten Leuten nicht gerade unterstützt.
1992 wird dann Karl-Heinz Wildmoser Löwen-Präsident. Er schafft es zwar als geübter Wirt, gute Stimmung zu verbreiten und die Leute bei Laune zu halten, auch einige sportliche Erfolge sprachen für ihn, aber unter ihm verändert sich der Verein grundlegend. Die Vielfalt wich, die Anzahl der akzeptierten Meinungen verringerte sich drastisch. Den Rest kann man bei Machiavelli nachlesen.
Nun Demokratie braucht Strukturen, um zu funktionieren. Die einzelnen Abteilungen brauchen Entscheidungsspielräume, die Fans ebenso. Die Gremien brauchen wirksame Kontrollmechanismen, freie Wahlen müssen funktionieren. Es liegt an uns, das jetzt anzugehen oder mal wieder eine Chance zu verpassen.
Die Abteilungen sollen ihre Belange möglichst in Eigenregie regeln. Damit dies geschehen kann, ist die Bildung möglichst vieler kleiner Abteilungen anzustreben. Wenn es eine gemeinsame Abteilung für Wassersport und Wintersport gibt, streiten sich beide um den Etat. Wenn jede Abteilung ihren eigenen Etat hat, ist das Problem gelöst. Ganz einfach.
Die Abteilungen müssen künftig ihre Leitung selbst und ohne Vorbehalt wählen können die Bestätigungspflicht durch den Vereinsrat muss ersatzlos entfallen. Wenn der Gesamtverein Probleme mit bestimmten Personen in bestimmten Ämtern hat, muss auch der Gesamtverein, also die Hauptversammlung, darüber entscheiden. Ansonsten hat der Ehrenrat die Aufgabe und die Entscheidungsgewalt, Schäden am verein durch das Verhalten einzelner Mitglieder zu verhindern.
Insbesondere ist die Zuordnung der vielen Fan-Mitglieder zur Fußballabteilung schon lange überholt. Der Profi-Fußball untersteht nicht mehr der Fußballabteilung, diese ist somit für Jugend-, Amateur- und Freizeitfußballer zuständig. Stadionpolitik, Blockfahnen usw. interessieren die aktiven Fußballer wenig. Deswegen gehören die Fans in eine eigene Abteilung.
Der Präsident ist nicht nur Vereinsvorsitzender, sondern gleichzeitig auch Vorsitzender des sog. Vereinsrates.
Der Vereinsrat bestimmt seine Neumitglieder selbst, da er jeden gewählten Abteilungsleiter bei Nichtgefallen einfach durch eine genehme Person ersetzen kann.
Der Vereinsrat bestimmt den Wahlausschuss, der seinerseits die Liste der durch die zu wählenden Aufsichtsräte festlegt.
Der Aufsichtsrat wiederum wählt den Präsidenten.
In gleicher Weise bestimmt der Wahlausschuss, wer von den Vereinsmitgliedern Delegierter wird, d.h. in der Hauptversammlung Stimmrecht hat, indem er über die Entgegennahme von Wahlvorschlägen dazu entscheidet.
Letztlich bestimmt also der Präsident zusammen mit ein paar »Spezln«, wer ihn als Aufsichtsrat wiederwählt, wer in der Hauptversammlung abstimmen darf, und wer in der Kontrollposition des Aufsichtsrates sitzen darf.
Hier muss ein komplett neues System geschaffen werden kleine kosmetische Änderungen sind zu wenig.
Interessant ist bei 60 das Konstrukt des Vereinsrats: Ihm gehören die Leiter der einzelnen Abteilungen an unter Vorsitz des Vereinspräsidenten , allerdings hat der Vereinsrat das einzigartige Vorrecht, gewählte Abteilungsleiter zu ersetzen er bestimmt also selbst, wer diesem angehören darf und setzt sich, wenn ihm danach ist, über die Wahlen der Abteilungen hinweg. Das geht so gar nicht.
Bei der Reform des Vereinsrates sollte man sich überlegen, ob man auch hiervon die Abteilung der Fans abkoppelt, dann könnte er zeitnah und effektiv die Belange der aktiven Sportler im Verein regeln.
Wir können nicht beides haben diktatorische Strukturen und Selbstbestimmung im Verein. Wenn Leute meinen, zu zwölft einen Verein regieren zu wollen, dann müssen sie eben zu zwölft einen eigenen gründen. Bei einem Verein mit so vielen Mitgliedern wie dem TSV muss gewährleistet sein, dass zumindest die aktiven und interessierten Mitglieder sich aktiv am Vereinsleben und dazu gehören Diskussion und Entscheidung beteiligen können. Deswegen wird kein neues Chaos ausbrechen; Abteilungsleitungen, Präsudium und Aufsichtsrat bleiben schließlich als leitende und überprüfende Gremien erhalten. Unser Chaos rührt daher, dass eine kleine »Macht-Elite« im Stillen alles entscheidet und gleichzeitig einen permanenten internen Machkampf betreibt. Das muss aufhören, schon deshalb brauchen wir offene Strukturen.
Weitere Aufgaben des Vereinsrates laut Satzung: Ernennung von Ehrenmitgliedern, Aufnahme von Mitgliedern, Vereinsausschlüsse, Festsetzung der Mitgliedsbeiträge (auch Beitragsermäßigungen z.B. für sogenannte Fernmitglieder), Besetzung des Wahlausschusses (und damit indirekter Einfluss auf die Besetzung des Aufsichtsrates und die Kandidaten zur Delegiertenversammlung), entscheidet über Neugründung, Auflösung oder Zusammenlegung von Abteilungen.
Der Vorstand heißt beim TSV »Präsidium« und führt die Geschäfte des Vereins. Der Aufsichtsrat (soll nach einem Vorschlag in einer neuen Satzung »Verwaltungsrat« heißen, um die Namensgleichheit mit dem Aufsichtsrat der KGaA abzuschaffen) ist das Kontrollorgan für den Vorstand. Pikant dabei ist, dass der Präsident dem Vereinsrat vorsitzt, welcher wiederum den Wahlausschuss wählt, der dann die Kandidaten für den Aufsichtsrat festlegt. Die Blockwahl (es gibt nur eine Liste, die nur insgesammt bestätigt oder abgelehnt werden kann eine demokratische Wahl feht anders!) durch die Delegiertenversammlung ist lediglich Formsache. Zumal auch die Delegiertenkandidaturen über den gleichen Wahlausschuss laufen. Letztendlich hat der Präsident damit die Handhabe, auf die Zusammensetzung sämtlicher Organe des Vereins einzuwirken.
Die Hauptversammlung, die beim TSV als Delegiertenversammlung stattfindet, sollte eigentlich das entscheidende Gremium eines Vereines sein. Sie wird zwar alle drei Jahre anteilsmäßig von den Mitgliedern in den Abteilungen gewählt, aber eben über Listen, die der Wahlausschuss zusammenstellt. Dies hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, dass nur die dem Präsidium genehmen Kandidaten aufgestellt wurden und andere Vorschläge unterdrückt wurden.
Geringfügige Änderungen an der bestehenden Satzung bringen dem Verein nichts. Das System, das auf einen übermächtigen Präsidenten ausgerichtet ist, muss grundlegend überarbeitet werden. Das darf nicht am Vereinsrat scheitern, dessen übergroße Macht als ausführendes Organ des Alleinherrschers so ebenfalls nicht tragbar ist. Wenn der Präsident seinen Aufsichtsrat und die Besetzung der Hauptversammlung selbst bestimmen kann, sind alle Vereinsorgane nur Formalitäten, ist jede Rückkehr zu einem bunten, selbstbestimmten und demokratischen Vereinsleben illusorisch.
Das Vereinsregistergericht kann übrigens Vereine, die die gesetzlichen Bestimmungen zur Trennung von Kompetenzen und Vereinsorganen derart plump umgehen, auch auflösen. Das will wohl niemand.
Die Machtstrukturen innerhalb der und zwischen den Fraktionen, die um die Mehrheit in der Delegiertenversammlung kämpfen, sind vor diesem Hintergrund belanglos und sollen daher hier nicht weiter beschrieben werden.
Die »ARGE« ist kein Gremium des TSV, sondern ein eigenständiger Verein. Das sollte allen Löwen klar sein, selbst dem Präsidium. Sie hat mit dem TSV gerade so viel zu tun wie die »nieoficjalna strona« in Bielsko-Biala. Es sind einfach Fans, die ihre Fanclubs betreiben und dort entscheiden, was zu entscheiden ist. Also bitte über ihren eigenen Kram, nicht über den des TSV. Abgesehen davon, dass unsere Sympathie für einen Fanclub 650 km Luftlinie von Giesing entfernt dann doch sehr hoch ist
Zudem ist der Verein keineswegs stellvertretend für »alle« Fanclubs, sondern er stellt Aufnahme-Anforderungen nach Wildmoserschem Modell. Damit ist er schon sehr fragwürdig, aber das ist uns egal.
Das Prekäre an der »ARGE« ist, dass sie jahrelang Mehrheitsbringer war für Wildmosers Delegierte und selbigen vor der Abstimmung in der Regel sogar in Form eines Freibier-Umtrumks kurz vor der Abstimmung entsprechende Instruktionen zukommen ließ. Für viele Leute ist die »ARGE« somit verabscheuenswürdig; für uns ist sie eine belanglose Dinosaurierin. Das vereinspolitische Übergewicht, das ihr auch das gegenwärtige Präsidium zugesteht, ist nicht nachvollziehbar.
Auch die Satzungskommission ist durch die »ARGE« ausgebremst worden; jetzt wären konkrete Ansagen fällig, wir warten darauf.
Der HSV¹ (Link: Satzung / .pdf) hat sich in vorbildlicher Weise neu strukturiert. Dort haben die aktiven Sportler ihre Abteilungen nebst Amateurvorstand, die Fans haben ihre Abteilung samt Leitung, und oberstes Gremium ist (wie es das Vereinsrecht fordert) die Mitgliederversammlung. Prinzipiell darf niemand in zwei Gremien sitzen, außer der Aufsichtrst erteilt dazu seine ausdrückliche Genehmigung (so kann sich der Aufsichtsrat z.B. einen Abteilungsleiter 'mit ins Boot' holen, sofern er denn gewählt wird). Weder gibt es einen übermächtigen Vereinsrat, noch einen separaten Wahlausschuss. Dessen Aufgaben übernimmt der Ehrenrat (ein Gremium zur Schlichtung und zur Entscheidung von Einsprüchen z.B. bei Ausschlussverfahren) und zeichet damit verantwortlich für den korrekten Ablauf der Kandidaturen und der Wahlen.
Das aktive Wahlrecht hat, wer sechs Monate dem Verein angehört, das passive, wer drei Monate dabei ist. Für Vorstand und Aufsichtsrat gilt diese Klausel nicht, hier sollen keine formalen Beschränkungen gegen die Kandidatur geeigneter Personen sprechen.
Jedes volljährige Mitglied mit Wahlrecht kann an der Mitgliederversammlung teilnehmen; jegendliche Mitglieder entsenden Delegierte (ähnlich unserer Jugendvertreter). Die Mitgliederversammlung entlastet die Vereinsorgane und stimmt über Anträge ab. Sie wählt acht von zwölf Mitgliedern des Aufsichtsrates; vier werden entsandt (davon je einer von den Amateuren und von der Fan-Abteilung).
Der Aufsichtsrat bestellt den Vorstand. Seit Änderung der Satzung vom Januar 2008 wird der Amateurvorstand nicht mehr von der Mitgliederversammlung gewählt, sondern von einer eigens einberufenen Vollversammlung aller Amateur-Abteilungen, genauso wie der »Fan-Vorstand« (schon in der früheren Fassung) von den Mitgliedern der »Fan-Abteilung« (heißt beim HSV 'Abteilung der Fördnernden Mitglieder', diese sind jedoch anders als der Name vermuten lässt, reguläre ordentliche Mitglieder mit allen Rechten und Pflichten nur eben keine aktiven Vereinssportler) gewählt wird.
So etwas in der Art hätte der TSV 1860 dringend nötig!
Wie wäre es, wenn wir uns daran ein Beispiel nehmen?
Mögen viele Löwen dem HSV auch eher ab- und St. Pauli eher zugeneigt sein, so ist das Klima in Hamburg eben doch anders als hier. Kühler, nicht so cool. Mehr von Regen geprägt als von Sonnenkönigen. Auch eher offen als schon vom Frühstüscksbier zu. Und der vermeintliche »Scheiß-Verein ist auch ganz anders als unser Ober-Club.