Zum Saisonstart 2006/07 wackelten die Stühle, dass man meinen könnte, ein Erdbeben wäre auf das andere gefolgt. Hier die Chronik und ein Ausblick auf die Delegiertenversammlung 2006

Das Ämterkarussell 2006

Die Folgen des »Systems Wildmoser« sind heute noch spürbar: Die Satzung wurde so weit abgeändert, dass die Macht auf ganz wenige Personen im Verein konzentriert ist. Somit verzögert sich der viel beschworene Neuanfang auf unbestimmte Zeit.

Jahresbeginn bis Saisonstart

Präsidium
Am 2. März 2006 tritt Vizepräsident Leonhard Roßmann zurück, begründet dies nur sehr vage mit »Indiskretionen«. Am 17.3.2006 erklärt Karl Auer seinen Rücktritt vom Präsidentenamt aus gesundheitlichen Gründen.
24. März 2006: In Marathonsitzungen tagen Wahlausschuss und Aufsichtsrat. Der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende, Alfred Lehner (ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Landesbank), wurde satzungsgemäß durch den Aufsichtsrat zum neuen Präsidenten bestellt und schlug seinerseits Ralph Burkei (Gesellschafter »Camp TV«, schied nach Verwicklungen in den Skandal um Monika Hohlmeier als Bezirks-Schatzmeister der CSU München aus) als neuen Vizepräsidenten und Schatzmeister des TSV vor. Wolfgang Hauner (Pressesprecher der Bundespolizei, Hbf. München) bleibt weiter Vize. Die neuen Präsidiumsmitglieder sind noch von der nächsten ordentlichen Delegiertenversammlung zu bestätigen. Alfred Lehner nannte als vordringliche Ziele die Modernisierung des Vereins, die Konsolidierung der Finanzen und die Erneuerung der inzwischen kaum noch logisch verständlichen Satzung.
 
Aufsichtsrat
Mit Sitzung vom 24. März wechseln Lehner und Burkei ins Präsidium. Für sie sollten Martin Max (Torschützenkönig), der als Vizepräsident kandidiert hatte, und Otto Steiner (Geschäftsführer der Constantin Entertainment, davor Produzent für Film und TV) nachrücken; beide sagten ab, ebenso Thomas Miller (Ex-Löwenspieler), der auch als Kandidat galt. Hep Monatteder (Bürgermeister) legte sein Amt am 31.1.2006 nieder.
Aus dem bisherigen Aufsichtsrat bleiben Josef Hilz (Vorsitzender des AR, Ex-Löwenprofi), Dr. Manfred Probst (Stellvertretender AR-Vorsitzender, Anwalt, betreute die Verträge der Stadion GmbH, ist Schatzmeister der CSU Oberbayern und Aufsichtsrat der Agrob AG), Alfred Heiß (Ex-Löwenprofi), Monika Hohlmeier (ehemalige Kultusministerin, Bayern), Christian Ude (OB München), Dr. Herbert Walter (Vorstand bei Allianz AG und Dresdner Bank). Der neue Aufsichtsrat muss von der nächsten Delegiertenversammlung per Blockwahl bestätigt werden. Laut Satzung besteht der AR aus fünf bis neun Leuten; man wollte sich zukünftig an der Untergrenze orientieren, es wird wohl trotz dieser Ankündigung bei neun Mitgliedern bleiben.
 
KGaA
Dier KGaA-Geschäftsführungs-GmbH besteht zukünftig aus drei (neu: GF Sport) statt aus zwei Personen. Detlef Romeiko (vorher GF bei Eintracht Frankfurt) hat zwar den März-Umbruch überstanden, trat am 12. Mai dann zurück und scheidet zum 1. Juli 2006 aus). Wer zukünftig für die Verwaltung zuständig sein wird, ist noch unbekannt. Für den sportlichen Bereich ist Teammanager Stefan Reuter (Ex-Nationalspieler, Management bei Borussia Dortmund; Nachfolger des am 22.1.2006 ausgeschiedenen Roland Kneißl, der sich weiter um den Fanartikel-Vertrieb kümmert) vorgeschlagen, seine Position wird also aufgewertet. Für den finanziellen Bereich wird Dr. Stefan Ziffzer zuständig (Bankkaufmann, Volkswirt, ehemals Geschäftsführer der Kirch-Gruppe und des DSF). Sein Vorgänger, Jochen Seibert, verließ die KGaA am 9.3.2006. Verein und KGaA sollen nach Lehners Aussagen stärker getrennt werden, um dem Profi-Management bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Die neuen Geschäftsführer müssen vom Aufsichtsrat der KGaA gewählt werden, der seinerseits aus den Aufsichtsratsmitgliedern des TSV und dem Präsidium des TSV besteht. Ob der umstrittene KGaA-Beirat als Gremium bleibt (er besteht alleine aus dem Präsidium des TSV und beschneidet somit die Kompetenzen des Aufsichtsrates der KGaA), wird sich zeigen.
 
Trainer
Am 22.1.2006 wurde Reiner Maurer entlassen. Sein Nachfolger, Walter Schachner, (vorher Trainer beim Grazer AK) ist immer noch im Amt. Dies ist angesichts der durchschnittlichen Verweildauer beachtlich.
 
Delegierte
Beim TSV tritt an Stelle der sonst üblichen Mitgliederversammlung als oberstes Entscheidungsorgan die Delegiertenversammlung. Die Fußballabteilung hat im Mai 2006 neu gewählt (mit Verspätung, s.u.). Nachdem diesmal auch Wahllisten außerhalb der überwiegend auswärtigen Arge-Fanclub-Szene berücksichtigt wurden, haben sich die Ergebnisse deutlich verschoben. Die Aera derer, die nie fragen und nur abnicken, scheint vorbei.
 
Fußballabteilung
Mitglied wird/ist man nicht direkt beim TSV, sondern über eine (oder mehrere) seiner Abteilungen. Deren Mitglieder wählen alle drei Jahre Delegierte, deren Anzahl jeweils nach der Mitgliederstärke gewichtet ist. Diese Delegierten bleiben nach ihrer Wahl genau drei Jahre im Amt; eine Übergangsregelung gibt es hier nicht. Die Fußballabteilung hatte – aus welchen Gründen auch immer – davon abgesehen, im Jahr 2006 rechtzeitig neue Delegierte wählen zu lassen, so dass die größte Abteilung des TSV monatelang (z.B. für die geplante und dann doch eilig stornierte außerordentliche DV) aus dem Entscheidungsprozess ausgeschlossen war.

Der Verbleib der Mitgliedsbeiträge der Abteilung (die Rede war von etwa einer Million Euro) sorgte für kontroverse Diskussion, ebenso für Vorwürfe gegen den Abteilungsleiter. Der Kassier wurde nicht entlastet.

Andreas Kemmelmeyer wurde am 21. Mai 2006 als Leiter der Fußball-Abteilung wiedergewählt, Gegenkandidaten gab es nicht.

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Die Situation vor der Delegiertenversammlung 2006

Präsident Lehner hat sein Amt zur Verfügung gestellt; er war von vorne herein nur als Übergangskandidat angetreten. Im Aufsichtsrat ist nun doch Otto Steiner nachgerückt, der dies anfangs abgelehnt hatte und jetzt als Kandidat um die Nachfolge Lehners gilt.

Auf der Mitgliederversammlung 2006 der Fußballabteilung wurden alle Kandidaten der Liste »Pro-1860«, die als Gegengewicht zur Fanclub-Arge antrat, als Delegierte gewählt. Auch in Reihen der Arge gab es einige Umstrukturierungen, offenbar haben ein paar Hardliner ihre Ämter abgegeben. Es gab einige Gespräche zwischen den einst stark rivalisierenden Fan-Gruppierungen, sogar in Sachen Stinkfahne. Die Arge scheint sich von ihrem Anspruch, alleinige Vertretung der gesamten Fan-Szene sein zu wollen, zu verabschieden.

Die Fanbeauftragte des TSV, Jutta Schnell, betreut weiterhin die Fanclubs und hat zur Unterstützung zwei neue Kollegen aus dem Bereich der Münchner Fans bekommen: Axel Dubelowski, als »loewenbomber« in diversen Foren bekannt und Alex Rieger, Mitbegründer der Initiative »Pro-1860«. Die Zusammenarbeit verläuft erstaunlich gut.

KGaA-Geschäftsführer Ziffzer hat erstmals Bilanzen veröffentlicht, was auch von seinen Kritikern sehr begrüßt wurde.

Nachdem der Wahlausschuss klar gemacht hatte, dass es nur eine Vorschlagsliste für den Aufsichtsrat (Amtszeit laut Satzung drei Jahre oder bis zum Ausscheiden von mehr als zwei Mitgliedern) geben wird, einigten sich die Arge und Pro-1860 auf eine gemeinsame Liste.

Manchen Beobachtern war all die Harmonie schon höchst verdächtig … und womit? Mit Recht!

Kandidatengerangel um Präsidium und Aufsichtsrat– der Wahlausschuss demonstriert seine Macht

Entgegen üblicher Gepflogenheiten wird der Wahlausschuss beim TSV nicht von den Mitgliedern, sondern vom Vereinsausschuss gewählt, der seinerseits aus dem Präsidium, den Leitern der Abteilungen, den Jugend- und Seniorenvertretern besteht sowie einem Vertreter des Aufsichtsrats (ohne Stimmrecht). Diese Konstellation diente einst der Machterhaltung und erschwert jetzt, konsensfähige Kandidaten zu nominieren.

Presseerklärung der Pro-1860-Kandidaten, 8.10.2006 (Auszug)

Nach der Entscheidung des Wahlausschusses, für die Aufsichtsratswahl … nur drei der insgesamt acht von Pro1860 vorgeschlagenen Kandidaten zu nominieren, haben sich die Kandidaten Christoph Öfele, Karl Rauh und Christian Waggershauser … ihre Kandidatur in der vom Wahlausschuss vorgestellten Konstellation zurückzuziehen.

Pro1860, ARGE und Otto Steiner hatten sich am Sonntag Vormittag auf eine gemeinsame Liste für die Wahl des Aufsichtsrates geeinigt und diese dem Wahlausschuss vorgelegt. Der Wahlausschuss lehnte diese gemeinsame Liste, die in der Delegiertenversammlung voraussichtlich mehrheitsfähig gewesen wäre, ab.

Pro1860 und die von Pro1860 vorgeschlagenen Kandidaten haben stets betont, dass ihr Weg von Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit gekennzeichnet ist und weiterhin sein wird. Die drei nominierten Kandidaten haben daher den Wahlausschuss über ihre Rückzugsentscheidung unter den vorgelegten Bedingungen informiert.

Die offizielle TSV-Seite¹ hierzu (Auszug):

Rainer Volkmann, Vorsitzender des Wahlausschusses … war etwas verärgert. Der Grund: Die drei Kandidaten aus der Gruppierung PRO 1860 waren kurzfristig abgesprungen. »Die Einladung für die Delegiertenversammlung geht morgen mit sechs Namen raus … um die vorgeschriebene Frist zu wahren.«

»Wir haben eine sehr ungewöhnliche Situation«ö, erklärte Volkmann, der PRO 1860 noch ein Hintertürchen offen lassen will. Die Fan-Gruppierung hat am Montag, 09.10.2006, ein Treffen. Dabei kann sie ausdiskutieren, ob sie das Angebot mit den drei Aufsichtsratsplätzen annehmen möchte. Ansonsten würden für Christian Wackershauser, Karl Rauh und einem dritten Kandidaten, der … nicht genannt werden wollte, Prof. Dr. Peter Lutz, Manfred Schwabl und Dr. Carl Woebcken nachrücken. Spätestens am Dienstag sollen die Briefe an die Delegierten mit den drei weiteren Namen verschickt werden. Bisher hat der Wahlausschuss sechs Kandidaten benannt. Mit Christian Ude, Alfred Heiß und Otto Steiner gehören drei bereits dem bisherigen Aufsichtsrat an. Dazu kommen noch Josef Brauner, Prof. Curt Cress und Dr. Dirk-Reiner Martens.

Der Wahlausschuss dagegen favorisiert nach wie vor ein 3:3:3-Verhältnis– drei Kandidaten aus dem Umfeld von Otto Steiner, drei von PRO 1860 und drei von der ARGE, der Arbeitsgemeinschaft der 1860-Fanklubs.

Egal wie es jetzt weiter geht, hofft Volkmann, dass die Delegiertenversammlung am 23. Oktober 2006 auf alle Fälle den Präsidenten bestätigt. »Dann kann Herr Lehner bis März 2007 im Amt bleiben, und der neue Aufsichtsrat hätte genügend Zeit, sich auf einen neuen Präsidenten zu einigen«.

Die ursprüngliche Vorschlagsliste von Pro-1860: Als Präsident Karsten Wettberg (Postoberamtsrat a.D., Fußballtrainer), als Vize und Schatzmeister Dr. Albrecht von Linde (Unternehmer), für den Aufsichtsrat Hans Hee (Unternehmer), n. n. (Abteilungsdirektor der Bayerischen Landesbank i.R.), Peter Janka (Mitglied der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung), Willi Mantel (Unternehmer), Christoph Öfele (Geschäftsführer), Karl Rauh (Sportpädagoge, Dozent und Ausbildungsleiter für Sportlehrer), Christian Waggershauser (Kaufmann, Betreiber der Muffathalle) sowie Peter Zacher (Ehemaliger Löwen-Profi, Verwaltungsangestellter für Bauwesen und Wasserversorgung). Neuntes Aufsichtsratsmitglied sollte nach allgemeiner Übereinstimmung OB Ude bleiben.

Karsten Wettberg zur Presse: »Ich werde auf der Versammlung [Pro-1860, 9.10.2006] sagen, dass es nicht gelungen ist, uns zu sprengen. Zumal wir bis an die Grenze der Kompromissfähigkeit gegangen sind.«

Zitat TZ¹, 9.10.2006: … Rainer Volkmann: »Diese Forderungen haben die Arbeit des Wahlausschusses sehr schwer gemacht. Vom Stil her war das Ganze eine Zumutung für den Verein«. Und er schob als Begründung hinterher: »Wir wollen keine Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat.« Vor allem keine, die einen Präsidenten Wettberg gebären könnten. Dieses Eindrucks konnte man sich nicht erwehren auf der gestrigen Pressekonferenz. Als beispielsweise die Rede darauf kam, dass Wettberg OB Ude von der neuesten Entwicklung informieren wolle, knurrte Josef Seidl vom Wahlausschuss: »Wos geht n des an Wettberg o«.

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Die Delegiertenversammlung am 23. Oktober 2006

Eines kann man schon vorher sagen: Sie wird interessant werden. Es wird der Entwurf der neuen Satzung vorgestellt werden, möglicherweise wird ein neuer Präsident gewählt (Ex-Trainer Karsten Wettberg / Medien-Manager Otto Steiner), auf jeden Fall muss der Aufsichtsrat neu gewählt werden. Die Kontroverse um die vorgeschlagenen Kandidaten und die Weigerung des Wahlausschusses, mehrere Listen zur Wahl zu stellen (vgl. Satzung Par. 14.3.3), garantieren jetzt schon eine gehörige Kontroverse.

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