Irgendwann vor fast schon 100 Jahren haben die Löwen ein Stadion gebaut (jedenfalls damit
angefangen), das »Sechzger« oder, wie es heute offiziell heißt das »Stadion
an der Grünwalder Straße«, kurz »GWS«. Irgendwann mussten sie es an
die Stadt verkaufen, und schon zwei Mal haben sie es »endgültig« verlassen. Hier
ein kleiner historischer Rückblick.
Ein ganz besonderer Löwenmarsch das Rasen von Rasen zu Rasen
Giasing
- 1911: Erstmals wird das Gelände des heutigen Grünwalder Stadions
für ein Löwenspiel angemietet; eine kleine Sitztribüne wird noch im gleichen Jahr
errichtet von den Spielern selbst
- 1922: Gönner (»Sponsoren«) kaufen das Gelände
- 1925: Übergabe
des Stadions an den TSV, im folgenden Jahr Ausbau
- 1937: Zwangsverkauf des Grünwalder
Stadions an die Stadt München vordergründig zur Schulden-Tilgung; wirklicher
Grund war die Gleichschaltung und Zentralisierung
- 1948: Zuschauerrekord: Über 58000
im Sechzger (gegen Nürnberg)
Bundesliga
- 1963: Gründung der Bundesliga mit den Löwen
- 1965: Ein bis
dahin unbedeutender lokaler Konkurrent steigt in die Bundesliga auf
- 1966: Der TSV wird
Bundesliga-Meister
- 1967: Platz zwei
- 1970: Abstieg in die Regionalliga Süd
(klingt heute nach ganz wenig, war damals jedoch die zweithöchste
Liga)
Olympiade in München
- 1972: Vor den Olympischen Spielen gab es bereits Test-Kicks im Olympiastadion.
Der FCDings zog anschließend komplett dort hin um, die Löwen wollten es als
Ausweichmöglichkeit für Spiele mit entsprechend hohen Zuschauerzahlen mit nutzen. Im
November 1972 wird das GWS nach Sturmschaden unbespielbar, die Löwen wechseln ins Oly
- 1974 wird die 2. Bundesliga eingeführt (getrennt in Nord und
Süd); die Löwen spielen dann dort statt in der Regionalliga (es
handelte sich also nicht wirklich um einen Aufstieg). Umzug zurück ins GWS; 60 nutzt
das Oly weiterhin für Spitzenspiele mit hohen Zuschauerzahlen (bis 1996,
s.u.)
- 1976: Der Stadtrat beschließt den Neubau der Gegengeraden-Sitzhalle
anstelle der beschädigten und abgetragenen Stehhalle
Aufstieg
- 1977: Aufstieg in die 1. Bundesliga
- 1978: Abstieg in die 2. Bundesliga
Süd
- 1978-79: Neubau der Halle an der Gegengerade
Aufstieg
- 1979: 60 steigt als Meister der 2. Bundesliga Süd auf in die 1.
Bundesliga
- 1981: Abstieg in die 2. Bundesliga (ab 1981 nicht mehr
getrennt in Nord und Süd)
- 1982: Lizenzentzug nach kaufmännischem Debakel.
Der dafür verantwortliche Präsident Erich Riedl tritt zurück und wird später
Finanzexperte bei der CSU
Bayernliga
- 1982-1991: Bayernliga, Bayernliga, Bayernliga
- 1991 Aufstieg in die 2.
Liga
- 1992: Abstieg in die Bayernliga
- 1993: Wiederaufstieg 2. Liga, 60 bleibt im
GWS
Aufstieg
- 1994: 1. Liga, das Wunder, der Doppel-Aufstieg, an den niemand vorher geglaubt
hätte. Die Löwen bleiben im GWS. Wildmoser spricht: »Do samma dahoam!«. Die
Stadt München verspricht, das Sechzger weiter auszubauen
Umzug
- 1996: Gesinnungswechsel des Präsidenten: »Endgültiger«
Umzug der ersten Mannschaft ins Oly. Oberbürgermeister und Stadtverwaltung sind stocksauer,
erwägenen gar den Abriss des Sechzgerstadions
Das
Boot
- 2001: Obwohl München den Zuschlag hat, im Oly Spiele der WM 2006
auszutragen, bildet sich seine Kaiserliche Hoheit Franz der Reiche eine neue, richtig protzige
Wirkungsstätte ein und gewinnt Löwen-Präsident Wildmoser als Compagnon, um
EU-Zuschüsse zu den Erschließungskosten abzugreifen. Der Sohn des Präsidenten
wird Chef der Stadion-GmbH. Die Fans sind stinksauer, rufen: »Wildmoser
raus!«
Giasing
- 2002: Die Löwen spielen ein Mal im Grünwalder: UI-Cup gegen Bate
Borisow vor 18000 Zuschauern. Baubeginn der »Arena«
- 2003: Die
Zuschauerzahlen sinken beinahe so dramatisch wie die Leistungen der Mannschaft. Der Präsident
vergeigt sich die letzten Sympatien der Fans
Stadelheim
- März 2004: Die Wildmosers werden verhaftet, die Rufe »Wildmoser raus!« verstummen schlagartig. Der Vorwurf:
Schiebung bei der Auftragsvergabe des Neubaus gegen Schmiergeld. Wildmoser-Sohn wird später
verurteilt, der Papa bald freigelassen, jedoch zum Rücktritt gedrängt. Der Nachfolger,
Karl Auer, kann mit schmerzhaften Spieler-Verkäufen den erneuten Lizenzentzug verhindern,
doch die Löwen landen auf einem Abstiegsplatz
Giasing
- 2004: 2. Liga. Der TSV beschließt, ein Jahr im Grünwalder zu
spielen
- 2005: Der Wiederaufstieg wird knapp verfehlt. Beim abermaligen
»endgültig letzten« Spiel im GWS kommt es zu heftigem Protest, als ein ansonsten
untadeliger Spieler das GWS schlecht redet und die neue Arena in den tatsächlich von deren
Oberkante nicht sehr weit entfernten Himmel lobt
Zwischending aus Ikea und McDonald's
Zitat Albrecht von Linde wenige
Tage nach seinem Rücktritt als Löwen-Präsident (TZ 28.5.2008):
»Jetzt kann ich's ja sagen: Es hat mich immer Überwindung gekostet, dieses Bauwerk
zu betreten. Für mich ist die Arena ein architektonischer Bastard. Von außen
futuristisch, innen eine Mischung aus IKEA und McDonald's mit massiven baulichen Fehlern. Wie man
so viel Geld für so etwas Mittelmäßiges ausgeben kann, das wird mir auf ewig ein
Rätsel bleiben.«
Zweitliga-Arena
- 2005/06, Saisonanfang: Umzug in die Arena (vulgo:
»Schlauchboot«, vgl.: Stupidedia¹) in Großlappen (Fröttmaning). Nach grandiosen Testspiel-Erfolgen gewinnen die Löwen
nur drei von neun Heimspielen der Vorrunde (anfangs vor ausverkauftem
Haus), jedoch fünf von acht Spielen auswärts
Whitewater-Rafting
- 2006: Die Arena ist für die Löwen nicht zu finanzieren. Entgegen KHWs
Ansage, die Arena werde genau wie andere Stadien auch zehn Prozent der Karteneinnahmen kosten,
fallen Zusatzkosten in Höhe mehrerer Millionen pro Jahr für den ganzen VIP-Zauber nebst
»catering« an. Die Gegenfinanzierung durch Premium-Plätze scheitert an der
Tatsache, dass 60 kein Premium-Club ist. »Arena-Touristen«, die mit den Löwen
nichts verbindet, füllen zwar gelegentlich die Ränge; ihr emotionsloses Verhalten ist
jedoch der Stimmung nicht gerade zuträglich. Abermals stellt sich heraus, dass ein Spielort
mit mehr Zuschauerplätzen keineswegs automatisch mehr Fans bringt (vgl.
KHW, 1996: »Vielleicht verlieren wir 500, vielleicht auch 1000 Fans. Im Olympiastadion
können wir aber 30000 dazugewinnen!«). Minus-Rekord bei den Zuschauerzahlen: Zum
unrühmlichen DFB-Pokal-Viertelfinale im Januar kommen gerade mal 20000. Präsident Auer
tritt zurück, der Aufsichtsratsvorsitzende Lehner übernimmt für ein Jahr. Er stellt
mit Dr. Ziffzer einen Sanierer ein, dieser bleibt allerdings umstritten die Tatsache,
dass das übernommene Debakel nicht von jetzt auf nachher zu reparieren ist, hilft ihm nur
wenig. Ziffzer kann zwar die Lizenzbedingungen durch den Verkauf der Arena-Anteile an den
Mitinhaber knapp erfüllen (eine Option, die von Anfang an Bestandteil des
Gesellschaftervertrages war), hat aber, so seine Gegner, keinen Plan: »Flucht nach
vorne« und ähnliche Sprüche hat man bei 60 schon zu oft gehört. Mit der als
ultimativ empfundenen Aufforderung, schnell mal ein paar Millionen extra zu zahlen, verärgert
er den Sponsor (Manfred Stoffers, Festina). Ersatz findet sich in Form
einer dubiosen Sportwetten-Firma, die erfolglos versucht, durch teure »Publicity« das
staatliche Glücksspiel-Monopol zu brechen und sich ein Werbeverbot einhandelt. 60
läuft mit Trikots auf, die den Sponsor nur noch indirekt nennen. Nach Jahresfrist wird dieser
abgelöst zu welchen Konditionen, bleibt geheim. Lehner kann sich über das
Präsidentschaftsjahr retten, obwohl ihm vorgeworfen wird, wider besseres Wissens lange Zeit
die Entscheidungen des Ex-Präsidenten Wildmoser abgenickt zu haben. Umstritten bleibt
ebenfalls, warum Lehner Ziffzer weit über die eigene Amtszeit hinaus vertraglich an 60 bindet
und umgekehrt. Allerlei Verschwörungstheorien machen die Runde manche vermuten
gar den Fabrikanten der bekannten Billig-Bratwürste als Drahtzieher. Die Optimisten werden
weniger, die Arena-Befürworter auch. Viele »ewig« treue Fans trifft man nur noch
bei den Spielen der zweiten Mannschaft im GWS oder auswärts
Mieter beim Lokalrivalen
- 2007: Der neue Präsident heißt Albrecht von Linde und ist
langhähriges Mitglied bei 1860, allerdings nicht der Fußball-Abteilung. Nicht nur von
dort erfährt er Ablehnung, auch vom Geschäfrsführer der KGaA, der ihn als
»Grüß-August« vor der Presse abqualifiziert. Entsprechend enttäuscht
werden die Hoffnungen auf einen wirklichen Neuanfang. Ziffzer verkauft die Rückkauf-Option an
den ehemaligen Stadionpartner, geht jedoch einen ungewöhnlich langen Mietvertrag
ein zu Konditionen, die sich 60 ebenfalls nicht leisten kann. So bezeichnet er gar
ein Saison-Minus von einer Million Euro als Erfolg. Doch dadurch wird das Drängen der
Mitglieder und Fans auf eine Alternative zum Mieter-Dasein im überteuerten Tempel des lokalen
Erzrivalen nicht gerade geringer
Heimweh
- 2008: Die Initiative »XX-Tausend« plant, zum letzten
Amateur-Heimspiel am 24. Mai das GWS zu füllen, und damit für den Erhalt der Heimat,
vielleicht gar für Renovierung und Rückkehr ein Zeichen zu setzen. Das Präsidium
unterstützt die Aktion
Bei allen positiven Ansätzen: Das traditionelle Chaos tobt weiter 60 bleibt
also doch ein Traditionsverein
zumindest in dieser Hinsicht
Literatur zum Thema:
- Roman Beer: »Kultstätte an der Grünwalder Straße.
Die Geschichte eines Stadions« Verlag »Die Werkstatt«, Juli 2004,
ISBN 3895334634, € 24,90
- Manfred Fock: »Der letzte
Spieltag« Fangorn Verlag, September 1997, ISBN 3980367940, € 9,50
- Elisabeth Angermair, Roman Beer, Manfred P. Heimers: »Fußball in
München. Von der Theresienwiese zur Allianz-Arena«
München-Verlag, März 2006, ISBN 3937090126, € 19,80