Sueddeutsche Zeitung, 17. April 2003
Ihren letzten großen Auftritt im deutschen Fußball hatten jüdische Trainer, Funktionäre, Mäzene und Journalisten am 12. Juni 1932 in Nürnberg beim Meisterschaftsfinale zwischen Bayern München und Eintracht Frankfurt. Es war das letzte Endspiel vor der Machtergreifung der Nazis. Der Präsident des FC Bayern hieß Kurt Landauer und war Jude, wie auch Trainer Richard Dombi und Jugendleiter Otto Beer, dessen exzellente Nachwuchsarbeit die Münchner Finalteilnahme erst möglich gemacht hatte. Beim Gegner aus Frankfurt wurden die Spieler »Schlappekicker« gerufen, weil die größte Schuhfabrik Europas, J. & C. A. Schneider, Mäzen des Klubs war. »Schlappe« nannte man in Hessen die Hausschuhe, die das Unternehmen herstellte, und die besten Spieler der Eintracht arbeiteten in dem jüdischen Unternehmen.
Zehn Tore in einem Länderspiel
Auf der Pressetribüne saßen die Frankfurter Journalistenlegende Max Behrens und Walther Bensemann, Gründer und Chefredakteur des »kicker«, beide Juden. Ebenfalls im Stadion war David Rothschild, ehemals Präsident des FSV Frankfurt, auch er Jude wie sein Nachfolger Alfred J. Meyers, der das Stadion am Bornheimer Hang gebaut hatte.
Dietrich Schulze-Marmeling erinnert in dem von ihm herausgegebene Sammelband »Davidstern und Lederball« (Verlag die Werkstatt, 512 Seiten, 26,90 Euro) an diesen Tag und an »das in offiziellen Chroniken in der Regel verschwiegene oder nur in wenigen Sätzen abgehandelte Wirken« von Juden im Fußball. Eine Suche nach verwischten Spuren ist das, die auch über deutsche Grenzen hinaus reicht, besonders nach Österreich, wo Juden im Fußball eine noch wichtigere Rolle spielten. Hier zu Lande gehörten sie in den Gründerjahren des Spiels dennoch zu den treibenden Kräften: bei der Gründung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), bei den oben genannten Klubs, beim VfR Mannheim, Victoria Hamburg, Tennis Borussia Berlin und etlichen anderen Vereinen. Die jüdische Minderheit, so schreibt die Sporthistorikerin Christiane Eisenberg, »assimilierte sich mittels des Sports im Bürgertum«.
Das taten sie jedoch nicht nur als Funktionäre oder Mäzene, es gab auch etliche außergewöhnlich erfolgreiche jüdische Fußballspieler. Simon Leiserowitsch, genannt: Sim Leiser, wurde im Trikot von Tennis Borussia zum großen Vorbild der Berliner Fußballlegende Hanne Sobeck. Den Torrekord der deutschen Nationalmannschaft hält bis heute Gottfried Fuchs vom Karlsruher FV. Ihm gelangen während des Olympischen Fußballturniers 1912 beim 16:0 gegen Russland zehn Treffer. Solche Erfolge waren gut fürs jüdische Selbstbewusstsein, weil sie dem antisemitischen Stereotyp des »kraftlosen Juden« widersprachen. Das erklärt auch den Stolz des österreichischen Schriftstellers Friedrich Torberg auf die Erfolge des jüdischen Klubs Hakoah Wien, der 1924 die erste Profimeisterschaft des Landes gewann. »Ich hatte das unschätzbare Glück, mich niemals keine einzige Sekunde meines Judentums schämen zu müssen. Wofür hätte ich mich denn schämen sollen? Dafür, dass die Juden mehr Goals schossen ( ) als die anderen«, schrieb Torberg.
Erster jüdischer Nationalspieler im deutschen Team wurde 1911 Julius Hirsch vom Karlsruher FV. 1939 strich ihn der kicker aus der Auflistung »Die deutschen Nationalspieler«, 1943 starb Hirsch in Auschwitz. Nach ihm ist heute eine Schulsporthalle in der Nähe von Karlsruhe benannt, doch das ist eines der wenigen Beispiele, wo an jüdische Traditionen im deutschen Fußball erinnert wird. Die Ignoranz der Geschichte gegenüber haben Walter Jens auf der Jubiläumsfeier zum 75. Geburtstag des DFB sehr scharf und Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des 100. vor knapp drei Jahren immer noch deutlich kritisiert. Doch weiterhin tut sich der DFB schwer, obwohl eine Aufarbeitung seiner Historie in Arbeit ist.
Dem FC Bayern, der nicht nur seinen ersten Meistertitel von 1932 Juden mit verdankt, sondern bereits seine Vereinsgründung, wirft Schulze-Marmeling »falschen Umgang mit der richtigen Geschichte« vor. In den Annalen des Klubs seien die jüdischen Traditionen nicht mehr als Fußnoten, obwohl der Vorsitzende Kurt Landauer nach dem Krieg zurück kam und den Verein von 1947 noch einmal vier Jahre lang führte.
Geschichtsvergessenheit beklagt auch Erik Eggers in seinem Beitrag über den Publizisten Willy Meisl bei Sportjournalisten, deren Verband im letzten Jahr angesichts des 75. Geburtstags mit keinem Wort auf die jüdischen Kollegen einging, die nach 1933 ihre Jobs oder schlimmer noch ihr Leben verloren. Auch die Fachzeitschrift »kicker« könnte sich heute voller Stolz auf ihren Gründer Walther Bensemann berufen und tut es nicht. Seinem Leben widmet Bernd-M. Beyer einen biographischen Roman (»Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte«, Werkstatt-Verlag, 544 Seiten, 26,90 Euro), in dem deutlich wird, wie sich der Kosmopolit als Pionier des Spiels verdient machte.
1887 startete Bensemann als 14-Jähriger mit englischen Mitschülern den Football Club Montreux in der Schweiz, sechs Jahre später den Vorläufer des FC Bayern München und initiierte den Karlsruher FV, der 1910 Deutscher Meister wurde. Für Bensemann war Fußball schon früh ein Mittel der Völkerverständigung. Ständig war er auf Reisen, um neue Kontakte zu knüpfen, was ihm vom damaligen DFB-Präsidenten Linnemann den Vorwurf eintrug, er »denke zu international«. 1920 gründete Bensemann den »kicker« und entwickelte dort eine hochstehende Form des Sportfeuilletonismus, von der im heutigen Blatt kaum mehr etwas zu sehen ist. An Bensemann, der 1933 in die Schweiz emigrieren musste und dort 1934 starb, erinnert beim kicker nichts und niemand.
Um falsches Erinnern geht es Simon Kuper in seinem wütenden Buch »Ajax, the dutch and the war« (Orion Publishing; 244 Seiten; 14,99 Pfund). Der englische Autor wuchs zeitweise in Holland auf und bekam dort das Gefühl, im Land der Guten zu wohnen, das der Nazi-Okkupation mit kollektivem Widerstand begegnet war. Kuper gibt zu, dass die Annahme naiv und von der Geschichtsschreibung korrigiert worden ist. Seinen Zorn mindert das nicht, und im Vereinsarchiv von Sparta Rotterdam findet er dazu das Material. »Es gibt einen Eindruck des Lebens im besetzten Holland, wie ich ihn nie zuvor bekommen habe«, schreibt er. Es geht um Korrespondenzen über den Ausschluss von jüdischen Vereinsmitgliedern und Vorstandsdiskussionen, wie groß das Schild »Für Juden verboten« am Stadion sein soll. Für Kuper passt das ins Bild eines Landes, in dem die Polizei bei der Deportation der Juden half und prozentual so wenig Juden den Holocaust überlebten wie sonst nur in Polen.
»Steht auf, wenn ihr Juden seid«
Auch über Ajax Amsterdam empört er sich, aber nicht weil der Klub vehement abstreitet, ein »jüdischer Klub« zu sein. Ajax hat heute mit dem seltsamen Pro-Semitismus ohne Juden zu tun. Wenn in der Amsterdam Arena israelische Fahnen wehen, singen die Anhänger: »Steht auf, wenn ihr Juden seid.« Der Aufstieg des Klubs in den späten sechziger Jahren wurde von Juden mitbefördert, und vor dem Krieg hatte Ajax viele jüdische Fans. Kuper würde sich deshalb ein Bekenntnis des Klubs wünschen: »Wir sind stolz auf den jüdischen Aspekt unserer Identität. Wir werden an die Tausende Juden, die während des Kriegs getötet wurden, mit einer Statue von Eddy Hamel (ein Spieler, der im KZ starb, d. Red.) erinnern.«
In ähnlicher Form könnte man hier zu Lande diese Forderung nach deutlichen Zeichen des Respekts auch gegenüber dem DFB, dem FC Bayern oder dem kicker-Sportmagazin erheben, die auf unterschiedliche Art und Weise Juden viel zu verdanken haben.
Christoph Biermann, Sueddeutsche Zeitung, 17. April 2003