WochenZeitung, 24. April 2003
Jüdische Sportler waren maßgeblich an der Entwicklung des Vereinsfußballs in Europa beteiligt. Zwei neue Bücher erzählen von dieser bis heute weitgehend tabuisierten Geschichte.
Wahrscheinlich wäre die Geschichte des europäischen Spitzenfußballs in den letzten achtzig Jahren ganz anders verlaufen, hätte es Hugo Meisl nicht gegeben. 1924 gründete der österreichische Jude in seinem Heimatland die erste Profiliga auf dem europäischen Kontinent, und drei Jahre später war er maßgeblich an der Einführung des Mitropa-Cups beteiligt, einem Vorläufer der heutigen Europacupwettbewerbe. Nicht zuletzt fungierte Hugo Meisl (1881-1937) in den frühen dreißiger Jahren als Teamchef jener »Wunderelf« genannten österreichischen Auswahlmannschaft, die mit ihrer leichtfüßigen Spielweise den internationalen Fußball revolutionierte.
Meisl steht stellvertretend für eine Vielzahl jüdischer Kicker und Funktionäre, die die Entwicklung des Fußballs zu einem Massensport pionierhaft mitgestaltet haben und als Modernisierer und Globalisierer im besten Sinne gelten können. Die offizielle Fußballgeschichtsschreibung hat dem bisher bestenfalls ansatzweise Rechnung getragen, oft genug hat sie diese Aspekte aber auch verschwiegen oder verfälscht. Umso erfreulicher, dass jetzt ein schon mehrere Jahre geplantes Projekt endlich zum Abschluss gekommen ist: Unter dem Titel »Davidstern und Lederball« würdigen ein Dutzend Autoren erstmals in angemessenem Umfang maßgebliche jüdische Fußballpioniere.
Der wichtigste in der Frühphase dieses Sports war gewiss Walther Bensemann, Gründer diverser süddeutscher Vereine und darüber hinaus einer der ersten Sportdiplomaten: 1898 und 1899 noch bevor sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) konstituierte organisierte er in Eigeninitiative bereits inoffizielle Länderspiele. Ständig war er auf Reisen, nicht mal eine Wohnung soll er gehabt haben. Der Bohèmien Bensemann, der 1934 im Exil in Montreux starb, wo er einst auch eine englische Schule besucht hatte, war den bornierten und überwiegend bürgerlich-nationalistischen Regenten des deutschen Fußballs stets suspekt.
Vielen jüdischen Fußballprotagonisten ist eine kosmopolitische Haltung gemein. Als Fußballweltbürger gilt beispielsweise auch der Ungar Béla Guttmann (1899-1981), Mittelläufer der in den zwanziger Jahren Weltklasse repräsentierenden Elf von Hakoah Wien und von 1932 an Coach unter anderem in Brasilien, Argentinien, Italien und Zypern; mit Benfica Lissabon wurde er 1961 und 1962 (gegen die damals kaum schlagbare Elf von Real Madrid) Europapokalsieger der Landesmeister. Das Buch »Davidstern und Lederball« steht für ein Zusammenspiel von Geschichtswissenschaftlern, Migrationsforschern und leidenschaftlichen Fußballpublizisten, das heißt solchen, die bis an die obskuren Ränder ihres Themengebiets vordringen und akkurate Statistiken für unerlässlich halten. So verfolgen die Autoren einerseits die Lebenswege ihrer Protagonisten während des Naziterrors, andererseits lässt sich in den von Werner Skrentny zusammengestellten Kurzporträts jüdischer Fußballbotschafter, die in den zwanziger Jahren in die USA wechselten und dort am ersten kurzen Fußballboom beteiligt waren, nun unter anderem nachlesen, wie viele Tore der ungarische Internationale Josef Eisenhoffer zwischen 1926 und 1932 für die Brooklyn Wanderers geschossen hat.
Wenn es einen internationalen Spitzenklub gibt, der auf eine jüdische Tradition verweisen kann, die den Verein auch aktuell noch prägt, dann ist dies ohne Zweifel Ajax Amsterdam, die Nationalikone der Niederlande. Die heutigen Regenten des Vereins tun dies allerdings nicht nur ungern, sie leugnen den jüdischen Teil der Klubgeschichte sogar. Unter anderem diesem Widerspruch geht Simon Kuper in seinem fulminanten Buch »Ajax, the Dutch, the War« nach. Wie sich die Beziehung zwischen Ajax und den Juden seit der deutschen Invasion vor 63 Jahren entwickelt hat das war bereits der Schwerpunkt in der niederländischen Ausgabe gewesen, die vor drei Jahren erschienen ist. In der stark erweiterten englischen Fassung untersucht Kuper nun auch, wie sich Faschismus und Krieg in anderen europäischen Ländern auf den Fußball ausgewirkt haben.
»I have always thought that football is a good way into the daily life of a country«, schreibt Kuper im Vorwort und beweist auf den folgenden rund 240 Seiten, dass die Fußballliteratur genau solche Ansätze braucht und keineswegs noch mehr Fanmemoiren oder andere Bekenntnisaufsätze. Kuper hat für sein Buch Zeitzeugen in verschiedenen Ländern besucht, darunter den in London lebenden Leon Greenman, heute 89 Jahre alt. Er ist der einzige Mensch, der noch erzählen kann, was mit Eddy Hamel geschah, der zwischen 1922 und 1930 Rechtsaußen bei Ajax gewesen war. Rob van Zoest, der das 2000 erschienene Jubiläumsbuch des Vereins zusammengestellt hat, glaubt, Hamel sei »vor dem Zweiten Weltkrieg« gestorben symptomatisch für den offiziellen Umgang mit der Vergangenheit bei Ajax. Tatsächlich wurde der Stürmer 1943 in Birkenau vergast; er sei wegen eines Abszesses im Mund schnell »selektioniert« worden, sagt Greenman, der das KZ überlebte.
Die Ignoranz gegenüber dem Schicksal Hamels ist nur eine der vielen widersprüchlichen Facetten in der Haltung des Vereins. Anders als fast alle anderen holländischen Klubs habe Ajax wenn auch nicht als Institution, sondern »als informelles Netzwerk« seinen jüdischen Mitgliedern während der Besatzungszeit geholfen, betont Kuper. So konnte Jaap van Praag überleben, der von 1964 bis 1978 Präsident von Ajax werden sollte in der erfolgreichsten Zeit der Vereinsgeschichte.
Dass Holland für die Überlebenden ab Ende der fünfziger Jahre langsam ein freundlicherer Ort zu werden begann, hat viel mit Ajax zu tun. Hier traten nun verschiedene jüdische Identifikationsfiguren in den Vordergrund: der Rechtsaußen Sjaak Swart, der in den frühen siebziger Jahren mit Ajax zweimal Europacupsieger werden sollte, der spätere A-Auswahl-Kapitän Bennie Muller und der legendäre Masseur Salo Muller, der Johan Cruyff im Bedarfsfall blitzschnell wieder hinbekam. Für viele Holocaust-Überlebende wurde der Verein zur Familie das ist gemeinhin eine Phrase, aber jemand, der keine richtige Familie mehr hat, empfindet dies anders.
Allmählich begann nun Ajax' Aufstieg zu einem Weltklasseklub, und obwohl dies zu einem gewichtigen Teil jüdischen Mitgliedern zu verdanken ist, hatte diese Entwicklung auch eine anrüchige Seite. Nicht möglich gewesen wäre sie ohne das Geld der Gebrüder van der Meijden, genannt »die Bunkerbauer«. In der Besatzungszeit waren sie zu Reichtum gekommen, indem sie für das Dritte Reich arbeiteten, und ab den fünfziger Jahren investierten sie einen Teil davon in den Verein: Sie bezahlten Ablösesummen und halfen den Spielern dabei, sich neben dem Fußball eine Existenz aufzubauen. Der wichtigste Bündnispartner der alten Nazifreunde wurde ausgerechnet der Jude Jaap van Praag, dessen Eltern und Schwester von den Deutschen ermordet worden waren. Der Erfolg basierte indes nicht nur auf schmutzigem Geld, denn zu den Finanziers gehörte auch der milliardenschwere Immobilienmagnat Maup Caransa, der fast seine gesamte Familie im Holocaust verloren hatte. So bekam Ajax das Image, ein »Judenclub« zu sein was einen im Laufe der Jahre stets weiter eskalierenden Antisemitismus im holländischen Fußball mit sich brachte. Gegnerische Fans singen »Hamas, Hamas/Juden ins Gas« oder geben Zischlaute von sich, um den Klang von ausströmendem Gas zu imitieren. Ajax-Fans haben deswegen vor mehr als zwanzig Jahren begonnen, israelische Flaggen zu schwenken, doch der Verein leugnet heute »jede Verbindung mit Juden«, weil er Angst hat, die Hassgesänge zu fördern, sagt Kuper. Die Geschichtsklitterung gipfelt in einem Passus des Jahrbuchs von 1995, in dem es heißt, nach dem Ende der Besatzung habe Ajax unter seinen Mitgliedern keine Toten zu beklagen gehabt. Stimmt immerhin insofern, als die vergasten Kicker zum Zeitpunkt ihres Todes nicht mehr zum Verein gehörten man hatte sie ja 1941 ausgeschlossen. So ist es nur konsequent, dass in der Amsterdam Arena, in der es in dieser Saison mehrmals Champions-League-Fussball zu sehen gab, kein Mahnmal an diese jüdischen Opfer des Faschismus erinnert.
Rezension von René Martens, WochenZeitung (CH), 24. April 2003