Rede von Eberhard Schulz (Kuratorium der Ev. Versöhnungskirche Dachau, Jurymitglied für den Julius-Hirsch-Preis, Löwenfans gegen Rechts), zum 23. Juni 2006

Liebe Freunde aus England, Polen und Deutschland, ihr Freunde des Fußballs,

Eberhard SchulzWir haben das Kaddish, das Totengebet des Volkes Israel, gehört und mitgebetet. Das Kaddish-Gebet bringt uns in Verbindung mit den hier gequälten und ermordeten Menschen aus 32 Nationen.

Dieses alte Gebet würdigt Sie in besonderer Weise. Es ist gut, und kann auch uns ein Trost sein, Sie in Gottes Händen zu wissen.

In ihrem gemeinsamen Überlebenskampf machten die Häftlinge die Erfahrung, dass nationale, politische, religiöse und Standesgrenzen sich zwischen ihnen relativierten und sich oftmals auflösen konnten.

Unter den lebensfeindlichen Bedingungen des Lagerterrors diskutierten und lebten Sie das Modell einer zukünftigen europäischen Friedensordnung.

Im »Geist der Lagerstraße« gewachsen aus den Erfahrungen der Solidarität und Brüderlichkeit entfalteten Sie, Polen, Engländer, Deutsche, Italiener, Franzosen, Niederländer, Spanier, Russen, Kommunisten, Juden, Christen und die anderen, jetzt hier nicht genannten, zum System der Unterdrückung und Vernichtung eine Gegenkraft. Aus dieser Kraft ist das »Nie wieder! – Never again!« geboren.

Das »Nie wieder! – Never again!«, das Vermächtnis der Häftlinge von Dachau ermuntert uns heute, als Bürger und Bürgerinnen unserer Heimatländer und als Fußballfreunde, mit der uns eigenen Fantasie und Kreativität, uns aktiv in unseren Gesellschaften, in den Fußballstadien und unseren Kurven einzubringen: für die Achtung der Würde jedes Menschen, für das gewaltfreie Lösen von Konflikten. Antisemitismus, Rassismus und Gewalt dürfen in unseren Gesellschaften und in unseren Stadien keine »freien Räume« erhalten.

Das ist keine Utopie. Staunend und sehr beglückt erleben wir in diesen WM-Wochen, wie die Fußballbegeisterten aus aller Welt sich mit Neugier, Achtung, mit großer Freundlichkeit und Gastfreundschaft begegnen. Und wir tragen dazu bei!

Lasst uns zum Gott Israels, der auch unser himmlischer Vater ist, der uns ein Universum des Friedens geschenkt hat, wie es im alten Kaddish-Gebet heißt, beten.

Gebet:

Unser Vater, Bewahrer und Förderer allen Lebens, Du Feind des Todes, vor 61 Jahren sind die überlebenden Häftlinge von Dachau befreit worden, die Gebrochenen und die Ungebrochenen. Aus den Erfahrungen ihres Leidens und aus den Erfahrungen der gegenseitigen Solidarität und Unterstützung haben sie für sich und für uns heute die Aufforderung geschmiedet »Nie wieder Dachau!«

Ja, unser Vater, wir sind hier und heute aufgefordert, diesen Ball aufzunehmen. Gib, dass dieser Besuch der Gedenkstätte uns hell wach sein lässt, wenn Menschen ausgegrenzt werden, die anders sind. Lass uns für ihre Rechte das Wort ergreifen.Gib uns eine Empfindsamkeit dafür, dass wir die wachsende Judenfeindlichkeit in unseren Ländern früh erkennen und Widerspruch einlegen in der Gesellschaft und in unseren Stadien. Herr, Du forderst uns auf, das Böse in uns und öffentlich zu demaskieren und zu bekämpfen. Wir wissen, es ist unsere Aufgabe, ihm niemals eine zweite Chance zu geben, nie wieder! Stärke uns bei dieser Arbeit.

Herr, hier ist auch der Ort um zu danken, für diese Tage der Begegnung während der WM. Großartige Fanfreundschaften zwischen den Menschen der teilnehmenden Nationen sind entstanden. Herr, es ist in deinem Sinne, wenn wir uns da weiter kräftig einmischen und mitmischen. Amen

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