LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Fan-Dasein

Wi(e)der das Alltägliche

09.03.02: Derby in München. Auf dem Weg ins Stadion laufen vor mir zwei bierbäuchige Männer, Anfang 50, beide mit Löwenschals behängt. Die Unterhaltung dreht sich um die Spieler des Gegners. Die Rede fällt auf die Anzahl dunkelhäutiger Spieler in dessen Reihen. Man stellt einmütig fest, dass FCB inzwischen doch wohl für FC Bimbo stehe.

04.03.01: Rückfahrt vom Auswärtsspiel beim FC St.Pauli. Der Wagen ist voller Löwenfans (keine Skins), die fast alle die Auswirkungen der Nacht auf dem Kiez auszuschlafen versuchen. Ein paar Spätpubertierende spielen Kampftrinker. Ein dunkelhäutiger Mann läuft durch den Großraumwagen. Aus einer Ecke kommt der Ruf: »Ui a Schwarzfahrer«. Die Kampftrinkerfraktion nimmt diese Vorlage gerne zu weiteren Kommentaren auf.

08.09.01: Heimspiel gegen Nürnberg. Der dunkelhäutige Löwenspieler Samuel Ipoua wird verletzungsbedingt ausgewechselt. Verabschiedet wird er von den eigenen Fans mit Rufen wie: »Geh hoam in Busch, Bananenpflücker«. Die Rufe kommen von End-40ern in Ski-Anoraks.

Wenn von Rassismus beim Fußball die Rede ist, dann wird in der öffentlichen Meinung das Bild von Skinhead-Horden wach, die »Sieg Heil« grölend vom Bahnhof zum Stadion ziehen. Es entsteht eine Wahrnehmung, als wäre das Problem Rassismus gleichzusetzen mit offenem Rechtsextremismus und entsprechende Gruppen. Dies trifft eben so wenig zu wie die Annahme, bei Skinheads oder gar Hooligans (ohne dabei das hier vorhandene Gewaltpotential verharmlosen zu wollen) handle es sich ausnahmslos um Neonazis. Rassismus ist ein viel tiefer gehendes soziales Problem und als solches auch in den Stadien viel differenzierter, als dass man es nur auf die üblichen Verdächtigen reduzieren könnte. Den »alltäglichen«, »normalen« Rassismus trifft man im Stadion ebenso wie auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der U-Bahn usw.. Hier soll bewusst nicht auf den »organisierten« Rassismus offen auftretender Rechtsextremisten eingegangen werden, sondern auf den Rassismus, der eben alltäglich ist. Diesen Rassismus gibt es in beinahe allen Stadien ebenso wie in beinahe allen Betrieben oder ähnlichem. Und es gibt diesen Rassismus auch bei den Spielen des TSV 1860 München. Das Auftreten offenen Rechtsextremismus (auch das gibt es bei Spielen des TSV 1860 München eben so wie in vielen anderen Stadion) soll dadurch hier nicht verdrängt werden. Allerdings ist der Rassismus eben nicht ein Problem, dass eine radikale Minderheit auslöst sondern ein viel weitergehendes.

Rassismus tritt dann zu Tage, wenn Hautfarbe, Herkunft (oder besser: ethnische Zugehörigkeit) usw. mit anderen Dingen in Verbindung gebracht wird, die eben mit diesen Faktoren absolut gar nichts zu tun haben. Ein Beispiel dazu aus dem Alltag: In einer gut gefüllten U-Bahn machen als Deutsche erkennbare Schulkinder (was auch immer die Erkenntlichkeit ausmachen mag) für die Mitfahrenden unerträglichen Lärm (was auch immer das sein mag). Die Reaktion wären wohl Ansagen wie: »Seids stad, ihr Saufratzen« oder ähnliches. Wären diese Kids klar als z.B. türkischer Abstammung zu erkennen, dann wäre die Reaktion in nicht wenigen Fällen: »seids stad, Scheißkanaken«. Hier zeigt sich Rassismus. Auf das selbe Verhalten wird unterschiedlich reagiert. Nicht mehr das Missfallen an pubertärem Übermut wird geäußert, sondern dieser pubertäre Übermut wird mit einer bestimmten Zugehörigkeit zu einer anderen als der eigenen ethnischen Gruppe in Verbindung gebracht. Das selbe erlebt man regelmäßig im Stadion. Foult ein deutscher Spieler des Gegners den eigenen Stürmer dann wird er (auch vom Autor dieses Textes) als Drecksau tituliert. Begeht das Foul ein »Ausländer«, dann fallen Ausdrücke, wie »Scheiß Kanake«. Foult ein dunklehäutiger Spieler, dann fallen Ausdrücke wie »Drecksnigger«. Es wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem Foul und Herkunft oder Hautfarbe des Spielers. Eine solche Verbindung gibt es aber nicht, und daher sind solche Äußerungen eindeutig rassistisch.

Wie verbreitet dieser Rassismus ist, zeigen die oben aufgeführten Beispiele, wie sie diese Saison bei Spielen des TSV 1860 vorgekommen sind. Die Kette an Beispielen lässt sich sowohl für Spiele des TSV als auch für die anderer Vereine beliebig fortsetzen. Es gehört zum Alltag im Stadion, dass sich irgend jemand darüber erregt, dass beim Gegner nur mehr »Ausländer« spielen, und meint, dass dies den Gegner dikreditiere. Das Schlimme daran ist nicht (nur), dass dies von Rassismus und Dummheit zeugt, sondern vor allem, dass es »normal« und »alltäglich« ist.


… ein Fan-Beitrag, März 2002


Nachtrag: Das Sport-Bild-Sonderheft zur Saison 2001/02 listet 23 Spieler im Kader des TSV 1860 auf. Zwölf davon haben keinen deutschen Pass.


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