LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Fan-Dasein

Mein erstes Auswärtsspiel, Arsenal London gegen TSV 1860, die Gunners gegen die Löwen, im Innsbrucker »Tivoli« am 6. August 2002

So, es ist soweit, der Tag meines allerersten Auswärtsspiels ist da. Ich war sogar ein klein wenig aufgeregt. Bislang habe ich die Auswärtsspiele immer auf Großbildleinwand im Vollmond angesehen. Aber jetzt nun wirklich, nach so vielen Jahren, meine Auswärtspremiere.

Schon die Hinfahrt war ein Hit. Lässig, brasilianische Rhythmen und live miterlebte Theater-Textproben: Sie: »… Sie sind ein Perverser!« Er: »Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Möchten Sie vielleicht eine Sardine?« … Soviel dazu. Unsere Verpflegung war hervorragend: Fleischpflanzerl und vegetarische Pflanzerl, Augustiner Helles, Eistee und Apfelschorle, wunderbar! Wir neun im Bus hatten mächtig Spaß. In Innsbruck angekommen, haben wir prompt das Stadion gefunden. Schnell die Karten gekauft und ab in den Biergarten, in dem sich schon einige Löwen-Fans an dem kühlen Nass labten.

Dann – endlich im Stadion. Es ist ein geiles Stadion für ca. 15.000 Zuschauer. Der Gästeblock (wir) im Süden. Wir erobern sogar mit unserem Rollstuhlfahrer die Kurve. Der Ausblick gigantisch – man schaut über das Stadiondach mitten in die Berge. Der Sonnenuntergang am Abend war ein Traum! Das Lokalderby der beiden innsbrucker Mannschaften war dahingegen gar nicht so toll – eher sogar ein typisches Gurkenspiel. Bis auf Samuel K…(?), der gleich 3 Tore für die SPG Wattens/Tirol schoss. Auch der rechte Außenverteidiger, die Nummer 19 (Riedl?) war gut, bloß seine Flanken sind wie Cernys Flanken – erst die 30. kommt durch (grins). Einige in unserer Kurve fangen die üblichen Gesänge an: »Ihr seid Schei… wie der FCB« oder »Innsbrucker Arschlöcher« leider aber auch: »Wir sind deutsch« – so ein Mega-Schwachsinn.

Nun ja, die Pause: Ein Brüller! So sind sie halt, die Nachbarn, feiern einen englisch-singenden Lokalmatador am Mikrophon, der so grottenschlecht gesungen hat, daß meine einzige Rettung der Gang zur Toilette war. Dann noch eine Tanz-, Sing- und Saxophon-Lady mit ihren Tänzerinnen. Furchtbar. Mein Nachbar bemerkt, daß die Fan-Kultur bei einem Fußballspiel so langsam kaputt geht, in den Pausen überlaute Musik aus fetten Lautsprechern, da bleibt kein Platz für Gesänge und Choreographien der Fans. Stimmt, man wird einfach zugedröhnt.

Endlich: Warmlaufen der Mannschaften. Zuerst kommen die Löwen, unsere Kurve wird gleich wach, der Support beginnt lauthals »sechzig – sechzig – sechzig«, »Hier regiert der T-S-V« etc. Dann kommen SIE, wegen denen ich eigentlich hingefahren bin: David Seaman, Thierry Henry, Patrick Vieira, Dennis Bergkamp, Sol Campbell, Ashley Cole, Kanu – ja und sogar der Edu (grins), Oleg Luzhny, Gilberto Silva … und wie der Seaman gelacht hat, als er zum Tor vor unserer Kurve lief und ausgepfiffen wurde. Er strahlt über das ganze Gesicht, sehr symphatisch!

Dann geht das Spiel los. Und gleich gefällt mir der Ehlers, was haben sie dem wohl im Trainingslager ins Essen getan? 60 beginnt gar nicht schlecht, denn gleich zu Anfang steht Suker vor Seaman, aber es war nur ein kleines Problem für Seaman. Arsenal, so habe ich das Gefühl, spielt gar nicht "Volldampf", sie lassen den Ball kurz laufen, mal nen Querpass, der meist ankommt. Das Spiel ist nicht berauschend, dafür heizen einige in unserer Fankurve die Stimmung plötzlich verdammt unangenehm an. Immer wenn Thierry Henry, Patrick Vieira oder ein anderer farbiger Spieler am Ball ist, kommen sie wieder, diese bescheuerten »Uh-uh-uh«-Rufe. Wir halten gleich dagegen und drehen uns um und schreien »Maul halten«, »Hörts auf damit«. Einer schaut mir in die Augen, und ich sage zu ihm: »Was soll denn das? Schäm dich«, da hebt er die Hand zum Hitler-Gruß und sagt »Sieg Heil«. Ich bin baff, das hab ich noch nie so direkt erlebt, es geht um Fußball und dieser Schei…-Typ macht rassistische Gesten und Sprüche. Die Stimmung im Block wird richtig ätzend – immer mehr diskriminierende und rassistische Rufe. Wir halten dagegen, aber es sind zu viele, die sich mitreißen lassen. Viele der Ätz-Typen rennen an den Zaun, der den Arsenal-Fans am nächsten ist. Sie bedrängen den Rollstuhl-Fahrer bei uns.

In der Pause, kurz zuvor ist das 1:0 für Arsenal durch Henry gefallen, gehe ich nach unten, um nach unserem Rolli-Fahrer zu sehen. Er ist weg. Draußen, vor dem Getränke-Kiosk sehe ich ihn mit seinem Begleiter, wie er von zwei Löwen-Fans bedrängt wird. Sie wollten ihm nur helfen, weil er sich so aufregt, dass diese Schei…-Fans keine Rücksicht nehmen und ihn fast überrannt haben, als sie an den Zaun gelaufen sind. Er und sein Begleiter suchen sich ein ruhigeres Fleckchen, sie gehen in eine andere Kurve. In der Pause haben sich einige von uns mit einem »Uh-uh-uh«-Gebrüll-Mitläufer" unterhalten, der nach dem Spiel zu uns kommt und sagt, dass er das so nicht gemeint habe – er sei ja schließlich seit acht Jahren mit einer Jugoslawin zusammen. Im Pulk sind sie wie gehirnamputiert, erst bei einer persönlichen Konfrontation schaltet sich das Gehirn wieder ein. Es ist einfach zum Kotzen.

Nach der Pause wird es so richtig mies. Die Stimmung kocht, viele Fans drängen an den Zaun (wo sind eigentlich die Bullen?), der dem Block der Arsenal-Fans am nächsten ist. Dort haben sich mittlerweile auch Innsbrucker zu den wenigen Arsenal-Fans eingefunden, die ebenfalls »England« und andere Rufe, die ich nicht verstehen kann, skandieren. Von den Auswärtsspiel-erfahrenen Löwen-Fans aus unserer Faninitiative erfahre ich nach dem Spiel, dass diejenigen, die bei den Löwen-Fans am schlimmsten sind, kaum bei den Heimspielen oder anderen Auswärtsspielen zu sehen sind. Es scheint so, als ob sie nur zu diesem Spiel gefahren sind, da es ein Spiel gegen eine englische Mannschaft ist. Hier können sie die ewig rechten Ressentiments wieder aufleben zu lassen. Was hat das mit Fußball zu tun? GAR NICHTS!

Ich kann mich kaum noch auf das Spiel konzentrieren, und ich bin richtig sauer. So habe ich mir mein erstes Auswärtsspiel der Löwen nicht vorgestellt.

Das Spiel endet 3:1, Agostino hat noch den Ausgleich erzielt, hatte sogar noch das Führungstor auf dem Schlappen, doch Thierry Henry haut noch zwei Dinger rein, und das Spiel ist vorbei.

Auf dem Weg zum Bus sehe ich den Typen wieder, der den Fascho-Gruß gemacht hat. Er ist total blau, und ich bin zu feige, zu ihm zu gehen, denn er ist in Begleitung von richtig bedrohlich wirkenden Freunden. Auf einem der T-Shirts kann ich den Namen eines Münchner Fanclubs lesen. Oh Mann, das sollen Löwen-Fans sein? Mir ist richtiggehend übel!

Am Bus angekommen stärken sich einige von uns noch mit ein paar leckeren Fleischpflanzerl und dann düsen wir nach Hause. Wir singen den Löwenmarsch und viele andere Fanlieder. Es ist ein schöner Tag gewesen, wären da nicht diese teilweise ätzenden "Fans" gewesen.

Also bleibt mir nur noch am Tag danach die Erkenntnis: Beim nächsten Spiel einfach wieder Flagge zeigen gegen rechte Gesinnung im Stadion, dem Rassismus keine Chance!

Und ich freue mich schon wieder auf meine Löwen und den ersten Sieg am Mittwoch gegen Rostock!


… ein Fanbericht, August 2001


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