LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Fan-Dasein

Grün und Blau … ist dem Kasperl seine Frau

Ein Fußball-Reisebericht aus dem WM-Jahr

An diesen alten Spruch aus meinen Kindertagen, der die damals noch völlige modische Inkompatibilität der beiden Farben benennen sollte, fühlte ich mich gestern bei der Heimfahrt aus Burghausen erinnert.

Die Hinfahrt war feucht-fröhlich verlaufen, der einzige Zwischenfall war das unverhoffte Auftauchen zweier Lamas auf einer Weide beim Kurzaufenthalt im Örtchen Kastl geblieben, welches unseren ganzen Waggon zur zum-Besten-Gabe einschlägigen Liedguts animierte: »Ihr seid Lamas und wir nicht! Hier regiert das Dromedar!«

Das Spiel war nach durchwachsener Leistung unserer Löwen völlig unerwartbar mit 0:1 verlorengegangen, aber wir hatten uns in einer halbwegs netten Kneipe mit einer warmen Mahlzeit und zwei kühlen Hellen getröstet.

Nun kamen wir, das heißt die ein St.Pauli-Mützchen tragende Wirtin meiner Stammkeipe und vier LfgR im Alter zwischen Mitte dreißig bis über Mitte vierzig kurz vor Abfahrt am Bahnhof an und versuchten als selbstbewusste erwachsene Menschen und freie Bürger vergeblich, uns am Kiosk noch mit leckerem Reiseproviant zu versorgen, was vor einem Jahr am selben Ort noch problemlos möglich gewesen war. Diesmal wedelte der selbst frustrierte Kioskbesitzer mit einem Verbot der Stadt Burghausen und lehnte unser Ansinnen nach Bier bedauernd ab.

Anschließend schafften wir es trotz gültiger Fahrkarte erst nach ausgiebiger schier unerträglicher Diskussion mit der in Armeestärke den letzten Zug nach München abriegelnden Staatsmacht (»Uh, Uh, UH-ES-KA«), diesen noch im allerletzten Moment besteigen zu dürfen. Bei den Löwenfans vorne sei alles zu voll und es würde randaliert, und hinten, wo wir es versuchten, sei Zustieg nur für Wackerfans gestattet.

Zwei davon lehnten lässig in der Tür des offenbar nur mäßig gefüllten Waggons. Zwei Glatzen mit Reichskriegsschals, die uns – wohl auch aufgrund unserer Lfgr-Shirts und Schals – im Schutze der Ordnungshüter mit fiesem Grinsen lange Nasen drehten.

Wir landeten schließlich im mittleren Teil des Zuges, der eigentlich einem Zug (=30 Mann/Fraun) Bereitschaftspolizei vorbehalten war. Hier trafen wir auf einige wenige Leidensgenossen, wie den im Löwenforum wohlbekannten Studenten K., der wenigstens seine wie auch immer eingeschmuggelte Notration Bier mit uns teilte (Danke nochmal, Stefan!) und den Grünen überzeugend, aber anscheinend ergebnislos mit seiner Auswanderung nach Dubai drohte, und ein paar jüngere Fans, die immerhin dem vermeintlichen Einsatzleiter erst fünfzig, später bis zu 90 Euro anboten, falls er ihnen eine seiner »Bulletten« für bestimmte Zwecke und/oder Handlungen (deren genauere Natur wir rein akustisch nicht gänzlich mitbekamen) überließe.

Wir wurden gezwungen uns hinzusetzen, den Rauchern unter uns wurde verboten, ihrem Laster zu frönen, und ebenso verboten, ein Raucherabteil aufzusuchen, aufs Klo musste man sich durchbetteln (»immer nur eine/r auf einmal gehen, müssens auch wirklich?«). Wir saßen, die Grünen standen allesamt in voller Kampfmontur mit Helm zwischen den Sitzen, im Verhältnis von mindestens zwei zu eins, vielleicht drei zu eins zu Gunsten von Grün gegen Blau, und das zwei Stunden lang von Österreich bis München-Ost.

Ein Hauch von Guantanamo wehte durch den Zug, aber immerhin mussten wir unsere blauen Sachen nicht in dieses scheußliche Techno-Müllentsorgungs-Orange umtauschen und niederknien. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Auf die eine oder andere unserer Fragen bekamen wir im Verlauf der Fahrt dann sogar doch noch ein paar Antworten:

Sie, die Grünen, wären noch in Ausbildung, dies wäre ihr erster großer Einsatz, sich selber hinzusetzen wäre ihnen per Befehl verboten, sie würden uns ja nur beschützen, und zwar vor uns selbst, denn wenn sie jetzt nicht da wären, würden wir mit Sicherheit jetzt randalieren (kein Scherz!). Es sei alles total normal und nur zu unserem Besten, es habe gänzlich seine Ordnung, Befehl wäre schließlich Befehl, und nein, mit der nahenden WM habe all das überhaupt nix zu tun.

Irgendwann hatten wir die Schnauze voll, uns von verunsicherten jungen Leuten, die unsere Kinder sein könnten, zum Narren halten zu lassen, und intonierten in der Hoffnung auf Entdeckung gemeinsamer Feindbilder und zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühl unserer kleinen blau-grünen (Zwangs-) Reisegruppe durch allgemeines Singen den Schlager »Was ist grün und stinkt nach Fisch…? Werder Bremen…...!«, doch nur die blaugewandeten Mitreisenden mochten letztlich einstimmen.

Schließlich durfte ich sogar aufs Klo gehen, vielleicht waren sie froh, mich zwei Minuten los zu sein, nachdem ich einem grünen Herrn meinen Schoß als Sitzgelegenheit empfohlen hatte (»Wissens, manche mögen des fei …«) und anschließend hartnäckig immer wieder seiner Kollegin versicherte, dass »der da ganz bestimmt ihr Chef sei, sowas merk ich doch«, was sie vehement bestritt und was sie auch zu ärgern schien. Die Abgeschiedenheit des »stillen« Örtchens nutzte ich sogleich zur beruhigenden Wirkung eines leckeren Pfeifchens, wie es schon der gute alte Lehrer Lämpel zu schätzen gewusst hatte, und vermochte sodann den Rest der Fahrt doch noch halbwegs entspannt hinter mich zu bringen.

Mein wenig erhellendes Fazit besteht leider nur aus offenen Fragen:

Euer ratloser H.


… ein Fanbericht, März 2006


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