LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Fan-Dasein

Spanien

so, gestern sind petra und ich aus spanien zurückgekehrt. natürlich war unsere reiseroute vornehmlich nach dem spielplan der primera division ausgerichtet. insgesamt haben wir fünf spiele im stadion gesehen, sechs im fernsehen und zwei weitere stadien ohne spiel besichtigt.

hier ein kurzer bericht der spiele, die wir im stadion gesehen haben.

wir kommen um 12:45h in madrid am flughafen an, treffen um 14:15h bei meinen freunden ein, wo wir pennen können, kurzes willkommen, man trifft sich in einer bar mit weiteren freunden, kurze begrüßung, und macht sich gegen 18.00h zum bernabeu auf, um karten zu besorgen. leider hängt da das berüchtigte schild »localidades agotadas« (ausverkauft). also eine kleine runde ums stadion, um die schwarzmarktpreise zu checken. die besten angebote liegen bei 10.000 ptas pro karte (60 €). also in eine bar direkt hinter dem berüchtigten fondo sur. es sind noch ca. 2h, bis das spiel anfängt (21:30h), schnell ein paar sogenannte »minis« reingeschüttet. ein minis ist ein plastikbecher mit einem liter fassungsvermögen und einem beliebigen getränk drinnen. wir nehmen bier. schließlich ist man ja aus deutschland …

45 min. vor anpfiff nächste runde auf dem schwarzmarkt, bei 12.000 ptas für 2 karten hinter dem tor werden wir schwach. wir sitzen in der allerhöchsten reihe im bernabeu hinter dem tor im berüchtigten fondo sur, geschätzte entfernung zum platz ca. 60 höhenmeter und 5 meter zur auslinie.

das spiel ist der schiere wahnsinn, nach 10 min. steht es 2:1 für madrid. besonders das 2:1 von zidane ein traumtor. das spiel endet 3:1 für madrid, die depor (die immerhin tabellenzweiter waren) nach strich und faden abgefertigt haben. je ein »golazo« (traumtor) von zidane und raul. dazu fußball der allerfeinsten sorte: hackenpässe über 20 m (sogar volley!!!) von zidane, solos über außen von roberto carlos, 70m pässe von zidane, die figo stoppt, als ob sie aus 2m gekommen wären. wenn ich nicht eine abgrundtiefe abneigung gegen alle großclubs dieser welt in mir tragen würde, hätte ich aus rein fußballerischen gesichtspunkten an diesem abend madrid-fan werden müssen!

die spanische sportpresse jubelt eine woche lang über ein »madrid del otro mundo« (madrid aus einer anderen welt). besonders die madrid nahestenede zeitung marca kann sich vor freude kaum einkriegen. anmerkung: in spanien gibt einen haufen reiner sportzeitungen, die verschiedenen vereinen nahestehen, z.b. marca=madrid, mundo deportivo/sport=barca, as=atletico usw.

das nächste spiel auf unserem plan ist athletic bilbao - real sociedad san sebastian (wenn ein spanier »real« zu einer fußballmannschaft sagt, meint er übrigens genau diese). das baskische derby in san mames, das wegen seiner hervorragenden stimmung im volksmund auch »la catedral« genannt wird. glücklicherweise ist der busbahnhof von bilbao direkt neben dem stadion, und der vorverkauf beginnt 3h nach unserer ankunft (am donnerstag vor dem spiel). also schnell eine unterkunft gesucht, was gegessen und eine flasche rotwein konsumiert und dann zum stadion zum anstellen. als wir ankommen, umschließt die schlange das halbe stadion, und es ist noch ein halbe stunde bis zur öffnung. durch einen trick gelingt es uns, die wartezeit etwas zu verkürzen und die billigsten karten zu kriegen, 18 € – und das ist billig für spanien.

am tag des spiels ist ganz bilbao voll von fußballfans beider mannschaften, die in absolut freundschaftlicher atmosphäre gemeinsam durch das stadtzentrum von bilbao ziehen. straßenmusikanten spielen fussballlieder, und ganze straßenzüge gröhlen mit, selbst omas mit kleinen kindern in kinderwägen. es ist eine atmosphäre von 3h nachts, allerdings ist es erst 18:00h und noch 3,5h bis anpfiff. die kneipen sind gesteckt voll von fans beider teams, die gemeinsam singen und bester stimmung sind. auf einmal leert sich die innenstadt. es ist nämlich tradition, dass die fans baskischer mannschaften gemeinsam zum stadion gehen, und zwar in einer art demo für einen eigenen baskischen staat.

wir fahren mit der u-bahn zum stadion, trinken noch ein wenig, und das unerwartete passiert. ich komme mit zwei athletic-fans ins gespräch, die fragen mich, woher ich komme, ich sage münchen. und dann die frage: »eres del mil ocho cientos sesenta?« (bist du für 1860?) – dieser moment ist so unglaublich für mich, dass ich beinahe in ohnmacht falle. jahrelang habe ich die fußballwelt bereist und in unzähligen kneipen vor unzähligen stadien gesagt, dass ich ich aus münchen komme. die nächste frage war immer: »und du bist für bayern, oder?«. dieses mal nicht!!! gora bilbao!!! im weitern verlauf des gesprächs stellt sich heraus, dass besonders st. pauli und der tsv von den bilbao-fans geschätzt werden, da sie symbole für kleine und auch linke klubs sind.

in der catedral selbst ist eine wahnsinns-stimmung. fast wie bei uns früher, es werden lieder gesungen, die gegner beschimpft und ständig von den sitzen aufgesprungen. das ist eher ungewöhnlich für spanien, aber baskenland ist ja nicht spanien …

athletic gewinnt sehr glücklich 2:1 durch zwei brilliante weitschüsse von tiko. allerdings wird real ein astreines traumtor von kovacevic aus bisher nicht bekannten gründen aberkannt.

nach dem spiel gibt es deswegen kleinere schlägereien, aber nichts ernsthaftes. wir gehen in das kongress-zentrum nebenan, wo ein konzert großartige spanischer punk- und rockbands stattfindet (u.a. soziedad alkoholika). dort ist auch ein großteil der fußballfans hingegangen, die veranstaltung richtet sich gegen die wehrpflicht. die petra trägt ihren lfgr-pullover und wir werden oft darauf angesprochen. die leute in bilbao haben tatsächlich ein außerordentlich positives bild von den löwen und ihren fans. aber ich kann sagen, dass auch die athletic-fans durch die bank sehr freundlich waren und ich mich – soweit das während eines konzertes geht – sehr gut mit einigen unterhalten habe.

am nächsten morgen geht es mit schwerem kopf (ich habe beim konzert einige »katxis«, baskisch für »mini«, kalimotxo, rotwein mit cola, konsumiert) weiter nach vitoria. dort treffen wir meinen kumpel mikel und sehen uns alaves-tenerife an. alaves hat ein schmuckes 20.000-mann-stadion, und es geht eher ruhiger zu. da ich mikel und seine freunde beim uefa-cup finale in dortmund getroffen habe, stoße ich auf einen haufen bekannter gesichter. wir kaufen eintrittskarten (dieses mal 24 € die billigsten) und sitzen in einer topp-position inmitten »meiner freunde aus vitoria« direkt hinter dem tor.

fazit: alaves ist eher ein ruhiger, kleiner club mit einem schicken stadion.

das spiel ist eher schlecht, und alaves gewinnt unspektakulär mit 1:0. alaves ist nun dritter mit 5 punkten rückstand auf madrid und einem spiel weniger.

nach dem spiel wird in einer bar, in der der ehemalige schlagzeuger von soziedad alkoholika(!) ausschenkt, madrid-valencia, mal wieder erster gegen zweiter, angeschaut. bereits in der ersten minute schießt valencia ein traumtor, das wegen angeblich (und offensichtlich nicht vorhandener) abseitsstellung nicht gegeben wird. danach verteilt hierro mehrere ellbogenchecks, die sogar beim eishockey strafen zur folge hätten, wird aber nicht vom platz gestellt. durch ein gurkentor gewinnt madrid, also auch nicht jede woche fußball aus einer anderen welt.

das letzte wochenende waren wir dann wieder in madrid. am samstag ging's ins renovierte calderon zu atletico-eibar. atletico ist ja in der zweiten liga und mein lieblingsclub in spanien. spanische sportzeitungen haben errechnet, dass atletico die erfolgreichste mannschaft europas ist, weil sie die meisten punkte in der liga gesammelt haben … das calderon war mit fast 40.000 leuten besetzt, was sehr bemerkenswert ist, da selbst mannschaften wie depor, celta, betis usw. selten über 35.000 zuschauer haben. der gegner kommt aus der baskischen provinz und war achter, also auch nicht unbedingt ein spitzenspiel.

vor dem spiel wie immer den ein oder anderen mini gezwitschert, und dann rein, dieses mal für 12 € (zweite liga). das spiel war das schlechteste der reise. atletico gewinnt durch einen zweifelhaften elfer 1:0. der erste schuss aufs tor aus dem spiel heraus fällt in der 88. minute …

dennoch ein gutes gefühl, mal wieder im calderon gewesen zu sein. die frente atletico hat alles gegeben und viel gesungen, leider ist der funke wegen des schlechten spiel nicht auf alle zuschauer übergesprungen.

am sonntag dann der unbestrittene höhepunkt der reise: rayo vallecano-barcelona. ein klassisches david gegen goliath. auf der einen seite der club aus dem madrider assi-stadtteil vallecas (stark linksorientiert), in dem viele cubanische, argentinische und chilenische einwanderer leben. auf der anderen seite barca, der katalanische staatsklub mit eigenem museum (übrigens nur wegen der stadionbesichtigung sehenswert) und spielern wie rivaldo, der alleine soviel kostet wie die gesamte mannschaft von rayo.

noch ein wort zum stadion von rayo (übersetzt heißt rayo vallecano übrigens der blitz aus vallecas): das stadion besteht aus zwei seitlichen tribünen (zweistöckig), hinter dem einen tor ist eine klitzekleine tribüne (ca. 8 reihen), und hinter dem anderen tor eine wand!!! direkt dahinter dahinter stehen wohnhäuser. das ganze hat immerhin ein fassungsvermögen von 15.000 zuschauern.

sicherheitshalber hatten wir telefonisch karten bestellt und eine einzahlung auf das konto von rayo zur bezahlung der karten vorgenommen. eigentlich müsste ja alles klappen, aber schließlich ist man in spanien, das auch deshalb so liebenswert ist, weil das, was eigentlich klappen sollte, selten so klappt wie man sich das vorstellt. wer mich kennt, weiß wie nervös mich sowas macht. ich konnte vier tage nicht schlafen deswegen. ich habe versucht, meine diesbezügliche nervosität vor petra zu verstecken. aber es ist mir, glaube ich, nicht gelungen.

wir kommen am stadion an, suchen das büro, in dem reservierte karten abgeholt werden können, und kommen mehrmals am schild »localidades agotadas« vorbei. das trägt nicht gerade zu einer minderung meiner nervosität bei. als wir ein gesteckt volles büro mit einer art bankschalter betreten, wo man karten abholen kann, steigt meine nervosität weiter an.

ein laut schimpfender barca-fan möchte dreißig zurückgelegte karten für den barca-fanclub torrejon abholen. der mann hinter dem schalter sagt, es seien nur 15 karten bestellt worden, die wären schon abgeholt worden. so geht es eine weile hin und her, bis der barcelonista enttäuscht und wüst schimpfend abzieht. »jedes jahr dasselbe mit rayo – kassieren das geld und geben die karten irgendjemand!«. meine nervosität ist kaum mehr zu steigern. ich bin eigentlich sicher, dass er für mich keine karten mehr hat. das büro ist mittlerweile etwas leerer geworden, weil eine frau ständig schreit, dass es keine karten mehr gibt. ich bin an der reihe, ziehe die kopie des einzahlungsbelegs und das fax mit der bestellung aus meiner tasche und sage dem mann, dass ich zwei karten telefonisch auf den namen »nickel« bestellt habe. sein gesicht hellt sich auf, und er sagt: »ah du bist sicher der deutsche!!! wir freuen uns, dass du von soweit herkommst, um ein spiel von uns zu sehen.« es hat den anschein, als ob er am liebsten aus seinem schalter kommen würde, um mich zu umarmen. er gibt mir die zwei karten und alles ist gut.

zum ersten mal seit fünf tagen ist mein puls unter 180.

vor dem spiel noch in eine bar, ein paar bierchen gezwitschert und ein wenig gegessen. die bar ist voll mit langhaarigen in trainingshosen und rayo-schals, die patxaran (einen baskischen schnaps) trinken. auch ein paar barcelonistas sind da, und die stimmung ist sehr friedlich, das ist bemerkenswert, weil die madrider und die katalanen ein sehr gespanntes verhältnis haben. wenn barca bei madrid oder atletico spielt, kann man sich auf jeden fall nicht ohne polizeischutz mit barca-schal sehen lassen.

wir betreten stadion, sitzen auf einer seitentribüne im obersten stock fast an der an der eckfahne, um uns herum sind fast nur barcelonistas. über die winzige tribüne hinter dem tor hat man einen fantastischen überblick über madrid, und man hätte sogar einen traumhaften sonnenuntergang beobachten können, wenn das spiel nicht so packend gewesen wäre.

vor dem spiel kommen von der kleinen tribüne, wo die rayo-fans stehen, viele gesänge. u.a. »quien no bote es fascista« (wer nicht hüpft, der ist faschist). riesenstimmung im ganzen stadion (auch bei den barcelonistats) an einem herrlichen sonnigen nachmittag.

das spiel beginnt und barca mit allen topstars, rivaldo, kluivert und saviola im sturm(!). von anfang an entwickelt sich eine art pokalfight, barca versucht nach vorne zu spielen, rayo geht auf die knochen und hält mit allen mitteln dagegen.

jedoch wirkt barca relativ einfallslos, und rayo schöpft mehr und mehr mut. nach einigen gelungenen aktionen über rechts gewinnt rayo langsam die oberhand. in der 20. minute fällt nach einem traumsolo mit traumfernschuss das 1:0 für rayo. die stimmung ist am überkochen. aus dem rayo-fanblock fliegen riesige bengalos aufs feld.

halbzeit. direkt nach der halbzeit stürmt die polizei den rayo-block, wohl um die bengalo-werfer festzunehmen. sprechchöre gegen die polizei werden im ganzen stadion angestimmt – richtig laut.

in der 55. minute gelingt barca nach einer dummheit des rayo-torwarts der ausgleich durch einen 40m-schuss von xavi. aber nur 5 minten später geht rayo durch einen sehenswerten kopfball nach ebenso sehenswerter flanke wieder in führung. von da an entbrennt ein unglaublicher fight auf dem rasen. barcelona dominiert zwar, hat aber keine ernsthaften torchancen.

während der zweiten halbzeit kommen aus dem rayo-fanblock gesänge gegen die präsidentin. die heißt teresea rivero (das stadion auch …) hat 13 kinder, ist führendes mitglied bei opus dei in spanien und ein wenig selbstherrlich (kennt man bei uns auch ganz gut …). ein teil der sitzplatzfans pfeift bei den gesängen. kommt mir alles sehr bekannt vor. allerdings weiß ich zu wenig, um das wirklich beurteilen zu können. jedoch habe ich mich schon vorher gefragt, wie die hauptsächlich sehr linke anhängerschaft von rayo mit einer sehr konservativen christlichen präsidentin klarkommt.

als in der nachspielzeit glaucio mit drei beinschüben in folge frank de boer der lächerlichkeit preisgibt, gibt es auf den rängen kein halten mehr.

beim abpfiff kollektiver jubel, danach in einer bar noch ein paar bierchen. die rayistas können es kaum fassen.

und ich glaube ich habe einen neuen lieblingsverein in spanien.


… ein Fanbericht, Januar 2002


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