LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Fan-Dasein

Unter der Uhr

»Die steh'n unter der Uhr«, bekommt man meistens zur Antwort, wenn man wissen will, wo denn die Nazis stehen. »Unter der Uhr« – das ist der Stehplatzbereich »F« in der Nordkurve des Olympiastadions unter der Anzeigentafel und eben auch der Uhr.

»Unter der Uhr«, da stehe ich auch. Schon seit einigen Jahren, weil dort die meisten Fans, die noch übrig geblieben sind, stehen, der Löwensupport dort einfach am lautesten ist und man noch am ehesten was sehen kann.

Doch in der letzten Zeit habe ich mir aufgrund der wieder einmal zunehmenden rassistischen Äußerungen nach jedem Spiel geschworen, nicht mehr in den F-Block zu gehen.

Es ist noch eine Dreiviertelstunde bis zum Anpfiff, und ich stehe noch alleine da. Viele haben sich in den letzten 2-3 Jahren wegen der Vereinspolitik von den Heimspielen verabschiedet, also sind wir meistens nur noch 4 oder 5 von der alten Truppe. Wie gesagt, es ist noch Zeit, sich umzuschauen. Es ist nicht so, dass unter der Uhr geballt 100 Faschos stehen, aber wenn man hinschaut, sieht man viele »Fan«-Utensilien, die, begleitet von den Sprüchen der Besitzer, eindeutig sind. Gerne schaue ich mir die Aufnäher auf den Kutten an. »Früher sah man viel mehr Löwen-Aufnäher und Anti-FCB-Sprüche«, denke ich.

Heute: »Deutschland – mein Vaterland«, »Deutschland –Ich bin stolz auf Dich«, »Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein« (ich frag mich nur, auf was die stolz sind??!   Auf den deutschen Fußball momentan bestimmt nicht). Dazu natürlich der Adler und das in schönes Rot und Schwarz getaucht.

Ich schau mir den Typen neben mir an, schaut nicht wie ein Nazi aus. Ah, er hat auch diesen originellen »Deutscher Fußball – Deutsche Frauen – Deutsches Bier«-Aufnäher.

»Das hat mit 60 nix zu tun«, denk ich mir nur.

Eine kleine Gruppe jüngerer Löwenfans, so zwischen 14 und 18 Jahren ungefähr, läuft die Treppen zum unteren Teil der Kurve hinunter. Ihre »Deutschland – unser Vaterland«- und »Deutschland, Deutschland über alles«-Schals haben sie adrett nach hinten gebunden. Rein gar nichts an ihnen zeichnet sie als Löwenfans aus.

Dort unten im Block stehen auch meine »Lieblings-Skins«, klassisch mit blankpolierter Glatze, Springerstiefeln, weißen Schuhbandeln, die sich dadurch auszeichnen, dass sie komplette 90 Minuten mit dem Rücken zum Spielfeld stehen und nach Randale oder ähnlichem auf den oberen Reihen Ausschau halten. Der eine ist letzte Saison mal abgeführt worden, weil er einen Bierverkäufer im Block angegriffen hatte, der offensichtlich nicht deutscher Herkunft war. Das einzigste Mal, dass wir der Polizei im Stadion applaudieren durften, unter »Nazis – raus«-Rufen.

Mittlerweile sind auch die Eva, der Fabi, Uli und der Stefan eingetroffen. Es sind nur noch ein paar Minuten bis zum Anpfiff. Es wird »60« skandiert, die Stimmung ist gut – es geht gegen Schalke.

Anpfiff! Die Schalker machen von Anfang an Druck, die Löwen immer 2 Schritte hinterher und in Abwehrnöten. Ein Schalker Spieler fällt, es ist der Asamoah, und ich denke mir: »Scheiße, jetzt geht's wieder gleich los …«. Uh-uh-uh-Rufe (sehr laut) hinter und neben mir, kommentiert von »Scheiß Nigger« und »Geh doch zurück in den Busch« von einer älteren Frau vor uns.

Wir brüllen »Maul halten«, die Uh-uh-uh-Rufer in der näheren Umgebung verstummen, der Typ neben mir rückt pikiert ein Stück nach rechts, weil ich ihm so direkt ins Gesicht gebrüllt habe.

Hinter uns ruft einer: »Die scho' wieder«. Zumindest werden wir heute nicht mit Bierdeckeln beworfen.

Beim 2. und 3. Mal Uh-uh-uh-Geschrei bekomme ich einen Wutanfall, wegen dieser grenzenlosen Dummheit. Einer von uns ruft: »Hey, seid's Ihr blöd, der Asamoah ist doch ein Deutscher!«, und ich denke mir: »Stimmt, aber muss man denn einen deutschen Pass haben, um geduldet zu sein, um sicher zu gehen, keine auf's Maul zu kriegen??! Beim Agali kannst du dieses Argument nicht bringen …«

Sowieso ist zu beobachten, wie gut sich der außereuropäische Rassismus durchgesetzt hat. Sicher hört man auch noch »Scheiß Türke« oder »Scheiß Tscheche«, doch wird doch bei dunkelhäutigen Spielern am meisten gehetzt. Dabei spielen seit Ende der 50'er Jahre ausländische Spieler in der Bundesliga. Und wer möchte schon Spieler wie Radi Radenkovic, Pjotr Nowak oder Abedi Pele missen??!

Agali spielt einen Löwenspieler aus, läuft alleine auf's Tor zu, Uh-uh-uh-Rufe (etwas leiser), vergibt zum Glück. Ringsumher wird über die Abwehr geschimpft und ein allgemeines Miller-Hilfegeschrei macht die Runde. Wir stimmen ein, da dreht sich einer, der zuvor an den rassistischen Kommentaren beteiligt war, um und fragt: »Miller   wer ist denn des??« Mich trifft der Schlag, Uli und ich schauen uns sprachlos an und denken: »Solche Typen sollten lebenslang Stadionverbot bekommen!«

Endlich der Abpfiff, die Erlösung, die Löwen haben verdient verloren. Trotzdem minutenlange Gesänge »You never walk alone«, und die Löwenspieler kommen etwas peinlich berührt in die Kurve und applaudieren den Fans.

Das ist es auch, was die Stimmung bei 60 ausmacht. Vor dem Block treffen wir die anderen LÖWEN-FANS-GEGEN-RECHTS'ler, und es wird über das Spiel gesprochen, ausgemacht, wo man sich noch auf ein paar Halbe (oder mehr) trifft. Aus den vorbeiziehenden Fans höre ich laute »Wildmoser raus«-Rufe. Ich möchte einstimmen, drehe mich um und sehe eine Gruppe von ca. 30 Nazi-Skins. Natürlich sind die unverkennbar dekoriert, »WP88«-Shirts (WP = White Power, 88 = Heil Hitler) und eindeutige Schals, so laufen die an den Ordnern vorbei. Diese Hitler-Arschficker rufen mein im Olympiastadion so vermisstes »Wildmoser raus«!!!

Als dann auf dem Weg zur U-Bahn zwei Typen fast meinen Bruder verprügelt, weil ich einen LÖWEN-FANS-GEGEN-RECHTS-Pulli trage, uns aber zum Glück einer von den Blue Lions Forstenried eingreift, ist mir der Spieltag sowieso schon gründlich versaut.

Und als in der U-Bahn dann das U-Bahn-Lied »… bis nach Ausschwitz« von einer Gruppe Jungs, die wahrscheinlich nicht mal wissen, wo das liegt, gesungen wird, ein 50-jähriger Fahrgast lacht und sich amüsiert, da denke ich mir: »Oh Mann, es gibt noch so viel zu tun!«.

Auf geht's Löwen(-FANS-GEGEN-RECHTS) und alle, die ähnlich denken, helfen wir alle zusammen, dass diese Dumpfbacken bei Sechzig keine Chance haben!


… ein Fanbericht, März 2002


<– retour

LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS – aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Stadion!

(top) Diese Seiten sind optimiert für Löwenfans ab Version 1.860 und zwei Farben: weiß und blau.