SZ-Interview (10.7.2002) zur Ausstellung »Tatort Stadion« in München mit Markus Schäflein.
Die Fragen sind kursiv gesetzt.

»Wir haben den Ruf des Nestbeschmutzers«

Die Wanderausstellung »Tatort Stadion«, die für bundesweites Aufsehen gesorgt hat, ist ab heute zwei Wochen lang im Münchner Kulturzentrum Einstein in der Einsteinstraße 42 zu sehen. Die Ausstellung beschäftigt sich mit Rassismus und Diskriminierung im Fußball. Sie wurde vom »Bündnis Aktiver Fußballfans« (BAFF) konzipiert und aus Mitteln der Europäischen Union finanziert. Die Faninitiative »Löwen-Fans gegen Rechts«, die Mitglied des BAFF ist, holte »Tatort Stadion« nach München. Klaus Joelsen ist Mitglied von »Löwen-Fans gegen Rechts«.

Gibt es beim TSV 1860 mehr rassistische Fans als bei anderen Klubs?

Die Löwen haben nicht unbedingt ein größeres Problem als andere Vereine. Aber auch wenige Rassisten sind uns zu viele. Ein Stadion ist heutzutage ein Querschnitt durch die Gesellschaft, und zu dieser Gesellschaft gehören Rechtsradikale. Wie viele von ihnen im Stadion sind, hängt vom Spiel ab. Gegen St. Pauli, das ein linkes Image hat, bilden die Rechten einen eigenen Block. Beim Derby sind es auch immer besonders viele. Das sind oft gar keine Löwen-Fans. Man muss sich nur die Leute mit den schwarz-weiß-roten Schals anschauen. Das sind nicht die Farben von 1860.

Seit wann gibt es die »Löwen-Fans gegen Rechts«?

Die Initiative hatte sich nach dem Umzug ins Oympiastadion aufgelöst. Wir haben aber gesehen, dass der Rassismus im Stadion zugenommen hat und haben mit acht Leuten ein Transparent gemalt, auf dem »Löwen-Fans gegen Rechts« steht. Wir wollten nur kund tun, dass es auch andere Leute im Stadion gibt. Dann haben wir so viele positive Reaktionen bekommen, dass wir uns vor eineinhalb Jahren entschlossen haben, die Initiative wieder zu gründen. Im Moment sind wir ungefähr zwanzig aktive Leute mit rund hundert Unterstützern.

Was genau tun Sie gegen Rassismus im Stadion?

Wir werden immer als die Linksintellektuellen gesehen, die sich einmal im Monat zum Politikstammtisch treffen. Aber das sind wir nicht. Wir sind Fußballfans. Wir sind im Fanblock präsent und sprechen die Leute an, wenn sie wie im vergangenen Jahr im UI-Cup »Zick-Zack-Zigeunerpack« schreien. Die Leute sind dann immer ziemlich erschrocken, dass da jemand ist, der etwas sagt. Beim Heimspiel gegen Schalke trugen ungefähr zwanzig Jugendliche Pullis mit der Aufschrift WP88, das für »White Power – Heil Hitler» steht. Wir haben uns beim nächsten Heimspiel dann genau da hingestellt, wo die ihren Platz haben, im F-Block, unter der Uhr.

Wie reagieren die rechten Fans?

Es gibt oft Kommentare wie: »Ich bin Löwen-Fan für rechts«, oder so etwas. Handgreiflich ist Gott sei Dank noch nie jemand geworden. Wir treten auch immer in der Gruppe auf, da bieten wir keine so gute Angriffsfläche. Es ist natürlich möglich, dass einmal etwas passiert. Aber wir haben immer den Überraschungseffekt auf unserer Seite.

Sie haben »Tatort Stadion« nach München geholt. Der Deutsche Fußball-Bund hat die Zuschüsse dafür zurückgezogen, weil auf einer Plakatwand rassistische Aussagen von seinem Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder zitiert werden. Mayer-Vorfelder sagt, die Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen.

Er hat zum Beispiel gesagt: »Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und statt dessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?« Oder: »Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in der Anfangsformation stehen, kann irgend etwas nicht stimmen.« Diese Aussagen sind rassistisch. Da kann man nichts aus dem Zusammenhang reißen. Und die Aussagen an sich hat er nie bestritten. So ein ähnliches Problem haben wir beim TSV 1860 auch mit unserem Präsidenten. Er hat im Fernsehen über unseren brasilianischen Zugang Costa gesagt, dass er auch vom Aussehen her gut zu uns passen würde, weil er weiß sei und nicht wie viele schwarze Spieler auf dem Platz »umananderwutzeln« würde.

Haben Sie Kontakt zu ihm?

Da muss man diplomatisch vorgehen, weil wir ja mit dem Verein zusammenarbeiten wollen. Wir haben sowieso den Ruf des Nestbeschmutzers. Wir haben einen Brief geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten. Darin haben wir auch an das Versprechen erinnert, dass der Stadionsprecher bei rassistischen Chören eine Durchsage macht. Das ist bisher noch nie passiert. Es heißt dann immer, man habe nichts gehört. Das kann stimmen, im Olympiastadion hört man oft nichts von den Gesängen.

Von Karl-Heinz Wildmoser stammt die Aussage über »Uh-Uh«-Rufe gegen dunkelhäutige Spieler: »Ich gehe davon aus, dass es eigentlich nur darum geht, die Spieler zu verunsichern.« Ist es nicht tatsächlich so?

Natürlich. Ich unterstelle den meisten, die »Uh-Uh« rufen, wenn ein Schwarzer am Ball ist, keine rechte Gesinnung. Das sind keine Rassisten. Aber was sie tun, ist rassistisch. Sie gröhlen unreflektiert mit. Im Stadion geht es um das Erlebnis in der Masse, da macht man so etwas mit, ohne nachzudenken. Deswegen machen wir die Leute darauf aufmerksam, was sie da tun. Bei den jungen Fans werden bestimmte Grundlagen gelegt, wenn sie das stets mitgröhlen.

Beschimpfen Sie den Gegner nie?

Doch, natürlich. Abgrenzung gegenüber dem anderen Verein ist ja wichtig, sonst brauche ich kein Fan zu sein. Sie ist notwendig, um Fußball zu erleben. Ich baue da auch Aggressionen ab, das hat für mich was Ausgleichendes. Ich schreie natürlich »du Arschloch«, aber ich schreie eben nicht »du schwules Arschloch«. Das ist der Unterschied.

Sie wenden sich nicht nur gegen rassistische, sondern auch gegen andere diskriminierende Rufe?

Wir sind gegen jede Art von Diskriminierung. Im Fußball hält sich eine irre Homophobie. Das liegt daran, dass sich schwule Fußballspieler nicht outen, obwohl es sie gibt. Ein englischer Jugendspieler hat nach seinem Outing keinen Verein mehr gefunden und sich erhängt. Wenn man im Stadion etwas gegen die schwulenfeindlichen Rufe sagt, kommt immer die Frage: Wollt ihr uns den letzten Spaß am Fußball rauben?

Hat es Ihnen Spaß gemacht, während der WM zwischen all den Deutschlandfahnen zu feiern?

Prinzipiell sehe ich es so: Die Türken haben gefeiert, warum sollten die Deutschen dann nicht feiern. Mit so einem Erfolg der Nationalelf bekommt allerdings auch die rechte Ecke einen Auftrieb. Nach dem Endspiel musste ich Jugendliche mit der Reichskriegsflagge auf der Leopoldstraße sehen.

Linksintellektuelle Kritik am Fußball als Kriegsersatz gibt es schon lange. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Überhaupt nicht. Ich bin lange Fan, und ich sehe das nicht so. Das sind typische Aussagen von extrem linken Gruppierungen, die keine Ahnung haben, wovon sie reden. Diese Leute sollen einmal gegen einen Ball treten und spielen. Dann würden sie verstehen, dass Fußball mit Krieg nichts zu tun hat.

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