LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Aus der Sueddeutschen Zeitung

»Das Streiflicht«

Sueddeutsche Zeitung, 23. April 2003

(SZ) Dies ist eine Geschichte aus der Zeit, als Fußball-Arenen noch Glückauf-Kampfbahn oder Stadion Rote Erde hießen und alternde Spieler weder an ihre Autobiographie noch an arabische Emirate dachten, sondern an eine Lotto-Toto-Annahmestelle zur Gestaltung des Lebens danach. Oder sie träumten von einer Stehkneipe, und es war egal, ob sie vor oder hinterm Tresen standen. Hauptsache, das Bier lief, man war ja Fußballer, da gehört der Alkohol dazu. George Best von Manchester United, dem Magier mit der Beatles-Frisur, haben sie später eine neue Leber eingepflanzt. Garrincha, der krummbeinige brasilianische Rechtsaußen, der Gegenspieler wie Mehlsäcke aussehen ließ, hat sich zu Tode gesoffen. Und Reinhard »Stan« Libuda ist an allen vorbei gekommen, nur nicht an der Flasche. Tragische Gestalten, und doch: Wer sie spielen sah, hat sie geliebt, hat sich nicht sattsehen können an ihren Tricks und Alleingängen. Und dass sie tranken – mein Gott, man trank ja auch.

Damals, in den sechziger Jahren, gingen sachverständige Münchner nicht zum FCB – der war Ignoranten und Auswärtigen vorbehalten –, sondern zu den Löwen ins »Sechzger-Stadion«. Die hatten ein wunderbares Team, das den HSV einmal mit 9:2 nach Hause schickte, und noch heute können Zeitzeugen die Meistermannschaft von 1966 im Schlaf aufsagen: Radenkovic, Wagner, Patzke. … Als neunter Name kommt Rudi Brunnenmeier. Und dann schnalzt man mit der Zunge und erinnert sich, was der für ein Stürmer war. Wenn's bei dem lief, konnte ihn keiner halten. Der machte sein Tor, der tankte sich durch, und im engen Stadion glaubte man den Schweiß zu riechen, den er vergoss, angereichert mit dem Bierdunst vom Vorabend.

1860 ohne Brunnenmeier, das war undenkbar. Seinerzeit kursierte in München ein Witz, dem der Rang einer höheren Wahrheit gebührt.

Vater und Sohn gehen zum Spiel, aber weil sie die Karten vergessen haben, läuft der Bub nochmal heim. Völlig verstört kommt er zurück: »Babba, der Brr, der Brr, der Brr…« Der Vater erbleicht. »Babba, der Briefträger liegt mit der Mamma im Bett.« Darauf der Alte: »Gottseidank. I hab scho gfürcht, der Brunnenmeier spielt net.«

Verbürgt ist die Geschichte vom Trainingsspiel zwischen Alkoholikern und Abstinenzlern, das der damalige Coach Max Merkel anordnete. Die Biertruppe, vorneweg Brunnenmeier, siegte mit 7:1, woraufhin Merkel befahl: »Sauft's weiter!« Brunnenmeier hielt sich daran, erst recht, als es vorbei war mit der Torjagd. Pleiten, Sauftouren, Knast – er ist abgestürzt und nicht wieder hochgekommen. An Ostern ist Rudi Brunnenmeier gestorben. Ginge es gerecht zu, müsste das Sechzger-Stadion seinen Namen tragen. Stattdessen will man es abreißen. 1860 und der FCB bauen – horribile dictu – gemeinsam die Arena.


Sueddeutsche Zeitung, 23. April 2003

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