LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Aus der Sueddeutschen Zeitung

Bis er unsichtbar ist

Mit Rudi Brunnenmeier ist auch ein Teil der Identität des TSV 1860 München gestorben

Sueddeutsche Zeitung, 24. April 2003

Neulich war er nochmal da, ist gar nicht lange her. Rudi Brunnenmeier spazierte aufs Trainingsgelände der Sechziger an der Grünwalder Straße, er sah gut aus. Die Leute haben ihn erkannt, auch die jungen, und das war ein gutes Zeichen. Brunnenmeier ist der Inbegriff eines Löwen-Spielers, einer aus der legendären Meistermannschaft von 1966, und in den Momenten, da auch die jungen Leute ihn erkennen, hat 1860 plötzlich wieder ein Gesicht; eine Identität. Nun ist Rudi Brunnenmeier tot. Zwei Tage nachdem er gestorben ist, sieht das Leben bei den Sechzigern aus wie immer. Es gibt hier keine Fahnen die man auf halbmast setzen könnte, nur ein paar Werbebanner, die an die allgegenwärtigen Zäune gebunden sind. Die Bank, auf der Brunnenmeier vor ein paar Wochen saß, steht in der Sonne, es sitzen andere Menschen darauf und trinken Weißbier und Spezi. Hinten, auf einem der entfernteren Plätze, trainieren die Männer, die heute den Namen 1860 tragen.

Diese Männer hatten gerade 0:6 gegen Hertha BSC verloren, als Rudi Brunnenmeier zuletzt da war. Er sagte damals: »Es kann jeder einen schlechten Tag haben, aber ich muss wenigstens 90 Minuten kämpfen wie ein Hund.« Um ihn herum saßen die Fans und nickten. Brunnenmeier sagte: »Ich hätte mir für Sechzig das Herz rausgerissen.« Die Fans nickten sehr heftig. Da saß einer, der ihnen aus der Seele sprach. Nicht irgendein Typ, der nur große Worte macht, ein Quatscher, der das Wort kämpfen bloß buchstabieren kann, sondern hier saß Rudi Brunnenmeier, Idol, Torjäger, Löwe.

Am gestrigen Mittwoch trotteten gegen Mittag die Löwen der Gegenwart an den Bänken vorm Löwenstüberl vorbei. »Schau'«, raunte eine Frau einem Kind zu, »da ist der Martin Max.« Das Kind lief hin und ließ sich eine Unterschrift von Max auf ein Papier schreiben. Max ist heute der Mittelstürmer der Sechziger, ein guter Mann, gerade spielt er sich wieder in die Elf. Doch er erhält keinen neuen Vertrag, er zieht weiter. Die Spieler bleiben kurz nur, zwei, drei Jahre, dann heuern sie anderswo an. Der Klub bleibt, und mit ihm seine Idole. Bei Sechzig stammen die aus der Vergangenheit, und es ist nun die Zeit angebrochen, in der diese Idole alt genug geworden sind, um zu sterben.

Winfried Schreyer, 51 und Löwen-Fan seit immer schon, sagt: »Es ist wieder etwas weggebrochen.« Etwas von dem Fundament, auf dem der Mythos der Löwen fußt. Schreyer sagt: »Wenn die Alten weg sind, was haben wir dann noch?« Es ist eine rhetorische Frage, er weiß ja, dass die Antwort deprimierend ausfällt. »Ein neues Stadion, das dem FC Bayern gehört, und das man blau anstrahlen kann.« Für viele der alteingesessenen Fans ist dieses neue Stadion das Symbol der verlorenen Identität von 1860. Eine Hülle, die mittels einiger Lichter zur Heimat werden soll; sinnfälliger kann man Leere für diese Fans kaum illustrieren. Auch Brunnenmeier war ein Symbol, durch ihn lebte der Name des Klubs. »Er fehlt uns allen«, sagt Schreyer. Die älteren Fans leiden besonders unter dem Tod des Stürmers. Sie haben Angst, dass mit dem Tod der Idole von einst der Verein verblasst. Bis er unsichtbar ist.

Gestern kamen die Spieler vom Platz, sie gaben Autogramme, geduldig. Dann verschwanden sie in den Katakomben des Vereinsgebäudes, entstiegen ihnen geduscht und gefönt, schrieben weitere Autogramme und fuhren in großen Autos davon. Noch immer ist es bei 1860 möglich, den Spielern nahe zu sein, das ist anders als bei den großen Klubs. Auf dem Trainingsgelände ist es ein Klub zum Anfassen, die Verantwortlichen weisen gern darauf hin; hier lebe der Verein, hier finde er zu sich.

In den kurzen Momenten nach dem Training ist die Welt des TSV 1860 in Ordnung, weil ja die neuen Spieler da sind. Doch sie leben von der Vergangenheit, auf die der Verein gestützt ist, viel mehr als ihm lieb ist. Seinen Ruhm, seine Aura verdankt er den Männern von einst, der Meistermannschaft. Rudi Brunnenmeier wird am kommenden Dienstag um zehn Uhr auf dem Ostfriedhof begraben.


Christian Zaschke, Sueddeutsche Zeitung, 24. April 2003

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