LÖWEN-FANS GEGEN RECHTS:   Aus der Sueddeutschen Zeitung

Das Löwen-Herz

Abschied vom Zauberwicht

Thomas Becker, Sueddeutsche Zeitung, 9. Mai 2003

Er schaut einfach nicht hin. Dabei redet der Trainer ausdauernd und sehr vernehmlich mit seinem Team. Es geht um die Vierer-Kette und wie man sie aushebelt. Um kreatives Spiel halt. Thomas Häßler hört nicht zu. Schaut demonstrativ in die andere Richtung, zum einst planetenweit besten Torjäger Davor Suker, der mit zwei sehr wohlwollend als Nachwuchshoffnung zu bezeichnenden Junioren Torschuss üben muss: Flanke, Volley-Abnahme. Immer wieder, eine stupide Übung. Aber Häßler würde liebend gern tauschen. Einfach draufballern, nur so, stundenlang. Doch dann ist er dran, bekommt – natürlich – den Ball: Körpertäuschung, Pass gegen die Laufrichtung und schon steht die Viererkette ziemlich blöd da. Trainer Falko Götz raunzt: »Hey, macht's ihm doch nicht so einfach, Mann!«

Es wird Herbst in Icke Häßlers Karriere. Der Mann, der einst als Zehnjähriger bei Meteor 06 Berlin Mitglied in einem Fußballverein wurde, sieht sich derzeit von einem ebensolchen Himmelskörper bedroht. Haarscharf schlugen bereits mittelgroße Brocken rechts und links von ihm ein, und dass ihn der große, finale Stein über kurz oder lang treffen wird, weiß er so genau, wie wir sein Gesicht, seine Beine, seine Haken kennen. Bloß: Er will das nahende Ende nicht wahrhaben. Aber das ist nur ein Teil des Problems.

Thomas Häßler hat sechs Tage nach Saisonende Geburtstag. Er wird 37. Bei Profi-Fußballern tickt da die biologische Uhr schon nicht mehr, sie gibt vielmehr Alarm, klingelt, lärmt, warnt: Time to say Goodbye, servus und auf Wiedersehen als Jugend-Trainer, Fan-Beauftragter oder Aufsichtsratsmitglied. Zynische Fans würden singen: »Schade Icke, alles ist vorbei.« Niemand singt das, wenn der kleine Mann derzeit irgendwo in Deutschland zum letzten Mal gegen den Ball tritt.

Thomas Häßler wird hierzulande nicht mehr oft um Punkte spielen, drei Mal vielleicht noch, da wären es genau 400 Bundesligaspiele. Wenn denn alle relevanten Sechziger schön brav verletzt bleiben. Wenn der Trainer nicht doch noch einen laufstärkeren, irgendwie jüngeren Vertragsamateur auftreibt. Und wenn es der Präsident schafft, seine wunderlichen Gedankengänge ausnahmsweise mal für sich zu behalten.

Der TSV 1860 München und Thomas Häßler – ein entwürdigendes Schauspiel. Prolog: Der Kicker bekommt für die neue Saison keinen Vertrag mehr. Der Klub muss sparen, Häßler ist teuer, alt, war lange verletzt, ist kein Trainingsweltmeister – eine korrekte, wenn auch für Nostalgiker und den Betroffenen bittere Entscheidung. Hauptteil: Häßler ist wieder da, fit, gewitzt wie immer, einer, den die verwaiste Kreativabteilung so nötig braucht wie der Fisch das Wasser – aber er kommt nicht dran. Die Fans schreien, der Trainer wechselt fleißig ein, doch Häßler ist meist nicht dabei.

Der Mann, vor 20 Jahren vom FC-Köln-Jugendtrainer Christoph Daum entdeckt, Welt- und Europameister, 101-maliger Nationalspieler, Profi bei Köln, Juventus Turin, AS Rom, KSC, BVB und 1860, Fußballer des Jahres 1992, »Zauberwicht am Ball« (FAZ), »die Verkörperung des attraktiven Spiels« (B.Vogts), »einer der perfektesten Fußballer der Welt« (G. Netzer), dieser Spieler muss zusehen, wenn die anderen Rumpel-Sechziger vor sich hin stümpern.

Und sich von seinem Präsidenten, der eigentlich ein Wirt ist, über die Presse Sätze sagen lassen, die selbst sehr langmütige Charaktere zur Weißglut treiben würden. Dabei hat es sich selbst bis zu den Nicht- Fußballer rumgesprochen, dass der Mensch Häßler eher einer von der sensiblen Sorte ist. Schluss: Tja, wenn man das wüsste. Der Präsident schmollt und schweigt. Der Sportdirektor laviert, spricht von angemessenem Abschied, weiß aber, dass das nicht mehr funktionieren kann. Und der Trainer sagt, dass er Häßler nicht mehr zutraut, dem Verein »34 Spiele lang zu helfen«. Kündigt aber gleichzeitig Häßlers samstäglichen Auftritt in der Startelf an – alles klar?

Es ist ein Jammer. Doch leider hat diese Art, mit verdienten Vereinsangestellten umzugehen traurige Tradition bei den als so bodenständig-volksnah geltenden Münchner Löwen. Die Liste der Verprellten ist lang und prominent besetzt: Manni Schwabl, Mannschaftskapitän, suspendiert nachdem er eine Abschlussfeier verweigerte. Bernhard Winkler, Held mehrerer Aufstiege, ins Nirwana geschickt wie ein unbekannter Probetraining-Absolvent. Olaf Bodden, einst gefeierter Torjäger, nach komplizierter Krankheit schlichtweg ignoriert worden. Die Wut bricht sich Bann: »Was soll man erwarten von einem, der kein Gehirn hat?«, fragt Bodden eher rhetorisch in die Richtung des Präsidenten-Wirtes.

Nun also Häßler. Und Martin Max. Und Davor Suker. Und Simon Jentzsch. Und wer weiß, wen es noch alles trifft. Karl-Heinz Wildmoser hat erneut und eindrucksvoll seine allseits bekannte Stillosigkeit bewiesen; die Leidtragenden sind der wohl populärste Sechziger seit Rudi Brunnenmeier und Petar Radenkovic, und natürlich wir Fans.

Aber anders als 1860 dürfen wir uns auf die Zukunft vorfreuen: Auf Ickes Erfolgsgeschichte in der 1001-Nacht-Liga in Qatar. Auf die bevorstehende Renaissance des Melodic Rock und somit den Boom für Ickes darbender Musikagentur. Und natürlich auf all die Promi-Spiele: Icke mit Litti, Ente Lippens, Buffy Ettmayer und all den anderen Fummlern gegen die Grätscher und Wildmosers dieser Fußball-Welt. Wer gewinnt? Brauchen wir gar nicht hinschauen.


Thomas Becker, Sueddeutsche Zeitung, 9. Mai 2003

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