St. Pauli

Bericht aus dem »Übersteiger« Nr. 55 vom 20.10.2001

Der Entenmörder schlachtet die Löwen

1860 München galt vielen einmal als »befreundeter Verein«. Aber viel übrig ist nicht mehr von dem Klub, der dank seiner Stadtteilverbundenheit und der Leidensfähigkeit seiner Fans so wesensgleich mit dem FC St. Pauli erschien. Mit dem Umzug ins Olympiastadion 1995 hat Präsident Karl Heinz Wildmoser den Löwen ihre Einzigartigkeit genommen. Jetzt will er sich am neuen Kaiserpalast des FC Bayern beteiligen. Aber es gibt Widerstand.

Bis zur Olympiade 1972 waren es vor allem die Bayern, die auf der Suche nach einer Spielstätte durch München nomadisierten. Der TSV spielte beständig im Stadion an der Grünwalder Straße in Giesing, unterbrochen von einigen unseligen Jahren im Olympiapark, die – völlig zu Recht   in der Bayernliga endeten. In Erinnerung an diese Zeit bleibt eine Art Rüetli-Schwur, nie wieder ans Oberwiesenfeld zu ziehen, das – gemeinsam mit dem CSU-Haushaltsexperten Erich Riedl – so großes Leid über den Klub brachte. Wie haben die Anhänger deshalb getobt, als Wildmoser ein Jahr nach dem Bundesliga-Aufstieg verfügte, dass die Löwen fortan im Oly spielen. Dort gäbe es mehr Presseplätze und VIP-Logen. Und größer sei es auch. Überhaupt das Vermarktungspotenzial …

Suspekt war er ja schon immer, der Großgastronom aus Hinterbrühl: Intrigant gegen seine integere aber glücklose Vorgängerin Lilo Knecht, Mitglied bei den Roten (nur im fußballerischen Sinne, versteht sich) und stets betonend, dass aus dem TSV »ein zweiter FC Bayern« werden soll. Demos und Lichterketten gegen den Umzug, selbst die Gründung der »Freunde des Sechzger-Stadions« (FDS) hat »KHW« schon 1995 als »vereinsschädigend« diffamiert. Er hat sich durchgesetzt. Auf einer Delegiertenversammlung, die eher einem Parteitag der chinesischen KP glich, und bei den Journalisten. Denn die werden bei Unbotmäßigkeiten mit sofortigem Liebesentzug auf Linie gebracht. So durfte Wildmoser ungestraft Gerüchte um die Verpflichtung von Viktor Ikpeba damit zerstreuen, dass solcher »Müll« nicht ins Team passe (Ikpebas damalige »Formkrise« resultierte aus dem Krebstod seiner Frau). Die Münchner Tagespresse, allen voran »Bild«-Hofberichter Thomas Nuggis, wertet solche Sprüche als liebenswerte Macken eines Originals.

Auch ein Großteil der Anhängerschaft hat sich gleichschalten lassen. Die ARGE, Wildmoser-höriger Dachverband der Fanklubs, wird dafür mit Freikarten beglückt und mit Spieler-Besuchen bei Weihnachtsfeiern. Vor allem außerhalb Münchens gilt immer noch, dass man KHW viel zu verdanken habe. Er wisse schon, was gut für den Verein ist. Zwei Derbysiege tun ein Übriges.

Herr Speer baut dem Kaiser ein Stadion

Im Fanzine »Sinn des Lebens« stand einmal, dass durch den Umzug etwa 5.000 Fans dem TSV den Rücken gekehrt haben. Einige unterstützen heute die Amateure, die noch immer im Sechzger spielen, andere gehen gar nicht mehr hin. Ersetzt wurden sie durch eine neue Generation von Anhängern, die von den großen Schlachten an der Grünwalder Straße nur gehört hat und das Oly akzeptiert, weil sie nichts anderes kennt. Aber wer will diesen bedauernswerten Würmern schon einen Vorwurf daraus stricken?

Und was nimmt es da Wunder, dass einfach gestrickte Seelen den neuesten Unfug zumindest billigen? Ein gemeinsames Stadion mit den Bayern soll her, in Fröttmanning am Fuße des Müllbergs. Die Initiative ging von den Roten aus. Firlefranz war es leid, seinen G14-Spezln immer nur das Oly präsentieren zu können und forderte einen Hexenkessel. »Es wird sich«, so der Kaiser, »doch noch ein Terrorist finden, der das Olympiastadion wegsprengt«. Die Stadt war zunächst nur bereit, einer Überdachung des Oly zuzustimmen. Man wollte die solventen Mieter am Oberwiesenfeld nicht verlieren. Aber als »Titanic« die WM ins Reich holte, erpresste Beckenbauer die Stadt damit, dass in Willy Brandts »Kommunistenschüssel« allenfalls »Ägypten gegen Afghanistan« spielen würde. Der entnervte Stadtrat genehmigte einen Neubau.

Konzipiert wurde die Arena übrigens vom Frankfurter Architekturbüro Albert Speer Junior & Partner. Pikant, denn dessen Vater baute als Hitlers Leibarchitekt das Berliner Olympiastadion, bevor er sich als Rüstungsminister an Millionen von Zwangsarbeitern austobte. Nun verbietet sich Sippenhaft von selbst, bemerkenswert ist indes, dass abermals ein Speer die baulichen Blütenträume eines Größenwahnsinnigen reifen lässt.

Oder zweier Größenwahnsinniger, denn Wildmoser sagte zu, dass sich die Löwen zur Hälfte an den mit 400 Millionen Mark veranschlagten Baukosten beteiligen. Selbst für den Fall, dass man in die zweite Liga absteigt! Letzteres scheint möglich. Denn auch sportlich ist 1860 ist in den vergangenen Jahren zur grauen Maus geworden. Werner Lorant führte den Verein in die Perspektivlosigkeit und sorgt allenfalls medial für Aufsehen, etwa wenn er die eigenen Zuschauer als »die schlechtesten der Liga« bezeichnet. Die Fans wenden sich mit Grausen, beim Heimspiel gegen Wolfsburg waren es nur noch 10.000. Und die böten im 66.000-Mann-Kaiserpalast ein gleichermaßen trostloses Bild.

Zu Beginn des Jahres hatten sie noch Hoffnung: Manfred Schwabl, Ex-Spieler und nach Nichterscheinen bei einer Saisonabschlussfeier aus der Mannschaft geworfen, stellte gemeinsam mit Sponsoren ein Gesamtkonzept für einen Neubau des Stadions an der Grünwalder Straße vor. Im Wesentlichen handelte es sich um das Modell, das Heinz Weisener für St. Pauli entwerfen ließ. Die Fans reagierten bei der offiziellen Präsentation entsprechend: »Football's coming home!«. Wildmoser schickte nur seinen Sohn, inzwischen Fußball-Abteilungsleiter, zu der Veranstaltung. Der blamierte sich rhetorisch wie inhaltlich bis auf die Knochen.

Dem Präsidenten, für den die Rückkehr nach Giesing einer persönlichen Niederlage gleichkäme, war's einerlei. Er inszenierte eine peinliche Schwarzer-Peter-Show zwischen Gesinnungsgenossen: Zunächst, so KHW, müsse die Stadt als Eignerin des Sechzger-Stadions an den Verein mit Vorschlägen für einen Umbau herantreten. Die Stadt hingegen, die beide Klubs im Oly halten wollte, meinte, die Löwen müssten zuerst initiativ werden. Wildmosers Mantra: »Es geht hoid ned«. Die Sache verlief im Sande.

Polizeischutz bis Hinterbrühl

Allerdings lassen sich viele Anhänger nicht mehr sedieren. Bereits im vergangenen Winter wurde das Gästebuch der offiziellen Website von den »Grünwaldis« dermaßen penetriert, dass eigens ein Zensor angestellt wurde. Der verteilt inzwischen Passwörter, freilich nur gegen Name und Adresse. Die Opposition wich aus, auf »Loewenfans.de«, inzwischen eines der meistangesurften Foren im deutschen Fußball. Eine Fundgrube selbst für Journalisten von »Frankfurter Rundschau« bis »taz«. Hier werden friedliche Widerstandsaktionen koordiniert, etwa für das letzte Amateur-Derby im Sechzger-Stadion, in dessen Verlauf sich Wildmoser derart bedrängt wähnte, dass er um Polizeischutz für die Heimfahrt nach Hinterbrühl bat. Dabei wurde ihm kein Haar gekrümmt, es gab lediglich kernige Sprechchöre. Der Inhaber einer Geflügelbraterei auf dem Oktoberfest gilt im Volksmund als »Entenmörder«.

Der offizielle TSV indes lässt keine Gelegenheit aus, die Opposition zu kriminalisieren: Es handele sich um Hooligans. Kein Wort darüber, dass Wildmoser-Fans mehrfach gegen Grünwaldis tätlich geworden sind. Im Sommer hagelte es dann Vereins-Ausschlussverfahren gegen bekannte Oppositionelle. Dem unbescholtenen Vorsitzenden von FDS etwa wurde vorgeworfen, er handele vereinsschädigend. Ein Totschlagsargument. Dem kritischen Kolumnisten der Szene-Zeitschrift »Münchner Stadtmagazin« wurde erst die Akkreditierung entzogen, inzwischen hat er sogar Stadionverbot. Die Sprecherin des TSV, Claudia Leupold, reagierte zur Belustigung der anwesenden Journaille hysterisch, als sie bei der Pressekonferenz nach dem HSV-Spiel darauf angesprochen wurde. Jutta Schnell, die »Fan-Beauftrage«, sorgt sich ausschließlich um die Claqueure aus der ARGE, lässt aber selbst die dümmsten Ergüsse eines »Edelfans« und KHW-Parteigängers unwidersprochen. Der hatte in der Stadionzeitung »Löwenexpress« allen Ernstes behauptet, rechtsextreme Umtriebe bei 1860 seien dem Wiedererstarken der Initiative »Löwenfans gegen Rechts« geschuldet. Und dem Aufstieg des FC St. Pauli!«

Am 21. Oktober befinden die Münchner in einem Bürgerentscheid über den Bau des Kaiserpalasts. Mit einer Ablehnung ist nicht zu rechnen, zumal Stadt und Vereine das Thema endlich loswerden wollen und entsprechend trommeln. Das denkmalgeschützte Olympiastadion wird in Vergessenheit geraten, worüber niemand wirklich traurig ist. Dem Sechzger-Stadion aber droht die Abrissbirne, Investoren für ein Hotel- und Kongresszentrum stehen bereit. Dabei ist das Stadion nicht nur legendäre Sportstätte, sondern auch Mittelpunkt eines ganzen Stadtteils, der bereits unter dem Umzug der Löwen schwer zu leiden hatte. Zahlreiche Gaststätten, traditionell oder »szenig«, mussten dichtmachen. Das einst lebendige Giesing verkommt zur Schlafstätte.

Derzeit gibt es nur ein vorstellbares Szenario für die Rückkehr der Löwen an die Grünwalder Straße: Abstieg, schnellstmöglich. Das Modell Wildmoser wäre für jeden offensichtlich gescheitert. Eine neue, visionäre Vereinsführung, die begreift, dass Corporate Culture und Identität ein und dasselbe sind, putscht die alte weg. So schwer es den meisten fallen mag, sich diese Entwicklung zu wünschen – es ist die letzte Chance.

Gastartikel von Gusch

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