Oktober 2001
SZ, 25. 10. 2001: Streit um Szepan-Straße
Schalkes Manager Assauer
interessiert NS-Vergangenheit nicht
Gelsenkirchen Der Streit um eine
Straßen-Benennung nach dem aus der NS-Zeit belasteten Fußball-Idol Fritz Szepan hat zu
einem Machtkampf zwischen Schalke-Manager Rudi Assauer und den Politikern im Gelsenkirchener
Rathaus geführt. Assauer brüskierte jetzt das Stadtparlament mit seinem Vorstoß,
das neugebaute Jugend-Leistungszentrum »auf Schalke« nach Szepan zu
benennen unabhängig von den Ergebnissen der derzeit laufenden historischen und
juristischen Untersuchungen über Verwicklungen des legendären Fußballstürmers
in Machenschaften der Nationalsozialisten. »Seine Verdienste um den FC Schalke 04 sind auf
jeden Fall unumstritten«, sagte Assauer über den Begründer des ruhmreichen
»Schalker Kreisels«, alles andere interessiere ihn nicht.
Dann holte der wegen
seiner Ausbrüche gefürchtete Fußball-Manager zu einem Rundumschlag gegen die bei
der Szepan-Ehrung zögerlichen Stadträte aus. Nach neuerlichen Diskussionen um Szepans
NS-Vergangenheit überlege er sich, die Vorschläge des Vereins insgesamt zurück zu
ziehen und das Straßenkarree rund um die neue Arena nach Schalker Fußball-Idolen zu
benennen. »Die Politiker sollen die Straßen nach sich selbst benennen«, fauchte
Assauer im Kreise von Journalisten und fuhr im Stile eines rhetorischen Rummelboxers fort: Auf dem
Schalker Sportgelände werde er demnächst mobile Toilettenhäuschen aufstellen lassen
»und die dann nach Politikern dieser Stadt benennen«.
Der Gelsenkirchener
Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU) sagte der SZ, er werde sich durch die Drohungen Assauers
»nicht unter Druck setzen lassen«. Er habe in Sachen Szepan umfangreiche juristische
und historische Prüfungsaufträge vergeben, um so »eine fundierte
Entscheidungsgrundlage« für die bei der Straßen-Benennung zuständigen
Ratsgremien zu bekommen. »Die Schalker haben sich mit einer Ehrung für Szepan 50 Jahre
Zeit gelassen, jetzt können sie auch noch fünf Monate warten«, sagte Wittke, der
eine Klärung bis zum Jahresende anstrebt.
Profiteur der Arisierung
Wie die SZ
berichtete, war das Gelsenkirchener »Institut für Stadtgeschichte« (ISG) in einer
vertraulichen Studie zu dem Ergebnis gekommen, dass Szepan ein Profiteur der Arisierung gewesen
sei. Die Nazis sollen dem Nationalspieler im Jahre 1938 ein jüdisches Textilgeschäft am
»Schalker Markt« zugeschanzt haben. Im Zuge der Diskussion um die
Straßen-Benennung wurden Wahlaufrufe des blonden Vorzeige-Fußballers für die
Nationalsozialisten ebenso publik wie eindeutige Bekenntnisse zum Führer, etwa bei der
Fußball-WM 1934 in Italien nach einer Begegnung mit Mussolini: »Da stand ich kleiner
Schalker, der Mann aus dem Kohlenpott, auf einmal vor Italiens Regierungschef, um eine Ehrung
für Deutschland zu empfangen, eine Ehrung, die schließlich Adolf Hitler zukam, aus
dessen Geist wir gespielt haben und immer wieder spielen werden.«
In den Staatsarchiven
in Düsseldorf und Münster sollen Szepans Entnazifizierungs-Akte und Dokumente über
die Arisierung des an ihn übergegangenen Geschäftes lagern. Mit Hilfe dieser Unterlagen
wollen die Kommunalpolitiker weiteren Aufschluss darüber gewinnen, wie weit Szepan, der
prominenteste Sohn der Stadt Gelsenkirchen, tatsächlich in den Nationalsozialismus verstrickt
war.
Muskelspiele mit der Politik
Oberbürgermeister Wittke hat bei seinen
Aufklärungsbemühungen nicht nur die Rückendeckung aller Ratsfraktionen. Auch die
Faninitiative »Schalker gegen Rassismus« tut sich schwer mit der geplanten Benennung.
Zweifelsfrei sei Szepan »der begnadetste und legendärste Fußballer gewesen, der
Schalke groß gemacht hat«, sagt ihr Sprecher Bodo Berg. Aber seine offenkundigen
»menschlichen Verfehlungen« während der NS-Zeit könne man bei einer Ehrung
nicht außer Acht lassen. »Es kommt ja auch keiner auf die Idee, eine Straße nach
Leni Riefenstahl zu benennen.«
Derweil sucht Schalke-Manager Assauer geradezu lustvoll
die Muskelspiele mit der Politik und die Hoheit über den Stammtischen. Demokratische Gremien
hält der »letzte Macho der Bundesliga«, wie er sich von seinen Hofdichtern bei
Bild nennen lässt, ohnehin für eine zeitraubende Zumutung. Unbequeme Politiker und
kritische Journalisten sind dem Schalker Alleinherrscher ein Gräuel.
Nicht zum ersten Mal
hat Assauer mit seinem Vorstoß in Sachen Szepan Oberbürgermeister Wittke düpiert,
der mit 35 Jahren der jüngste Ratschef einer deutschen Großstadt ist. Als die Schalker
Ende letzter Saison in Berlin den DFB-Pokal gewonnen hatten, sagte der Schalke-Manager den Empfang
der Mannschaft im Gelsenkirchener Rathaus kurzerhand ab und beorderte den OB mit Amtskette und
goldenem Buch ins Parkstadion. Wittke lehnte ab und blieb den Feierlichkeiten fern.
Während sich die meisten Gelsenkirchener Stadträte nur hinter vorgehaltener Hand
über Assauers »instinktloses Vorgehen« in Sachen Szepan mokieren, hat der
CDU-Stadtverordnete Clemens Lucas öffentlich zurückgekeilt: Im Gegensatz zum
Schalke-Manager seien Toiletten »eine nützliche und brauchbare Einrichtung«.
Deshalb würde er niemals ein Klo-Häuschen nach Assauer benennen. »Er erweckt oft
den Eindruck, dass sein Niveau unterhalb dieser Einrichtung liegt.« Johannes
Nitschmann
Baff, 10. 2001: BAFF ruft Fans zum Boykott gegen Premiere-Dekoder auf
RAN gucken muss auch nicht sein
Die Einschränkung der
Bundesliga-Kurzberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist ein weiterer
Mosaikstein im kommerziellen Kampf des Medien-Hooligans Leo Kirch für den Ausverkauf des
Fußballs. Kirch versucht seit Jahren seine Version von Fußball voranzubringen.
Rücksichtslos unterliegt diese lediglich dem Gewinn maximierendem Wolfsgesetz.
Durch die
Verhinderung von Kurzberichterstattungen im öffentlich-rechtlichen TV will Kirch seine in
Stadionfan-Kreisen zunehmend verpönte Event- und Showsendung RAN wieder aufpeppen
zu Ungunsten der bereits an den Rand gedrängten Sportberichterstattung. Darüber hinaus
geht es ihm um neue Käufer seines Bezahlfernsehens für den Premiere-Dekoder
sollen immer mehr Wohnzimmermittelstürmer die Kirch-Steuer entrichten.
Sicher gibt es
kein Fan- oder Menschen-Recht auf Fußball im TV. In Zeiten von Radio, Videotext, SMS-Dienst
und Internet scheint schließlich auch der Informationsfluss gesichert.
Das Fußball
»Volkssport« sein muss, entscheidet sich nicht durch das Fernsehen. Fußball ist
»Volkssport«, weil ihn so viele Menschen aktiv betreiben. Bevor populistische Politiker
und Öffentlich-Rechtliche »Fußball, Fußball
Menschenrecht!« krakeelen, sollten zunächst existenzielle, gesellschaftliche
Bedürfnisse wie z. B. soziale Versorgung, Bildung, medizinische Behandlungsmethoden oder
Reisefreiheit wieder gesichert werden. Speziell für Fußballfans spielt die nicht
hinnehmbare Missachtung fundamentaler Freiheitsrechte z. B. bei
Auswärtsfahrten durch die immer repressivere Gangart von Sicherheitskräften
und Überwachung à la Zero Tolerance zur Zeit eine viel beschneidendere
Rolle.
Dennoch muss gesagt sein, dass die überhöhte Kommerzialisierung und
Eventisierung des Fußballs hin zu mehr Bezahlfernsehen eine weitere Privilegierung der
finanziell besser Gestellten bedeutet und damit vom Bündnis Aktiver Fußballfans e.V.
(BAFF) entschieden abgelehnt wird.
Obwohl wir eh lieber ins Stadion gehen:
BAFF
fordert alle Fußballfans auf, den Kauf von Dekodern zu boykottieren.
Was nicht
gekauft wird, wird irgendwann auch nicht mehr produziert. Geht ins Stadion, hört Radio,
schnorrt Kirch-TV in Kneipen und Gaststätten! Wenn Fußball im TV, dann muss es
Alternativen geben neben der RAN-Verfälschung und selig-schnarchigen Sportschau-Zeiten.
Wir würden uns freuen, wenn Sie diese Informationen in Ihre aktuellen Berichterstattungen
einfließen lassen.
BOYKOTTIERT JEDES BEZAHLFERNSEHEN!
Der Ball ist rund, nicht
eckig.
(?), 10. 2001: Uefa ehrt Anti-Rassismus-Netzwerk
Problem erkannt:
Köln Viele Jahre lang haben die meisten Fußballverbände Rassismus in
den Stadien als ein Problem abgetan, das mit Fußball nichts zu tun hat. Diese Haltung
dürfte nun der Geschichte angehören. Bei der Uefa-Gala in Monaco nahm der
französische Weltmeister Liliam Thuram, der auf Guadeloupe geboren ist, stellvertretend den
Charity Award 2001 des europäischen Fußballverbandes entgegen. Mit einer Million
Schweizer Franken wurde das Netzwerk Football Against Racism in Europe (Fare) ausgezeichnet, das
seinen Sitz in Wien hat.
Diesem Zusammenschluss gehören 50 Gruppen in Europa an, die
gegen Rassismus im Fußball arbeiten, darunter auch das Bündnis aktiver Fußballfans
(Baff) in Deutschland. »Damit wird endlich die Kontinuität des Problems
anerkannt«, meint Baff-Sprecher Gerd Dembowski. Ein Teil des Preisgeldes wird dem lockeren
Zusammenschluss von zumeist ehrenamtlichen Initiativen und Projekten in Deutschland zukommen. Im
nächsten Jahr kann Baff daher in Berlin ein Büro eröffnen. Auch die
Wanderausstellung »Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball« wird
in acht Städten Station machen können.
»Seit acht Jahren wühlt Baff vor
sich hin«, sagt Dembowski, »die Mitgliedsbeiträge haben gerade mal die Rundbriefe
finanziert«. Durch die Anerkennung der Arbeit auch auf internationalem Niveau ist nun ein
überregionales Engagement möglich. Baff angeschlossen sind unter anderem die mehrfach
ausgezeichnete Schalker Initiative gegen Rassismus, das populäre Offenbacher Fanzine Erwin und
der Fanladen des FC St. Pauli. Welchen Imagegewinn der Charity Award mit sich bringt, zeigen die
früheren Preisgewinner, u.a. das Internationale Rote Kreuz und die Special
Olympics.
Wegen der Zunahme von rassistischen Vorfällen hat die Uefa in der letzten
Saison deutliche Richtlinien verabschiedet: Vereine, die rassistisches Verhalten in ihrem Stadion
tolerieren, können gezwungen werden, vor leeren Rängen zu spielen. Einen ähnlichen
Weg hat auch der Weltfußballverband Fifa eingeschlagen. Fare war bereits zum Kongress vor
einigen Wochen in Buenos Aires eingeladen, wo die Fifa erstmals ihr Engagement gegen Rassismus
deutlich formulierte. Dembowski wurde dort nach seinem Vortrag von Funktionären »aus
Mauretanien bis Japan angesprochen, deren Interesse durchaus ernsthaft war«. In der Wiener
Zentrale von Fare kam aus Peru die Bitte des dortigen Fußballverbands an, beim Aufbau eines
Integrationsbüros zu helfen. Und selbst der Vertreter aus Papua-Neuguinea fragte bei Dembowski
um Hilfe nach: »Wir haben bei uns 700 Minderheiten und müssen was tun«. Mit dem
Geld der Uefa ist nun für Baff und seine europäischen Partner nicht nur Lob in der weiten
Welt, sondern vor allem die kontinuierliche Arbeit im eigenen Land
gesichert. Christoph Biermann
September 2001
SZ, 27. 9. 2001: Schatten der Vergangenheit
Streit um Straßenbenennung nach
dem Fußballer Fritz Szepan den FC Schalke 04 holt die Geschichte ein
Gelsenkirchen Die Beschlussvorlage war schon fertig. Das Straßenkarree rund
um die neue Arena »Auf Schalke« sollte auf die Namen ruhmreicher Fußball-Idole
getauft werden, die den Mythos des Gelsenkirchener Bundesligaklubs begründet haben. Neben
Stan Libuda, Berni Klodt und Ernst Kuzorra wollten Gelsenkirchener Ratsvertreter endlich auch den
prominentesten Sohn der Stadt mit einem Straßennamen ehren. »Die Planstraße A
erhält den Namen Fritz-Szepan-Weg«, heißt es in nüchternem Amtsdeutsch in
der Beschlussvorlage vom 30. April dieses Jahres.
Doch bis heute fehlen die
Straßenschilder rund um die neue Schalke-Arena. Die Beschlussvorlage ist heimlich und leise
zurückgezogen worden. »Vor Eintritt in die Tagesordnung« wurden die Beratungen im
zuständigen Bezirksausschuss Gelsenkirchen-Ost am 30. Mai eilig abgesetzt, weil es
»noch Probleme mit der Benennung eines Weges« gebe, wie der Protokollführer etwas
kryptisch notierte.
Die Probleme das sind offenkundige Verwicklungen des vom
Kicker zum »Spieler des Jahrhunderts« gekürten Fritz Szepan in Machenschaften der
Nationalsozialisten. So soll dem semmelblonden Stürmer 1938 während der Arisierung von
den Nazis ein jüdisches Textilgeschäft mit 13 Angestellten am »Schalker
Markt« zugeschanzt worden sein. »Das bisherige jüdische Kaufhaus Julius Rode und
Co. am Schalker Markt ist in arische Hände übergegangen«, heißt es in einem
Eintrag der Gelsenkirchener Stadtchronik unter dem 8. November 1938. Und weiter: »Es wird
geführt von Fritz Szepan.«
In einer von der Stadt unter Verschluss gehaltenen und
der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Studie befindet das Gelsenkirchener »Institut
für Stadtgeschichte« (ISG), dass Szepan »weniger Distanz zum Dritten Reich
gezeigt« habe als andere Spieler jener Knappen-Mannschaft, die in den 30er Jahren den
legendären »Schalker Kreisel« bildete und mit ihrem genialen Lauf- und
Kurzpass-Spiel zum Serienmeister avancierte. »Die erfolgreichen Fußballer des FC
Schalke 04 sind vom herrschenden System instrumentalisiert worden und haben sich als
überwiegend unpolitische Sportler auch instrumentalisieren lassen«, heißt es in
der ISG-Studie. Dabei gebe es jedoch »graduelle Unterschiede«. Szepan hat nach
Überzeugung der Historiker »mit einiger Wahrscheinlichkeit von den verbrecherischen
Maßnahmen der Nationalsozialisten notwendigerweise wissentlich
profitiert«.
Nach Bekanntwerden der ISG-Studie haben die Gelsenkirchener
Kommunalpolitiker kalte Füße bekommen. Einzig die Grünen, die im Bezirksauschuss
wegen der schwelenden Gerüchte um Szepans Nazi-Vergangenheit die Reißleine gezogen
hatten und dafür sorgten, dass die Straßenbenennung vorab von der Tagesordnung genommen
wurde, beziehen offen Position: »Die braunen Geschäfte von Szepan machen eine solche
Ehrung unmöglich«, urteilt Peter Tertocha, stellvertretender Fraktionschef der
Gelsenkirchener Grünen und zudem eingefleischter Schalke-Fan.
Inzwischen hat Tertocha
Dokumente ausgegraben, die weitere braune Schatten auf die Schalker Lichtgestalt werfen: Im Jahre
1938 hatte Szepan als Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im
Völkischen Beobachter einen Wahlaufruf für die Nationalsozialisten unterzeichnet. Ein
Jahr später wurde der Schalker Stürmer in den linientreuen »Führerrat des
Reichsamtes Fußball« berufen.
Inzwischen hat sich Szepans Tochter Ilse
Schmalenberg gegen Vorwürfe verwahrt, ihr 1976 im Alter von 67 Jahren verstorbener Vater sei
ein Profiteur der Arisierung gewesen. Vielmehr habe Szepan das Textilgeschäft von den
jüdischen Besitzern »entgegen gesetzlicher Bestimmungen käuflich erworben«.
Zwischen der Kaufmannsfamilie Rode, die nach Informationen der jüdischen Kultusgemeinde ins
Ghetto Riga deportiert und dort ermordet wurde, und Fritz Szepan habe bestes Einvernehmen
geherrscht.
Peter Post, sportpolitischer Sprecher der Gelsenkirchener SPD-Fraktion, hat
Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU) jetzt um Aufklärung der gegen Szepan im Raum
stehenden Vorwürfe gebeten: »Ich will endlich wissen, wer Recht
hat.« Johannes Nitschmann
Sport1.de, 4. 9. 2001: Schwerer Kampf gegen Rassismus
Rom Zum
wiederholten Mal hat der italienische Fußball-Erstligist Lazio Rom eine Runde im Kampf gegen
seine radikalen Anhänger verloren.
Am Montagabend boykottierten die
Rechtsextremisten den von Lazio-Präsident Sergio Cragnotti organisierten
»Friedens-Cup«, einem Turnier gegen Rassismus.
»Diese Aktion der
Radikalen ist eine Schande«
Der Pokal wurde von Cragnotti als demonstrativer
Schritt gegen die massiven rassistischen und antisemitischen Aktivitäten der Lazio-Fans
eingeführt.
Die Mehrheit der Anhänger folgte dem Boykott der drei führenden
rechtsextremen Fanklubs, insgesamt kamen nur 10.000 Zuschauer in das 80.000 fassende
Olympiastadion. »Diese Aktion der Radikalen ist eine Schande«, erklärte Franco
Carraro, Präsident des Italienischen Fußball-Verbandes (FIGC).
»10.000
haben ein Signal der Menschlichkeit gezeigt«
Trotz des Boykotts zeigte sich dagegen
Lazio-Präsident Cragnotti zufrieden. »10.000 haben ein Signal der Menschlichkeit
gezeigt und machen uns Hoffnung für die Zukunft. Die Botschaft scheint angekommen zu sein,
wir werden weiter mit aller Härte gegen Rassismus und Antisemitismus vorgehen«,
erklärte der Lazio-Chef.
Die radikalen Anhänger beriefen sich auf die angespannte
Lage im Nahen Osten. »Die Bezeichnung als Friedens-Pokal ist unangebracht, da zeitgleich in
Israel und Palästina tagtäglich Blut fließt und Terrorismus an der Tagesordung
steht. Die politische Situation hat das Turnier untragbar gemacht«, hieß es in vor dem
Stadion verteilten Schreiben.
August 2001
Sport.de, 16. 8. 2001: Union macht mobil
Kapitän Steffen Menze unterschrieb
offenen Brief gegen Rechts
Berlin Die Fußball-Profis von
Zweitliga-Spitzenreiter 1.FC Union Berlin haben sich dagegen verwahrt, dass ihre Heimspiele durch
die NPD zu wahlpropagandistischen Zwecken missbraucht werden. »Mit Bestürzung haben wir
zur Kenntnis genommen, dass vor unserem Heimspiel gegen LR Ahlen die politische Rechte ihr Unwesen
in der Nähe des Stadions trieb«, heißt es in einem von Kapitän Steffen Menze
unterzeichneten offenen Brief.
Spieler setzen sich zur Wehr
Die Spieler
distanzierten sich »ausdrücklich von dieser politischen Propaganda und möchten
nicht, dass Union damit in Verbindung gebracht wird«. Der 1. FC Union Berlin werde es nicht
zulassen, dass Leute mit radikaler Gesinnung im Stadion Alte Försterei Einlass erhalten.
Gewaltbereite Störenfriede und politische Extremisten müssen draußen
bleiben
»Die Tore unseres Stadions dürfen nicht von gewaltbereiten
Störenfrieden und schon gar nicht von politischen Extremisten passiert werden«,
heißt es weiter. Die Spieler richteten zugleich ein Dankeschön an ihre Fans, »die
zu den friedlichsten der Liga zählen und fortlaufend unter Beweis stellen, dass Gewalt und
Radikalität bei Union keinen Platz finden«.
Fc-union-berlin.de, 14. 8. 2001: Offizielles Statement der 1. Mannschaft
Liebe
Eiserne,
mit Bestürzung haben wir zur Kenntnis genommen, dass am vergangenen
Samstag, vor unserem Heimspiel gegen LR Ahlen, die politische Rechte ihr Unwesen in der Nähe
des Stadions trieb. Offenbar benutzt die NPD, im Vorfeld der anstehenden Wahlen in Berlin,
größere Massenveranstaltungen dazu, ihre einfältigen Parolen zu verbreiten.
Wir distanzieren uns an dieser Stelle ausdrücklich von dieser politischen Propaganda und
möchten nicht, dass Union damit in Verbindung gebracht wird!
In Deutschland gibt es das
per Grundgesetz verankerte Recht auf Versammlungsfreiheit. Solange die NPD als politische Partei
zugelassen ist (derzeit wird erwogen, sie zu verbieten), kann leider niemand verhindern, dass ihre
Anhänger auf öffentlichen Plätzen in Erscheinung treten.
Allerdings werden wir
nicht zulassen, dass Leute mit radikaler Gesinnung in unserem Stadion An der Alten Försterei
Einlass erhalten! Die Tore unseres Stadions dürfen nicht von gewaltbereiten
Störenfrieden und schon gar nicht von politischen Extremisten passiert werden.
Damit
erreichen wir wenigstens, wenngleich dies nur ein schwacher Trost ist, dass ihnen der Genuss der
Tore, die bei unseren Gegnern im Netz landen, verwehrt bleibt. Und natürlich, dass
diejenigen, die aus Freude am Fußball sowie, um uns zu unterstützen, ins Stadion
kommen, eine friedvolle Atmosphäre vorfinden.
Ein besonderes Dankeschön möchten
wir an dieser Stelle an unsere Fans richten, die zu den friedlichsten der Liga zählen und
fortlaufend unter Beweis stellen, dass Gewalt und Radikalität bei Union keinen Platz finden.
Der Sport, da bleiben wir eisern, muss immer im Vordergrund stehen.
Es grüßt Sie
und Euch mit einem herzlichen
Eisern Union!
Im Namen der Profi-Mannschaft des 1. FC Union
Berlin
Steffen Menze, Kapitän
Juli 2001
SZ, 23. 7. 2001: Die Flecken des Konsuls Willy Sachs
Das Schweinfurter Stadion
ist nach dem SS-Mann benannt jetzt war Maccabi Haifa zu Gast
Es ist der
23. Juli 1936. In Schweinfurt wird ein Stadion eingeweiht, und es wimmelt von hohen Nazis. Der
Reichsführer SS Heinrich Himmler ist da, der Reichsorganisationsleiter Robert Ley, auch der
Reichsstatthalter von Bayern, Ritter von Epp. Hermann Göring war am Tag zuvor in Schweinfurt,
und Adolf Hitler hat für die Feier ein Telegramm geschickt. Willy Sachs, Generaldirektor und
Besitzer der Firma Fichtel & Sachs und SS-Sturmbannführer, hat seiner Heimatstadt für
eine Million Reichsmark ein Stadion geschenkt. Natürlich heißt es fortan
Willy-Sachs-Stadion. So heißt es heute noch. Heute, das ist der 20. Juli 2001. Auf einem
Nebenplatz des Willy-Sachs-Stadions spielt vor 800 Zuschauern der Zweitligist FC Schweinfurt 05
gegen Maccabi Haifa den Fußballmeister aus Israel. Maccabi Haifa ist im
Trainingslager in Nürnberg, der Hotelier hat das Freundschaftsspiel mit dem
Zweitliga-Aufsteiger vermittelt, und eigentlich hätte die Begegnung im Stadion stattfinden
sollen. Weil die heikle Angelegenheit ehemaliger Nazi und jüdische
Fußballmannschaft aber seit Tagen durch die Presse geistert (sogar der britische
Guardian hat angerufen), hat man das Spiel verlegt. Die Israeli sind zufrieden. Die Schweinfurter
aber haben das Problem wieder einmal nur verlagert.
Ein Buch als Auslöser
Eigentlich begann die ganze Sache im Februar 2001. Der Hamburger Autor Werner
Skrentny hatte Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien herausgegeben. Über
einen Artikel zur Schweinfurter Spielstätte schrieb er:
»Willy-Sachs-Stadion der Name muss nicht sein«. Sachs, erklärte
Skrentny, war »ein überzeugter Nationalsozialist«. Bereits vor Hitlers
Machtübernahme war er mit der Nummer 87064 Mitglied der SS. Im Mai 1933 trat er der NSDAP bei.
Sachs wurde 1934 und 1935 in der SS befördert und gehörte seit dem 13. März 1936 dem
Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler an als »Sturmbannführer z.b.V.«
(zur besonderen Verwendung). Am 1. Juli 1943 ernannte ihn Himmler zum
»SS-Obersturmbannführer«, gab ihm obendrein Ehrenring und Ehrendegen der SS. Die
beiden, Sachs und Himmler, sollen befreundet gewesen sein. Dasselbe galt wohl für Sachs und
Göring. Hermann Göring, der den kuriosen Titel Reichsjägermeister trug, ging gerne
auf dem Oberaudorfer Besitz von Sachs auf die Pirsch. Seine Einladungen zur Jagd verschickte Willy
Sachs stets mit Bild und reichlich primitivem Text: »Der Jagdherr
von der Rechenau/ der ist auf diesem Bild schon blau/ und lädt Euch hiermit herzlich ein/ am
letzten Jänner zwischen 8 und 9/ zum Jägerball sein Gast zu sein/ Ihr Mannsleut
kommt's nach Jägersart/ ganz selbstverständlich mit 'nem Bart/ Hört! Saubre
Madln, auch wenn's schneit, gibt's für Euch nur a Dirndlkleid/ ob'n ned so viel
und unten wenig/ dann fühl'n wir Jäger uns als König/ Fürn Durst
gibt's was, nur keine Milli/ drum kommt zu Euerm Bayernwilli.« Göring berief den
Bayernwilli in den Reichsjagdrat, und der machte aus seiner Gesinnung kein Geheimnis. Bei der
Einweihung des Stadions, bei der er Himmler als »mein Reichsführer«
begrüßt hatte, würdigte er »unseren großen und geliebten Führer
Adolf Hitler« mit einem »dreifachen Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!«. Der kicker
bildete Sachs bei dieser Gelegenheit in SS-Uniform ab.
In Schweinfurt wurde Skrentnys Buch
zwar registriert aber nur wenige reagierten. Das Schweinfurter Tagblatt machte eine
Rezension, es folgten zwei Leserbriefe, einer für, einer gegen eine Namensänderung, dann
war wieder Ruhe. Bis das Spiel gegen Haifa kam. »Totschweigen bis es nicht mehr geht,
aussitzen und abwarten«, nennt das Axel Teuscher, Geschäftsführer der
Kulturwerkstatt Disharmonie in Schweinfurt. Er hatte den Leserbrief für die
Namensänderung geschrieben. Teuscher arbeitet auch für die Initiative gegen das
Vergessen, die sich mit Zwangsarbeitern in Schweinfurt beschäftigt und dazu Bücher
veröffentlicht hat. Fichtel & Sachs, Teil der Schweinfurter Wälzlagerindustrie,
beschäftigte ab 1942 russische und polnische Frauen zwischen 18 und 25 Jahren. Und die waren
nicht nur Arbeitskräfte zweiter Klasse, sondern auch Menschen zweiter Klasse. »Bei
Luftangriffen«, berichtet Axel Teuscher, »durften die Zwangsarbeiter nicht in die
Bunker. Das galt auch für die Firma Fichtel & Sachs.« Viele flüchteten in den
Wald. Für Teuscher ist Schweinfurt »eine ganz normale, spießige Kleinstadt mit
einem gebrochenen Verhältnis zur Vergangenheit«.
SS-Runen wegretuschiert
Dieses gebrochene Verhältnis nimmt schon mal skurrile Züge an. 1986
veröffentlichte die Stadtverwaltung eine Broschüre 50 Jahre
Willy-Sachs-Stadion und nahm dabei kleine Korrekturen vor. Auf Seite 10 sieht man
Fechterinnen, flankiert von Fahnen auf einer Flagge ist das Hakenkreuz wegretuschiert.
Auch die SS-Runen auf dem Anzug-Revers von Willy Sachs wurden beseitigt, ziemlich dilettantisch
allerdings, denn man erkannte noch die Flecken. Die Stadt Schweinfurt hat sich übrigens nicht
am Zwangsarbeiterfonds beteiligt, sagt Axel Teuscher, »obwohl sie viele beschäftigt
hatte«.
Das Stadion gehört der Stadt, nicht dem Verein. Eine Namensänderung
könnte also nur der Stadtrat herbeiführen; und der müsste dann auch noch
darüber debattieren, ob der Konsul Willy Sachs Ehrenbürger der Stadt bleiben darf. Aber
dazu wird es wohl nicht kommen. Sportreferent Jürgen Mainka (»ich maße mir nicht
an, das Leben des Konsuls zu beurteilen«) sagte, die Stadtverwaltung werde »keinen
Vorstoß« unternehmen und von den Parteien liege kein Antrag vor. CSU-Fraktionschef Arno
Barth erklärte, »dass ein Antragsteller (auf eine Namensänderung des Stadions) im
Stadrat eine 1:43- Niederlage kassieren würde«. SPD-Fraktionschef Gerd Schurz ist
ebenfalls gegen eine Namensänderung, und der Grüne Roland Schwab sagte auf Anfrage der SZ
nur, man werde sich damit beschäftigen. Er halte aber »eine Diskussion über dieses
Thema für unpopulär«. Immerhin ist im nächsten Jahr Kommunalwahl, und da muss
man sich nach den Wählern richten, deren Haltung ziemlich eindeutig ist: Am vergangenen Montag
machte ein privater Fernsehsender eine Umfrage in Schweinfurt kein einziger war
für die Umbenennung.
»Willy Sachs ist hier als großer Förderer des
Sports und als Arbeitgeber in Erinnerung«, sagt Stefan Funk, »man ist dafür
dankbar und will das von dem Unrecht in der Nazizeit trennen«. Funk ist Pressesprecher des FC
Schweinfurt, auch er ist gegen eine Namensänderung. Er sagt, man habe sich die ganze Woche mit
diesem Thema auseinandergesetzt, »wirklich ganz tiefgehend«. Man wollte nicht
unsensibel damit umgehen, erklärt er, »schließlich wollten wir nicht, dass es
überall heißt: Was ist denn in Schweinfurt los? Wir hatten doch gerade die Sache mit dem
Sell«.
Die Sache mit Sell. Der parteilose Stadtrat Roderich Sell hatte einem Berliner
Jornalisten einen Brief geschrieben, für dessen Inhalt man kaum Worte findet: Dumm?
Gefährlich? Schlicht abscheulich? Sell, früher Mitglied der Republikaner, nannte
Skinheads »die besseren Deutschen«, die sich »ein gesundes Volksempfinden
bewahrt« hätten. Angriffe auf Ausländer seien »Notwehr gegen
Überfremdung«. Sell muss wegen Volksverhetzung 22500 Mark bezahlen, er sitzt aber weiter
im Stadtrat.
Funk sagt, dass das schon vermischt worden sei: die Sache mit Sell und die Sache
mit Sachs. Und deshalb betont das CSU-Mitglied Funk immer wieder, dass der Verein entschieden gegen
Rassismus und Ausländerfeindlichkeit eintrete. Funk spricht professionell wie ein Politiker,
FC-Geschäftsstellenleiter Matthias Böhnke hatte dem Spiegel das gesagt, was an den
Stammtischen gesprochen wird: »Alles muss irgendwann vorbei sein«, meinte Böhnke,
»ich persönlich habe mit dem Namen Willy Sachs kein Problem«.
Israeli
für Verlegung
Hat eigentlich jemand die Israeli gefragt, ob für sie alles vorbei
ist? Ob Willy Sachs für sie ein Problem ist?
Stefan Funk berichtet, Funktionäre von
Maccabi Haifa hätten gesagt, es habe Diskussionen in Israel gegeben. »Und dann haben wir
das Spiel auf den Nebenplatz verlegt«, sagt Funk. Wer? Der FC? »Ja«, sagt er.
»Wir
und Haifa. Wir waren uns einig«. Das ist wohl eine kleine
Verfälschung der jüngeren Geschichte. Haifas Manager Hanan Spagat verriet nämlich,
»dass wir gebeten haben, das Spiel zu verlegen«. Ein Unterschied ist das
schon.
Spagat und seine Mannschaft, die das Spiel in Schweinfurt 3:1 gewann, konnten mit dem
Namen Willy Sachs nicht viel anfangen. »Noch nie gehört«, sagt ein Spieler. Ein
anderer schüttelt den Kopf. »Wer war Willy Sachs?«, will Spagat
wissen. »Er war SS-Obersturmbannführer.«
»Oh«, sagt Spagat nur. Er macht eine Pause. Dann sagt er: »Im Stadion hätten
wir nicht spielen können". Was er offenbar auch nicht wusste: Der Nebenplatz, auf dem sie
spielten, war ebenfalls am 23. Juli 1936 eingeweiht worden. Gerhard Fischer
Sport.de, 3. 7. 2001: Pilz warnt vor »Expansion des
Rassismus«
Hannover Deutschlands führender Fan-Forscher Professor
Gunter A. Pilz hat vor dem Kongress des Fußball- Weltverbandes Fifa in Buenos Aires vor
»einer gefährlichen Expansion des Rassismus in den Stadien« gewarnt. Pilz vertritt
in Argentinien die Daniel-Nivel-Stiftung. »In der Bekämpfung des Rassismus im
Fußball darf es nicht bei der Veranstaltung von Symposien bleiben. Wir brauchen angesichts
der Ausweitung des Rassismus einen internationalen Aktionsplan. Wenn das in Buenos Aires nicht
gelingt, kann man die Veranstaltung vergessen".
Programm vom DFB und Fifa gegen
Rassismus
Vor Jahren sei es noch nicht denkbar gewesen, dass sich die Fifa überhaupt
mit diesem Problem beschäftigt, inzwischen habe der Weltverband nicht nur nach den
Vorfällen in Italiens Serie A die Bedrohung durch den Rassismus erkannt und in Kooperation mit
dem DFB ein Zehn-Punkte-Programm gegen Rassismus aufgelegt. Pilz warnt davor, das Problem auf die
Vorfälle in Italien zu beschränken: »Das ist ein globales Problem. Auch in
Deutschland gibt es verstärkten, aber verdeckten Rassismus in den Stadien. Und der wird vom
organisierten Rechtsextremismus in Deutschland gesteuert«.
Problem auch in Deutschlands
Stadien: Allein in Hannover geht Pilz von 150 rechtsextremen Aktivisten aus, »im Osten
Deutschlands sind es wesentlich mehr«.