Juni 2001
Junge Welt, 8. 6. 2001: Krise in der Kurve. Fankongress klagte über Rassismus und
Repression
»Beim FC St. Pauli geht es derzeit fast zu wie im Schlaraffenland«,
erklärte kürzlich stolz grinsend ein Fan der in die Bundesliga aufgestiegenen
Kiez-Kicker. Ansonsten gehören St.-Pauli-Fans zu den Fußballanhängern, die sich
durch Erfolge nicht einlullen lassen. 1993 waren sie mit Anhängern 15 anderer Vereine
maßgeblich an der Gründung von »B.A.F.F.« beteiligt, dem bundesweiten
»Bündnis antifaschistischer Fanclubs und Faninitiativen«. 1995 wurde das
»antifaschistisch« durch »aktiv« ersetzt, um sich, wie es in einer
B.A.F.F.- Broschüre heißt, auch »für andere aktive, aber politisch nicht so
festgelegte Leute« zu öffnen.
Das Bündnis sieht sich als »einen losen
Haufen von Fußballverrückten«, der gegen Rassismus, Sexismus, die
Kommerzialisierung des Fußballs vorgeht und Faninteressen vertritt. Die Mitglieder sind vor
Ort in Fanprojekten, Fanläden oder bei Fanzines aktiv. Am Pfingstwochenende trafen sich zehn
Vertreterinnen und rund 40 Vertreter aus dem gesamten Bundesgebiet zum dritten B.A.F.F.-Fankongress
im westfälischen Oer-Erkenschwick. Zunächst wurde eine Rückschau auf die vergangene
Saison gehalten. Neben dem sportlichen Erfolg konnten sich die Vertreter des FC St. Pauli vor allem
zur positiven Entwicklung der eigenen Fankultur äußern: »Bei uns gibt es nahezu
keinen offenen Rassismus im Stadion mehr«. Beigetragen haben dazu von Fans, Vereinsleitung
und Sponsoren getragene Aktionen wie etwa das Anbringen einer Werbebande im Millerntor-Stadion:
»Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!«.
Auf den immer noch
herrschenden Sexismus auch unter St.- Pauli-Zuschauern wurde auf Flugblättern und in einer
achtseitigen Sonderbeilage der Stadionzeitung aufmerksam gemacht. Sehr hilfreich für das
Gelingen solcher Aktionen ist nach Angaben der Fans die »sehr gute Zusammenarbeit mit dem
Präsidium«.
Davon können die kritischen Fans des TSV 1860 München nur
träumen. Die Löwen-Anhänger berichteten von den Zuständen in ihrem Verein:
»Präsident Karl-Heinz Wildmoser treibt ein übles Spiel mit uns. Kritiker an der
Vereinspolitik wurden und werden zensiert, kriminalisiert und im schlimmsten Fall sogar an den
Pranger gestellt«. Bei der Bekämpfung rassistischer Tendenzen soll die Vereinsleitung
indes nicht so beflissen sein und das Ganze eher verharmlosen. Als Erfolg verbuchen die
Löwenfans, dass trotz des schwierigen Umfelds die Initiative »Löwenfans gegen
Rechts« wieder gegründet wurde und inzwischen immerhin 100 Sympathisanten
zählt.
Allgemein stellten die Fan-Vertreter ein Ansteigen rassistischer, antisemitischer
und sexistischer Äußerungen in den Stadien fest. In Arbeitsgruppen wurde über
Maßnahmen diskutiert. Dabei wurde auch Kritik an einigen der sogenannten Ultra-Fans laut. Sie
wünschten sich »Football without politics«. Übereinstimmend stellten die
Kongressteilnehmer hingegen fest, dass eine unpolitische Haltung die herrschenden
Verhältnisse im und ums Stadion letztlich nur bestätigt.
Über die immer
schikanösere Behandlung von Fußballfans durch Polizei, Bundesgrenzschutz und
Ordnungskräfte beklagten sich die meisten: Komplette Videoüberwachung jedes
Stadionwinkels, leichtfertiger Umgang mit Personendaten von Fans, penible
Durchsuchungsmaßnahmen (»Ziehen Sie bitte die Schuhe aus!«), Blocksperren,
übertriebene Auflagen in Sonderzügen (»Verlassen Sie Ihr Abteil nicht!«),
leichtfertig ausgesprochene Stadionverbote (derzeit bundesweit 1700) das Klima
für Fußballanhänger wird rauher.
Auch die Akteure auf dem Platz bleiben von
Repression nicht verschont. So wurde das geplante bundeseinheitliche Arbeitsverbot für
Sportler aus Nicht-EU-Ländern, die unterhalb der ersten Bundesliga spielen, heftig kritisiert.
Angenehmere Perspektiven vermittelte das politische Kulturprojekt Roter Stern Leipzig. Neben
sportlichen Aktivitäten engagieren sich die Leipziger als Supporter des FC Sachsen. Vor allem
aber geht der Verein Probleme wie Rassismus und Sexismus ausgesprochen kreativ an. Mit
verschiedenen Aktionen (Konzerten, Demonstrationen, Partys) und einem witzigen
Merchandising-Konzept hat er sich inzwischen in der subkulturellen Szene Leipzigs etabliert. Wegen
seiner politischen Aktivitäten geriet der Rote Stern allerdings auch schon ins Visier
des sächsischen Verfassungsschutzes. Thomas Mrazek
Sportal.de, 4. 6. 2001: Treviso mit toller Aktion gegen Rassismus
Treviso Mit einer beeindruckenden Aktion hat der italienische
Fußball-Zweitligist Treviso Farbe gegen Rassismus bekannt. Die gesamte Mannschaft lief am
Pfingstsonntag im Spiel gegen Genua mit schwarz angemalten Gesichtern auf, um auf diese Weise mit
Nachdruck gegen die Rassisten in den Reihen seiner eigenen Fans zu protestieren.
Diese hatten
Trevisos 18-jährigen Nigerianer Akeem Omolade am vergangenen Spieltag in Terni wegen seiner
Hautfarbe mit Affengeschrei verhöhnt. »Wenn wir das tatenlos hingenommen hätten,
wären wir zu Komplizen der Rassisten geworden«, begründete Trevisos Kapitän
Lorenzo Minotti die beispielhafte Solidaritätsbekundung.
Tosender Applaus der
Fans
Omolade dankte den Kameraden »für ihre fantastische Geste« mit
seinem Tor zum 2:2, was Trevisos Abstieg in die Drittklassigkeit jedoch nicht mehr verhindern
konnte. Das Publikum in Treviso bejubelte dennoch Omolades Tor. Auch als eine kleine Gruppe von
Rassisten die Spieler zu Beginn wegen ihrer schwarz angemalten Gesichter auspfiff, antworteten die
echten Fußball-Fans mit tosendem Applaus für die Mannschaft und ihre Aktion.
Auch
aus ganz Italien bekam Treviso großen Zuspruch. »Das war eine tolle Geste«,
sagte Aldair, der selbst schon unter rassistischen Äußerungen zu leiden hatte.
Lazio mit Platzsperre belegt
Beim Lokalderby gegen Lazio Rom war zuletzt in der
Lazio-Kurve ein Spruchband mit der Aufschrift »Neger-Mannschaft
Juden-Kurve« gezeigt worden. Dafür hatte der italienische Fußballverband Lazio
mit einer Platzsperre belegt. Lazio erstattete Anzeige gegen seine eigenen rassistischen Fans.
Bleibt zu hoffen, dass die tolle Aktion der Treviso-Spieler nicht nur in italienischen Stadien
Wirkung zeigt, und die wahren Fußball-Fans von idiotischen Spruchbändern oder
Ähnlichem zukünftig verschont werden.
Infoeuropa, 6. 2001: Antiracist Worldcup
The 5th Edition of the Antiracist
Worldcup is starting!
This initiative is a non competitive football championship open to fan
groups, migrant communities and all people who wants to have fun and live an experience of sharing
experiences with people of all over the world. This year we will have 1.000 people from all over
the world, mainly from Europe, who will stay together for 4 days in Montecchio (Reggio Emilia)
from 28 June to 1st July. This year we will have also many concert: Chumbawamba, Station 17 and
Fermin Muguruza.
The Antiracist Worldcup is organized by Progetto Ultrà-UISP, in
collaboration with FARE (Football Against Racism in Europe) and cofinanced by European
Commission.
You'll find all the information in uisp.it/warc¹ where you'll find the programme, the participant teams,
photoes of the past editions and other information all in English.
Hoping some of you can
attend to the manifestation or could be interested in our activity. Daniela
Conti
Mai 2001
Sportal.de, 2. 3. 2001: Lazio wegen Rassismus bestraft
Rom 60.000 Mark
Geldstrafe und eine Platzsperre von einem Spieltag: So lautet die Strafe des italienischen
Fußball-Verbands (Figc) gegen Lazio Rom. Grund dafür sind die rassistischen
Äußerungen der Fans des amtierenden Meisters Italiens.
Eine radikale Minderheit in
den Reihen der Lazio-Anhänger hatte beim Derby gegen den AS Rom (2:2) am vergangenen Sonntag
farbige Spieler des Gegners mit Buhrufen verhöhnt und ein Spruchband mit der Aufschrift
»Neger-Mannschaft Juden-Kurve« gezeigt.
Der Klub verurteilte die
rassistischen Äußerungen scharf. Lazio-Präsident Sergio Cragnotti erstattete
Anfang der Woche bei der römischen Polizei Anzeige gegen die radikalen Fans.
Spielabbruch möglich
Schon in der Vergangenheit waren die Anhänger des
Vereins wiederholt durch rassistische Parolen und rechtsradikale Spruchbänder aufgefallen. So
waren immer wieder Hakenkreuz-Fahnen und SS-Zeichen gezeigt worden. Bei einem früheren Derby
hatten Lazio-Anhänger ein Spruchband mit der Aufschrift »Auschwitz ist eure
Heimat die Öfen euer Zuhause« gezeigt.
Als Reaktion auf die
rassistischen Exzesse in den italienischen Fußballstadien hatte die Regierung ein Dekret
verabschiedet, dass die sofortige Spielunterbrechung vorsieht, wenn rechtsradikale
Spruchbänder auf den Rängen gezeigt werden. Bislang wurde jedoch noch nie ein Spiel
unterbrochen.
Verdacht auf Urkundenfälschung
In Rom wurde am Mittwoch ein
Gerichtsprozess gegen den argentinischen Stürmer Juan Sebastian Veron vom italienischen
Fußball-Meister Lazio Rom und dessen Klub-Präsidenten Sergio Cragnotti eröffnet.
Gegen beide Personen besteht der Verdacht der Urkundenfälschung zur schnellen
Einbürgerung des Spielers.
Sowohl Cragnotti als auch Veron wurden am ersten Prozesstag
vom Richter Claudio Tortora vernommen. Veron hatte im September 2000 die italienische
Staatsbürgerschaft erhalten. Mit der Hilfe von Lazio-Rechtsanwälten, die einen
Ur-Urgroßvater süditalienischer Abstammung in Verons Stammbuch entdeckt hatten, konnte
der 25-Jährige in weniger als zwei Monaten Italiener werden. Dadurch wurde für Lazio ein
Ausländerplatz frei. In der italienischen Serie A dürfen genauso wie in Deutschland nicht
mehr als drei Nicht-EU-Bürger auf dem Feld stehen.
Die römische Staatsanwaltschaft
ist der Ansicht, dass Lazio in jüngerer Zeit intensiv nach italienischen Ahnen ihrer
Nicht-EU-Fußballer gesucht hatte, um sie möglichst schnell zu Italienern zu machen.
Dabei gab es angeblich Dokumentenfälschungen.
»Ich habe dem Richter erklärt,
dass ich kein Interesse hatte, EU-Bürger zu werden. Ich weiß nicht, was in Zusammenhang
mit meiner Einbürgerung geschehen ist. Ich bin aber sicher, dass Lazio korrekt gehandelt
hat«, erklärte Veron.
März 2001
Sport.de, 1. 3. 2001: Strafen für 120 Hooligans
Berlin
Der Berliner Justiz ist der bislang größte Schlag gegen Hooligans gelungen. Wie die
»Berliner Morgenpost« berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft 120 Hooligans wegen einer
Massenschlägerei nach dem DFB-Pokalendspiel am 12. Juni 1999, das Bayern München im
Elfmeterschießen gegen Werder Bremen verloren hatte, Landfriedensbruch und schweren
Landfriedensbruch vor.
Verabredung zur Massenschlügerei
In den schriftlichen
Urteilen sind die Randalierer zu Geldstrafen in Höhe von mehreren tausend Mark verurteilt
worden. Einigen Hooligans drohen Haftstrafen. Am Rande des Pokalfinals hatten sich etwa 200
gewaltbereite Personen aus ganz Deutschland zu einer organisierten Schlägerei im Bezirk Mitte
verabredet. Dabei stieß eine Koalition aus Berliner und Bremer Randalierern auf einen
Zusammenschluss von süddeutschen Hooligans.
Staatsanwaltschaft verhört 193 Zeugen
in zwei Jahren
Die Polizei hatte durch eine Telefonüberwachung von der Verabredung
zur so genannten dritten Halbzeit erfahren. 158 Schläger wurden festgenommen. Die
Staatsanwaltschaft verhörte während der vergangenen zwei Jahre insgesamt 193 Zeugen,
wertete die Aussagen und Fotos der Schlägerei aus, bevor sie jetzt die Strafbefehle auf den
Weg brachte. Ein Dutzend der Urteile ist bereits rechtskräftig.
Farenet, 3. 2001: FARE Aktionswoche gegen Diskriminierung
Zwischen 30.
März und 8. April findet zum ersten Mal die europaweite Aktionswoche des Netzwerks
»FARE Football Against Racism in Europe« statt. Fans, MigrantInnen und
Fußballvereine schließen sich zusammen, um Rassismus und Diskriminierung die
rote Karte zu zeigen. Von Spanien bis Polen, von Norwegen bis Italien werden in und rund um
Fußballstadien Aktionen organisiert. 1999 wurde in Wien das fan-orientierte FARE-Netzwerk als
Antwort auf die fehlende Anti-Rassismus-Politik vieler Verbände und Vereine gegründet.
FARE will lokale und nationale Initiativen vernetzten, Erfahrungen austauschen und gemeinsam gegen
jegliche Form der Diskriminierung im Fußball aktiv werden. Mehr als 40 Organisationen aus 15
Ländern sind in dem Netzwerk aktiv. 2001 führt FARE ein von der EU gesponsortes Projekt
durch. FairPlay-vidc (Wien) koordiniert das Projekt. Die Partner dabei sind FURD (Sheffield),
Progetto Ultrà (Bologna), Kick it Out (London), UISP (Rom) und SRTRC (Newcastle).
Februar 2001
Sport.de, 28. 2. 2001: BVB-Manager Meier gegen Rechts
Dortmund Michael
Meier, Manager des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, ist am Samstag Teilnehmer eines
Laufes gegen den Rechtsexremismus. In der Dortmunder Nordstadt gehen bei der Veranstaltung des
Aktions-Bündnisses »Rechtsweg ausgeschlossen«, bestehend aus Schulen,
Kirchengemeinden und dem »Treffpunkt Hannibal« rund 4.000 Schüler an den
Start.
Gegenveranstaltung zu Nazi-Demo
Der Lauf gilt als Gegenveranstaltung zu
einer Demonstration von Neonazis am gleichen Tag. Michael Meier wird vor dem Hauptlauf um 14 Uhr
mit weiteren Prominenten und einem T-Shirt mit der Aufschrift »Fremde sind Freunde«
starten. Diese Aktion wurde von den Borussen zu Saisonbeginn ins Leben gerufen.
Januar 2001
SZ, 24. 1. 2001: BVB will Vereinsgeschichte in der Nazi-Zeit
aufarbeiten
Dortmund (dpa) Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund will
die Vereinsgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten. »Der
Deutsche Fußball-Bund hat die Vereine aufgefordert, die Geschichte der einzelnen Clubs
während der Nazi-Zeit zu beleuchten«, sagte Pressesprecher Josef Schneck auf
dpa-Anfrage.
Die Studie soll der ehemalige Pressesprecher des BVB, Gerd Kolbe, bis Anfang Juli
dieses Jahres erstellen. Dazu will Kolbe Archive nutzen und Zeitzeugen befragen.
Nach Angaben
Kolbes sei aber bereits jetzt klar: »Der BVB hat keinen Grund, für diese Zeit der
Vereinsgeschichte beschämt oder befangen zu sein«. Das traditionelle Mitgliederklientel
rund um dem Dortmunder Borsig-Platz sei politisch zwischen dem sozialistischen und kommunistischen
Spektrum anzusiedeln. Nur auf massiven Druck der Nazis habe es 1933 einen Wechsel an der Spitze des
Vereins mit dem damaligen Präsidenten Egon Pentrup gegeben, der »sich mit Händen
und Füßen gewehrt hat, in die NSDAP einzutreten«, so Kolbe. Pentrup sei durch das
NSDAP-Mitglied August Busse ersetzt worden.
Außerdem sei ein so genannter
»Dietwart« für Volkstum berufen worden, der das »deutsche Brauchtum«
fördern sollte. »Zu den Veranstaltungen jeden Montag mit dem Vorlesen von den Reden des
Führers und dem Singen von NSDAP-Liedern ist faktisch aber kein Vereinsmitglied
erschienen«, beschrieb Kolbe.
Sport.de, 22. 1. 2001: Hannover: Hausordnung gegen Fremdenfeindlichkeit
Als
erster deutscher Fußball-Verein hat der Zweitligist Hannover '96 eine Hausordnung gegen
Neonazis erlassen. Das nach Vereinsangaben bundesweit einmalige Reglement verbietet im
Niedersachsen-Stadion ab sofort extremistische Symbole.
Aktion gegen
Extremisten
Verboten sind Zeichen, Parolen und Abbildungen, die den Eindruck einer
rassistischen, fremdenfeindlichen oder extremistischen Einstellung hervorrufen könnten.
»Wir wollen ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen«, sagte Clubchef
Martin Kind.
Fußball-Forum, 1. 2001: Entrüstung in Italien
Verona/Zürich Hellas Veronas Kapitulation vor seinen rassistischen Fans hat
Italien aufgerüttelt. Ein Sturm der Entrüstung geht durch das Land, das sich seiner
Gastfreundschaft rühmt, aber zulässt, dass in den Fußball-Arenen farbige Spieler
mit rassistischen Sprech-Chören verhöhnt werden.
Italiens farbiger Basketball-Star
Carlton Myers rief die Kicker am Mittwoch zum Spielerstreik auf. »Hört bei den
nächsten rassistischen Sprechchören auf zu spielen«, fordert der
Nationalteamkapitän, der in Sydney für Italien die Flagge ins Olympiastadion getragen
hatte.
»Keine Macht den Rassisten«
Ex-Fußballstar Gianni Rivera
schlu eine Quote für Farbige vor: »Jeder Verein sollte mindestens zwei farbige Spieler
im Team haben«, so dass farbige Fußballer für alle Fans zur
Selbstverständlichkeit würden. Mit Myers ist sich der in die Politik gewechselte Rivera
einig: »Keine Macht den Rassisten«.
Die FIFA hat auf den Rassismus-Skandal in
Italien reagiert. Beim Außerordentlichen Kongress am 6. Juli in Buenos Aires wird der
Weltverband eine internationale Konferenz über Rassismus im Fußball
durchführen.
FIFA reagiert auf den Skandal in Italien
»Wir werden
nicht nur untersuchen, wie wir Rassismus vom (Fußball)-Platz verweisen können, sondern
müssen auch versuchen zu zeigen, wie die Kraft des Fußballs eingesetzt werden kann, um
den Rassismus in unserer Gesellschaft allgemein zu bekämpfen«, erklärte
FIFA-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen dazu am Mittwoch.
In Italiens Arenen sind
rassistische Sprechchöre trauriger Alltag. Im Olympiastadion zu Rom wurden Spruchbänder
wie »Auschwitz ist eure Heimat. Die Öfen euer zu Hause« gezeigt.
Verona
»Hochburg der Rassisten«
Bei Hellas Verona hat es eine kleine, aber
mächtige Gruppe Rechtsradikalen geschafft, dass nicht mehr die spielerische Klasse, sondern
die Hautfarbe über Transfers entscheiden. »Einen Farbigen kann ich wegen dieser Fans
nicht holen«, gab Hellas-Präsident Giambattista Pastorello per TV-Interview zu.
Die Staatsanwaltschaft Verona schaltete sich ein, um zu prüfen, wie stark der Einfluss der
Rechtsradikalen ist. Pastorello ist wegen der internationalen Entrüstung inzwischen
umgeschwenkt.
Veronas Ruf ist ruiniert. Bürgermeisterin Michela Sironi Mariotti drohte
daher sogar: »Wir schließen das Stadion.« Die Stadt von Romeo und Julia steht
als »Hochburg der Rechtsradikalen« am Pranger.
Zuletzt Anfeindungen gegen
Thuram
»Zu Unrecht«, klagt die Bürgermeisterin. Beim zweiten Veroneser
Fußball-Club seien farbige Spieler schließlich problemlos integriert. »Ich hatte
nie Probleme«, bestätigt der farbige Afrikaner Christian Manfredini vom Veroneser
Vorortclub Chievo, der die 2. Liga anführt.
Bei Hellas sieht das anders aus. Am letzten
Spieltag riefen die »Ultras«, wie sich die radikalen Fans selbst nennen,
Sprechchöre gegen Parmas farbigen Franzosen Lilian Thuram.
»Das sind
Dummköpfe, die wir nicht mehr erreichen können. Wir müssen aber den Kindern und
Jugendlichen klar machen, dass dieses Verhalten falsch ist«, meinte der Weltmeister
gelassen.
Italienischer Fußball-Verband verschürft Strafen
Auch der
farbige Niederländer Edgar Davids (Juventus Turin) hat sich an die Rufe gewöhnt.
»Diesen Rassismus hat es auf den italienischen Plätzen immer schon gegeben.«
Fußball und Politik, die das Rassismus-Problem zu lange vernachlässigt haben, wollen
nun hart durchgreifen. Ein Regierungs-Dekret sieht vor, dass Spiele bei rassistischen
Ausschreitungen abgebrochen werden können.
Mit dem Start der Rückrunde
verschärft der Fußball-Verband ab 11. Februar zusätzlich die Strafen gegen die
Clubs. Dann drohen Geldstrafen und Platzsperren.
Hellas Verona muss 40000 Mark
zahlen
Hellas Verona kam wegen der Buhrufe gegen Thuram am letzten Spieltag diesmal noch
mit 40 000 Mark Geldstrafe davon. Der Imageschaden für Hellas, die Stadt und den gesamten
italienischen Fußball ist um ein Vielfaches höher.
Der Deutsche Fußball-Bund
(DFB) bezog zum Rassismus-Skandal klare Position. »Diese Art der Kapitulation darf es nicht
geben. Da muss man mit allen Kräften gegensteuern«, sagte Mediendirektor Wolfgang
Niersbach.
In der Bundesliga ist nach seiner Ansicht ein solches Verhalten gegenüber
ausländischen Akteuren auszuschließen. »Ich bin überzeugt, dass eine solche
Entscheidung undenkbar wäre.«
Volker Finke: »In Deutschland keine
Gefahr«
Diese Auffassung vertritt auch Trainer Volker Finke (SC Freiburg):
»Für Deutschland sehe ich keine Gefahr. Die deutliche Mehrheit der Bundesliga-Vereine
hat sich diesbezüglich eindeutig positioniert.«
Beim FC Schalke 04 werden
Mitglieder laut Satzung ausgeschlossen, wenn sie durch Kundgabe rassistischer oder
ausländischer Gesinnung auffallen.
In der Bundesliga-Hinrunde hat Schalke zudem gegen
fünf Fans, die Hetzparolen gebrüllt hatten, ein Stadionverbot ausgesprochen, berichtete
Pressesprecher Gerd Voss am Mittwoch.
Fußball-Forum, 1. 2001: 40.000 Mark Geldstrafe
Verona
Der italienische Fußball-Verband hat den Erstligisten Hellas Verona zu einer Geldstrafe von
umgerechnet 40.000 Mark verurteilt, weil am vergangenen Wochenende fanatische Hellas-Anhänger
beim Spiel gegen den AC Parma (0:2) den farbigen Gästespieler Lilian Thuram zur Zielscheibe
ihrer rassistischen Parolen gemacht hatten.
Der französische Welt- und Europameister war
bei jeder Ballberührung ausgepfiffen und mit Schmährufen rechtsradikaler Hellas-Fans
bedacht worden.
Verona-Fans erneut auffällig
In den vergangenen Monaten
hatten rassistische Zwischenfälle in Italiens Stadien mehrfach für Negativschlagzeilen
gesorgt. Neben rechtsradikalen Fans von Doublegewinner Lazio Rom waren dabei auch Anhänger
von Verona wiederholt aufgefallen.
Hellas musste nach Schmähgesängen seiner Fans
gegen Inter Mailands niederländischen Mittelfeldstar Clarence Seedorf bereits im vergangenen
November eine Strafe von umgerechnet 16.000 Mark zahlen.
Strafen für weitere
Klubs
Die Disziplinar-Kommission des italienischen Verbandes belegte zudem wegen diverser
Vorfälle am vergangenen Wochenende drei weitere Klubs mit Geldstrafen. Tabellenschlusslicht
Reggina Calcio muss 50.000 Mark bezahlen, da während der Begegnung gegen AC Perugia (0:2)
Fanatiker Steine und andere Gegenstände in Richtung des Schiedsrichters aufs Spielfeld
geworfen hatten.
Wegen des unerlaubten Abbrennens von Feuerwerkskörpern auf den
Rängen erhielten zudem der SSC Neapel (25.000 Mark) und der AS Rom (15.000 Mark)
Geldstrafen.
Fußball-Forum, 1. 2001: Verona-Fans pfeifen Thuram aus
Verona Die
Welle rassistischer Anfeindungen gegen ausländische Spieler in der italienischen 1. Liga
Serie A geht nicht zu Ende.
Frankreichs Welt- und Europameister Liliam Thuram musste beim
2:0-Sieg seines Vereins AC Parma am Sonntag bei Hellas Verona bei jeder Ballberührung Pfiffe
und beleidigende Schmährufe rechtsradikaler Hellas-Fans wegen seiner Hautfarbe über sich
ergehen lassen.
Thuram zuvor mehrmals Ziel rassistischer Angriffe
Thuram war
bereits zuvor in mehreren Stadien Zielscheibe rassistischer Hasstiraden gewesen. Besonders makaber
erschienen die Angriffe gegen den Franzosen am Sonntag, nachdem in Verona wie bei allen Spielen in
Italien vor Anpfiff in Gedenken an die Opfer des Holocaust eine Schweigeminute eingelegt worden
war.
In den vergangenen Monaten hatten rassistische Zwischenfälle in Italiens Stadien
mehrfach für Negativschlagzeilen gesorgt. Neben rechtsradikalen Fans von Doublegewinner Lazio
Rom waren dabei auch Anhänger von Verona aufgefallen.
Hellas musste nach
Schmähgesängen seiner Fans gegen Inter Mailands niederländischen Mittelfeldstar
Clarence Seedorf im vergangenen November bereits umgerechnet 16.000 Mark Strafe zahlen.
Fußball-Forum, 1. 2001: Fußballer sollen gegen Rassismus
streiken
Verona Italiens farbiger Basketballstar Carlton Myers hat die
Fußballer im Kampf gegen den Rassismus in den italienischen Fußballstadien zum
Spielerstreik aufgerufen.
»Hört auf zu spielen«
»Hört bei
den nächsten rassistischen Sprechchören auf zu spielen«, forderte der
Nationalmannschaftskapitän, der in Sydney für Italien die Flagge ins Olympiastadion
getragen hatte.
Die Fußballer dürften sich nicht auf die Politik und die
Sportverbände verlassen. »Es liegt an euch«, sagte Myers an die Adresse seiner
Sportlerkollegen am Mittwoch in einem Interview der »Repubblica«.
Reaktion auf
Verona-Präsident
Der Basketballer reagierte damit auf die Aussage des
Präsidenten des italienischen Fußball-Erstligisten Hellas Verona, Giambattista
Pastorello. Der hatte in einem Interview zugegeben, dass er wegen der rechtsradikalen Fans in
Verona keinen farbigen Spieler verpflichten könne.
Fußball-Forum, 1. 2001: Entscheidung löst Proteste aus
Verona Der italienische Fußball wird erneut von einem Rassismus-Skandal
erschüttert. Erstligist Hellas Verona beugt sich offensichtlich dem Willen der großen
Anzahl von Rechtsradikalen unter seinen Fans und verzichtet auf die Verpflichtung von farbigen
Spielern.
»Einen Farbigen kann ich wegen dieser Fans nicht holen«, erklärte
Veronas Präsident Giambattista Pastorello in einem Fernseh-Interview, als er auf die
mögliche Verpflichtung des farbigen Fußballers Patrick Mboma vom AC Parma angesprochen
wurde.
Rückwärtsschritt bei Bekämpfung von Rassismus
Pastorellos
Aussagen lösten in Italien heftige Kritik aus. »Wenn dies stimmt, schließen wir
das Stadion«, drohte Veronas Bürgermeisterin Michela Sironi Mariotti.
Italiens
Sportministerin Giovanna Melandri drückte in einem Brief an den Präsidenten des
Nationalen Olympischen Komitee Italiens (CONI), Gianni Petrucci, »ihre Missbilligung und
Bestürzung aus«. Pastorello schade den Bemühungen der Regierung und des
Fußball-Verbands (Figc), den Rassismus in den Stadien zu bekämpfen.
Schadensbegrenzung bei Verona
CONI-Chef Petrucci, der zugleich als kommissarischer
Präsident den italienischen Fußball-Verband leitet, versicherte, dass der Verband
»in seinem Kampf gegen den Rassismus unbeirrt fortfahren werde«.
Hellas Verona
versucht unterdessen den Schaden zu begrenzen. Der Präsident sei missverstanden worden,
teilte der Club mit. Pastorello selbst bestritt die Aussagen.
Pastorello verurteilt
Rassismus
Allerdings veröffentlichte die »Gazzetta dello Sport« am
Dienstag den Wortlaut des von dem TV-Sender aufgezeichneten Interviews mit Pastorello, der die
Kapitulation des Präsidenten vor den eigenen rechtsradikalen Fans bestätigt.
Rückendeckung bekam Pastorello lediglich vom farbigen AC Parma-Spieler Lilian Thuram.
»Pastorello ist nach dem Spiel in Verona zu mir gekommen und hat sich für die
rassistischen Sprechchöre der Verona-Fans entschuldigt«, sagte der französische
Weltmeister. Pastorello habe jeglichen Rassismus verurteilt, bestätigte Thuram.
Dekret sieht Spielabbruch vor
In Verona war es in den vergangenen Monaten genauso
wie in vielen anderen Stadien Italiens wiederholt zu rassistischen Sprechchören gegen farbige
Akteure gekommen. Die italienische Regierung hatte auf Grund des zunehmenden Rassismus in den
Stadien ein Dekret verabschiedet, dass einen Spielabbruch vorsieht, sobald auf den Rängen
Spruchbänder mit rassistischen Parolen gezeigt werden. Die drastische Maßnahme wurde
bislang jedoch noch nie angewandt.
SZ.text, 1. 2001: WM-Qualifikationsspiel Israel gegen
Wien
Wien Jörg Haider hat das Klima in Österreich vergiftet. Er hat
dreckige Wahlkämpfe geführt. Er hat die Beschäftigungspolitik der Nazis als
»ordentlich« bezeichnet und ehemalige SS-Soldaten als »anständige Menschen
mit Charakter«. Seine FPÖ darf in Österreich trotzdem regieren. Aber Haider hat
immer noch nicht genug. Am Sonntag war Kommunalwahl in Wien, und zuvor hat er nochmal richtig
hingelangt. Er verspottete Ariel Muzicant, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde
in Wien (»Wie kann einer Ariel heißen, der so viel Dreck am Stecken hat«), und
der israelischen Zeitung Maariv sagte er kürzlich, in der Entschädigungsfrage dürfe
es »zwischen Holocaust-Opfern und österreichischen Wehrmachtsangehörigen keinen
Unterschied geben«.
»Jörg Haider ist ein Antisemit«, schrieb daraufhin
das Nachrichtenmagazin Profil, »Wien erlebte die widerwärtigste Kampagne, die sich eine
Partei seit fast 70 Jahren bei demokratischen Wahlen leistete. Antisemitismus war zuletzt bei den
Wahlen 1932 ein Stilmittel gewesen. Damals errang die NSDAP (
) in Wien 17 Prozent.«
Die FPÖ verlor zwar acht Prozent, hat aber immer noch 20 trotz Haider oder gerade
wegen ihm. 27 Prozent der Österreicher, fand das Magazin Format heraus, halten Haiders
Aussagen für »kein besonderes Problem«.
In dieses Klima kam am Mittwoch die
Fußball-Nationalelf Israels. Sie bestritt ein WM-Qualifikationsspiel in Wien.
Schon im
November 2000 soll es die ersten Besprechungen zwischen dem Österreichischen
Fußball-Bund ÖFB, der israelischen Botschaft und den österreichischen
Sicherheitsbehörden gegeben haben. Spezialisten des israelischen Geheimdienstes Mossad
untersuchen während des Wien-Aufenthalts den Mannschaftsbus nach Bomben, die Fahrtrouten
werden ständig gewechselt, die Polizeipräsenz ist hoch, die Zuschauer werden gefilzt.
»Das ist aber ganz normal«, sagt ÖFB-Mitarbeiter Mathias Sollböck.
»Diese Sicherheitsvorkehrungen gibt es immer, wenn Israel im Ausland spielt, das hat keine
besondere Komponente Österreich-Israel«. Natürlich wird auch das Mannschaftshotel
Inter-Continental bestens bewacht, heißt es.
Davon merkt man aber nichts. Am Abend vor
dem Spiel kann man ungehindert ein- und ausgehen, egal ob man Klosterschüler oder
Waffenhändler ist. Vor dem Hotel ist alles ruhig, ein paar junge Frauen steigen aus dem Taxi,
ein paar junge Spieler umarmen sie. Als man die Frage nach »besonderen
Sicherheitsvorkehrungen« stellt, tauschen der Herr Receptionist und die Frau Receptionistin
einen kurzen Blick, dann werden aus den beiden fragenden Blicken ein forschender Blick
auf den Fragesteller. »Die gibt es«, sagen sie, »aber darüber können
wir keine Auskunft erteilen«. Dann kommen zwei Spieler vorbei, sie heißen Yossi
Benayoun und Katan Yaniv, was ein schöner Zufall ist. Benayoun wird nämlich in Israel als
riesiges Talent gepriesen. Momentan will Inter Mailand den Mittelfeldspieler verpflichten,
heißt es, für fast 15 Millionen Mark. Ein Interview, Herr Benayoun? »Nein«.
Warum nicht? »Wir geben seit einem Jahr keinem israelischen Journalisten ein
Interview.« Einem deutschen, vielleicht? »Nein, das würden dann die iraelischen
nicht verstehen. Wir wollen spielen, nicht reden.« Er macht nicht den Eindruck, als
würde er sich um Politik kümmern. Immerhin sagt er, dass am nächsten Tag um 10 Uhr
Training ist.
Beim Training kann man nicht zuschauen. Die Ordner, die hinter einem Stahlgitter
stehen, weisen alle zurück: »Die Uefa hat das angeordnet«, sagen sie. Wegen
Israel? »Nein, das ist immer so.« Richard Möller-Nielsen, Israels dänischer
Trainer, kommt vorbei und flachst mit dem israelischen Fernsehteam, das auch vor dem Gitter warten
muss. »Ich komme mir vor wie im Zoo«, sagt Möller- Nielsen, der 1992 mit
Dänemark Europameister geworden ist.
Der Fernsehjournalist Yaron Michaeli vom
israelischen Sportkanal 5 meint, dass die Spieler über Politik reden, »aber nicht sehr
viel. Für die Spieler ist es wichtig, vom Trainer aufgestellt zu werden, und dass sie gegen
Österreich gewinnen.« Michaeli erklärt, in Israel sei man »sehr, sehr
enttäuscht gewesen«, als Haiders FPÖ vor einem Jahr an die Regierung kam,
»wir dachten, Europa hätte aus dem Holocaust gelernt.« Nun sei man froh, dass die
FPÖ am Sonntag einen Dämpfer erhalten habe. »Ich hoffe, die Leute in Wien und
Österreich werden jetzt klüger«.
Gut, dass er unseren Taxifahrer nicht
gehört hat. Der schimpfte über Schröder und Fischer (»kannst
vergessen«), lobte Stoiber, weil er die EU-Sanktionen gegen Österreich kritisiert
hatte, und hatte für das Länderspiel gegen Israel nichts übrig außer das:
»Wir dürfen ja gar nicht gewinnen, sonst gibt es wieder Klagen gegen uns
weil wir die Juden gehauen haben.«
In der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien kennt
man diese Sprüche. Man hört noch viel schlimmere. Seit die FPÖ regiert, hätten
die Pöbeleien gegen Juden spürbar zugenommen, sagt der Student Marc, 22. »Seit die
Politiker so reden, fühlen sich auch die gemeinen Bürger legitimiert, ihre rechte
Einstellung nach außen zu tragen.« Und manchmal werden sie auch handgreiflich. Marc
kennt zwei orthodoxe Juden, die angegriffen wurden. Das Wahlergebnis vom Sonntag empfindet er
nicht als Beruhigung, »immerhin hat noch jeder fünfte Wiener FPÖ
gewählt.«
Marc ist in Wien geboren, hat immer hier gelebt. Wer soll gewinnen am
Mittwochabend: Österreich oder Israel? »Israel! Woher soll ein Patriotismus für
Österreich kommen, wenn ich Haider und Schüssel, der Haider verteidigt,
höre?« Vor dem Spiel »sind alle sehr aufgeregt, das ist ein großes
Ereignis.« Er geht hin und schätzt, dass inklusive der aus Israel
angereisten Fans etwa 400 bis 500 Juden im Stadion seien. Das ist viel. In Wien leben
nur noch knapp 10 000 Juden. Bevor Hitler kam, waren es 260 000. Bevor Hitler kam, gab es auch den
großen Sportverein Hakoah Wien, der in den zwanziger Jahren sogar mal österreichischer
Fußball-Meister war. Der einzige jüdische Fußballverein, den es heute noch gibt,
heißt Maccabi Wien und spielt in der 3. Klasse »das ist sehr weit
unten«, sagt Marc.
Nicht nur Sportjournalisten sind beim Spiel. Aus London ist ein
politischer Reporter gekommen, ein alter Reporter mit einer großen Hornbrille. Als
österreichische Fans bei der israelischen Nationalhymne pfeifen, wird er wütend. Er wird
sehr wütend. Er spricht von Waldheim und von Antisemitismus, und schnell ist man bei Hitler.
Der alte Reporter ist in Wien geboren, er ist nach London ausgewandert, als er noch jung war: 1938,
als die Nazis nach Wien kamen. »Ich habe damals als Kind dem Hitler eine Karte
geschrieben«, erzählt er mit deutlichem Wiener Einschlag, »ich habe geschrieben:
Entweder Sie gehen, oder ich gehe. Er wollte nicht gehen.« Er ist sehr bewegt, als er das
erzählt, und während er redet, hört man im Stadion dieses staccatohafte
Sieg-Sieg-Sieg-Gebrüll der Fans. Man würde es am liebsten abdrehen, so wie man es am
Fernsehen oder am Radio abdrehen kann. Aber ändern würde es auch nichts. Es ist nun mal
da, genauso wie das Plakat in der rot-weiß-roten Fan-Kurve: »Ich bin
stolz, ein Österreicher zu sein.« Hier wirkt der Spruch noch dämlicher als
sonst.
Yaron Michaeli ist auch da, der TV-Reporter, den wir morgens getroffen haben.
»Ich muss meine Meinung revidieren«, sagt er, »wegen der Pfiffe bei der
Hymne. Ich glaube, das mit den Wahlen am Sonntag, das hat noch nicht gereicht.«
Einige
Österreicher, mindestens 27 Prozent wahrscheinlich, sehen das übrigens anders. Gepfiffen
werde bei jeder Hymne des Gastes, ob der Spanien heiße oder Israel, sagen Zuschauer. Und Otto
Baric, Österreichs Nationaltrainer, erklärt nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft, er habe
zwar nicht gepfiffen, aber man möge bedenken: die Israeli hätten angefangen mit dem
Pfeifen, »bei unserem letzten Länderspiel in Tel Aviv.« Auge um Auge, wie es im
Alten Testament steht?
Sie mögen es nicht, wenn Sport und Politik vermischt wird, und sie
mögen es nicht, wenn wie der Kurier am Tag nach dem Spiel schrieb
»den Menschen die antisemitische Assoziation bei jeder Gelegenheit aufs Auge gedrückt
wird.« Deshalb darf Jörg Haider weiter Sachen sagen wie diese: »Wenn ich Guten
Morgen sag, ist das wahrscheinlich auch antisemitisch.« Es heißt, die Leute, vor denen
er das sagte, hätten furchtbar lachen müssen.
Sport.de, 1. 2001: Nur wenig Maßnahmen gegen Rassismus
Köln
Der Fanforscher Professor Dr. Gunter A. Pilz nimmt die deutschen Profi-Klubs unter Beschuss, die
nicht entsprechend auf den zunehmenden Rassismus im Fußball und den Stadien reagiert
hätten. »Die Resonanz ist sehr ernüchternd. Wir beobachten, dass in Deutschland
die Zuschauerränge ein reichhaltiges Betätigungsfeld für Neonazis und Rechtsextreme
sind, und das wird nicht weniger, sondern es wird mehr. Auch in Deutschland nehmen in den letzten
Jahren ausländerfeindliche Parolen zu, und von daher unterscheiden wir uns gar nicht so sehr
vorn dem, was in Italien passiert«, sagte der Soziologe Pilz im Deutschlandfunk.
DFB
legt Zehn-Punkte-Programm vor
Er bemängelt vor allem, dass in den verschiedenen
Bundesliga-Städten die jeweilige Stadionordnung nicht geändert worden sei. In einem
Zehn-Punkte-Programm hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Klubs unter anderem die
»Aufnahme eine Anti-Rassismus-Paragraphen in die Stadionordnung mit dem Ziel, dass Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit sowie das Zeigen und Rufen von rechtsradikalen Zeichen und Symbolen nicht
geduldet und mit Stadionverbot belegt wird« auferlegt.
Nur Schalke setzt Forderungen
um
Der DFB hatte bereits im Oktober 1998 den Vereinen seine Besorgnis mitgeteilt. Laut
DFB-Mitteilung habe bislang, so Pilz, von den 18 Bundesligisten lediglich Schalke 04 die
DFB-Aufforderungen nach einer neuen Stadionordnung umgesetzt. Von den Zweitligisten hätten
lediglich MSV Duisburg, FC St. Pauli und Hannover 96 reagiert.
Hannover als
Vorreiter
In Hannover sei man bereits einen Schritt weiter gegangen und habe alles unter
Strafe gestellt, »was nur den Eindruck erwecken könnte, dass es rassistisch oder
extremistisch anmutet oder gedacht ist«. Zur Begründung sagt Pilz: »Das ist
deswegen wichtig, weil die Rechten, die sich vermehrt im Stadion tummeln, genau diese Grauzone
ausnzutzen.«
Bei Nichbeachtung Lizenzentzug gefordert
Der Verband habe laut
Pilz auch mit Blick auf seine Gastgeber-Rolle bei der WM 2006 sensibel auf die
Rassismus-Problematik reagiert. Wenn die Bundesliga-Klubs allerdings diesen DFB-Empfehlungen nicht
nachkämen, sollte der DFB verpflichtende Durchführungsbestimmungen erlassen: »Wenn
die Vereine dann immer noch nicht reagieren, kann man ihnen auch die Lizenz wegnehmen«.
»Kein Platz für Gewalt«
Der DFB hatte wiederholt Flagge gegen
Rassismus gezeigt. Der letzte Spieltag der Ersten und Zweiten Bundesliga vor der
Winterpause im Dezember 2000 stand unter dem Motto »Kein Platz für Gewalt«.
»Wir wollen damit eindrucksvoll nach außen demonstrieren, dass wir Gewalt ablehnen. Der
Fußball ist geradezu berufen, solch' eine Aktion durchzuführen, weil er die
Integration von Ausländern vorlebt«, hatte der geschäftsführende
DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder erklärt.
Rechtsradikale werden
»intelligenter«
Pilz, der in der Vergangenheit Fan-Experstisen für das
Bundesinnenministerium angefertigt hat, hat in Deutschland eine in den vergangenen Jahren
veränderte Fußball-Szene festgestellt: »Früher waren die Rechtsradikalen im
Stadion die 'Dumpfbacken' aus sozial niedrigen Schichten.« Jetzt seien es die
»adretten netten Realschüler und Gymnasiasten«, die diesen Rechtsextremismus
»intellektueller verkaufen« und damit gefährlicher seien, weil sie damit eine
breite Masse von Mitläufern anlockten.