PRESSE-ARCHIV 2001 (1.-6.)

Juni 2001

Junge Welt, 8. 6. 2001: Krise in der Kurve. Fankongress klagte über Rassismus und Repression
»Beim FC St. Pauli geht es derzeit fast zu wie im Schlaraffenland«, erklärte kürzlich stolz grinsend ein Fan der in die Bundesliga aufgestiegenen Kiez-Kicker. Ansonsten gehören St.-Pauli-Fans zu den Fußballanhängern, die sich durch Erfolge nicht einlullen lassen. 1993 waren sie mit Anhängern 15 anderer Vereine maßgeblich an der Gründung von »B.A.F.F.« beteiligt, dem bundesweiten »Bündnis antifaschistischer Fanclubs und Faninitiativen«. 1995 wurde das »antifaschistisch« durch »aktiv« ersetzt, um sich, wie es in einer B.A.F.F.- Broschüre heißt, auch »für andere aktive, aber politisch nicht so festgelegte Leute« zu öffnen.
Das Bündnis sieht sich als »einen losen Haufen von Fußballverrückten«, der gegen Rassismus, Sexismus, die Kommerzialisierung des Fußballs vorgeht und Faninteressen vertritt. Die Mitglieder sind vor Ort in Fanprojekten, Fanläden oder bei Fanzines aktiv. Am Pfingstwochenende trafen sich zehn Vertreterinnen und rund 40 Vertreter aus dem gesamten Bundesgebiet zum dritten B.A.F.F.-Fankongress im westfälischen Oer-Erkenschwick. Zunächst wurde eine Rückschau auf die vergangene Saison gehalten. Neben dem sportlichen Erfolg konnten sich die Vertreter des FC St. Pauli vor allem zur positiven Entwicklung der eigenen Fankultur äußern: »Bei uns gibt es nahezu keinen offenen Rassismus im Stadion mehr«. Beigetragen haben dazu von Fans, Vereinsleitung und Sponsoren getragene Aktionen wie etwa das Anbringen einer Werbebande im Millerntor-Stadion: »Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!«.
Auf den immer noch herrschenden Sexismus auch unter St.- Pauli-Zuschauern wurde auf Flugblättern und in einer achtseitigen Sonderbeilage der Stadionzeitung aufmerksam gemacht. Sehr hilfreich für das Gelingen solcher Aktionen ist nach Angaben der Fans die »sehr gute Zusammenarbeit mit dem Präsidium«.
Davon können die kritischen Fans des TSV 1860 München nur träumen. Die Löwen-Anhänger berichteten von den Zuständen in ihrem Verein: »Präsident Karl-Heinz Wildmoser treibt ein übles Spiel mit uns. Kritiker an der Vereinspolitik wurden und werden zensiert, kriminalisiert und im schlimmsten Fall sogar an den Pranger gestellt«. Bei der Bekämpfung rassistischer Tendenzen soll die Vereinsleitung indes nicht so beflissen sein und das Ganze eher verharmlosen. Als Erfolg verbuchen die Löwenfans, dass trotz des schwierigen Umfelds die Initiative »Löwenfans gegen Rechts« wieder gegründet wurde und inzwischen immerhin 100 Sympathisanten zählt.
Allgemein stellten die Fan-Vertreter ein Ansteigen rassistischer, antisemitischer und sexistischer Äußerungen in den Stadien fest. In Arbeitsgruppen wurde über Maßnahmen diskutiert. Dabei wurde auch Kritik an einigen der sogenannten Ultra-Fans laut. Sie wünschten sich »Football without politics«. Übereinstimmend stellten die Kongressteilnehmer hingegen fest, dass eine unpolitische Haltung die herrschenden Verhältnisse im und ums Stadion letztlich nur bestätigt.
Über die immer schikanösere Behandlung von Fußballfans durch Polizei, Bundesgrenzschutz und Ordnungskräfte beklagten sich die meisten: Komplette Videoüberwachung jedes Stadionwinkels, leichtfertiger Umgang mit Personendaten von Fans, penible Durchsuchungsmaßnahmen (»Ziehen Sie bitte die Schuhe aus!«), Blocksperren, übertriebene Auflagen in Sonderzügen (»Verlassen Sie Ihr Abteil nicht!«), leichtfertig ausgesprochene Stadionverbote (derzeit bundesweit 1700) – das Klima für Fußballanhänger wird rauher.
Auch die Akteure auf dem Platz bleiben von Repression nicht verschont. So wurde das geplante bundeseinheitliche Arbeitsverbot für Sportler aus Nicht-EU-Ländern, die unterhalb der ersten Bundesliga spielen, heftig kritisiert. Angenehmere Perspektiven vermittelte das politische Kulturprojekt Roter Stern Leipzig. Neben sportlichen Aktivitäten engagieren sich die Leipziger als Supporter des FC Sachsen. Vor allem aber geht der Verein Probleme wie Rassismus und Sexismus ausgesprochen kreativ an. Mit verschiedenen Aktionen (Konzerten, Demonstrationen, Partys) und einem witzigen Merchandising-Konzept hat er sich inzwischen in der subkulturellen Szene Leipzigs etabliert. Wegen seiner politischen Aktivitäten geriet der Rote Stern allerdings auch schon ins Visier des sächsischen Verfassungsschutzes. — Thomas Mrazek

Sportal.de, 4. 6. 2001: Treviso mit toller Aktion gegen Rassismus
Treviso – Mit einer beeindruckenden Aktion hat der italienische Fußball-Zweitligist Treviso Farbe gegen Rassismus bekannt. Die gesamte Mannschaft lief am Pfingstsonntag im Spiel gegen Genua mit schwarz angemalten Gesichtern auf, um auf diese Weise mit Nachdruck gegen die Rassisten in den Reihen seiner eigenen Fans zu protestieren.
Diese hatten Trevisos 18-jährigen Nigerianer Akeem Omolade am vergangenen Spieltag in Terni wegen seiner Hautfarbe mit Affengeschrei verhöhnt. »Wenn wir das tatenlos hingenommen hätten, wären wir zu Komplizen der Rassisten geworden«, begründete Trevisos Kapitän Lorenzo Minotti die beispielhafte Solidaritätsbekundung.
Tosender Applaus der Fans
Omolade dankte den Kameraden »für ihre fantastische Geste« mit seinem Tor zum 2:2, was Trevisos Abstieg in die Drittklassigkeit jedoch nicht mehr verhindern konnte. Das Publikum in Treviso bejubelte dennoch Omolades Tor. Auch als eine kleine Gruppe von Rassisten die Spieler zu Beginn wegen ihrer schwarz angemalten Gesichter auspfiff, antworteten die echten Fußball-Fans mit tosendem Applaus für die Mannschaft und ihre Aktion.
Auch aus ganz Italien bekam Treviso großen Zuspruch. »Das war eine tolle Geste«, sagte Aldair, der selbst schon unter rassistischen Äußerungen zu leiden hatte.
Lazio mit Platzsperre belegt
Beim Lokalderby gegen Lazio Rom war zuletzt in der Lazio-Kurve ein Spruchband mit der Aufschrift »Neger-Mannschaft – Juden-Kurve« gezeigt worden. Dafür hatte der italienische Fußballverband Lazio mit einer Platzsperre belegt. Lazio erstattete Anzeige gegen seine eigenen rassistischen Fans.
Bleibt zu hoffen, dass die tolle Aktion der Treviso-Spieler nicht nur in italienischen Stadien Wirkung zeigt, und die wahren Fußball-Fans von idiotischen Spruchbändern oder Ähnlichem zukünftig verschont werden.

Infoeuropa, 6. 2001: Antiracist Worldcup
The 5th Edition of the Antiracist Worldcup is starting!
This initiative is a non competitive football championship open to fan groups, migrant communities and all people who wants to have fun and live an experience of sharing experiences with people of all over the world. This year we will have 1.000 people from all over the world, mainly from Europe, who will stay together for 4 days in Montecchio (Reggio Emilia) from 28 June to 1st July. This year we will have also many concert: Chumbawamba, Station 17 and Fermin Muguruza.
The Antiracist Worldcup is organized by Progetto Ultrà-UISP, in collaboration with FARE (Football Against Racism in Europe) and cofinanced by European Commission.
You'll find all the information in uisp.it/warc¹ where you'll find the programme, the participant teams, photoes of the past editions and other information all in English.
Hoping some of you can attend to the manifestation or could be interested in our activity. – Daniela Conti

Mai 2001

Sportal.de, 2. 3. 2001: Lazio wegen Rassismus bestraft
Rom – 60.000 Mark Geldstrafe und eine Platzsperre von einem Spieltag: So lautet die Strafe des italienischen Fußball-Verbands (Figc) gegen Lazio Rom. Grund dafür sind die rassistischen Äußerungen der Fans des amtierenden Meisters Italiens.
Eine radikale Minderheit in den Reihen der Lazio-Anhänger hatte beim Derby gegen den AS Rom (2:2) am vergangenen Sonntag farbige Spieler des Gegners mit Buhrufen verhöhnt und ein Spruchband mit der Aufschrift »Neger-Mannschaft – Juden-Kurve« gezeigt.
Der Klub verurteilte die rassistischen Äußerungen scharf. Lazio-Präsident Sergio Cragnotti erstattete Anfang der Woche bei der römischen Polizei Anzeige gegen die radikalen Fans.
Spielabbruch möglich
Schon in der Vergangenheit waren die Anhänger des Vereins wiederholt durch rassistische Parolen und rechtsradikale Spruchbänder aufgefallen. So waren immer wieder Hakenkreuz-Fahnen und SS-Zeichen gezeigt worden. Bei einem früheren Derby hatten Lazio-Anhänger ein Spruchband mit der Aufschrift »Auschwitz ist eure Heimat – die Öfen euer Zuhause« gezeigt.
Als Reaktion auf die rassistischen Exzesse in den italienischen Fußballstadien hatte die Regierung ein Dekret verabschiedet, dass die sofortige Spielunterbrechung vorsieht, wenn rechtsradikale Spruchbänder auf den Rängen gezeigt werden. Bislang wurde jedoch noch nie ein Spiel unterbrochen.
Verdacht auf Urkundenfälschung
In Rom wurde am Mittwoch ein Gerichtsprozess gegen den argentinischen Stürmer Juan Sebastian Veron vom italienischen Fußball-Meister Lazio Rom und dessen Klub-Präsidenten Sergio Cragnotti eröffnet. Gegen beide Personen besteht der Verdacht der Urkundenfälschung zur schnellen Einbürgerung des Spielers.
Sowohl Cragnotti als auch Veron wurden am ersten Prozesstag vom Richter Claudio Tortora vernommen. Veron hatte im September 2000 die italienische Staatsbürgerschaft erhalten. Mit der Hilfe von Lazio-Rechtsanwälten, die einen Ur-Urgroßvater süditalienischer Abstammung in Verons Stammbuch entdeckt hatten, konnte der 25-Jährige in weniger als zwei Monaten Italiener werden. Dadurch wurde für Lazio ein Ausländerplatz frei. In der italienischen Serie A dürfen genauso wie in Deutschland nicht mehr als drei Nicht-EU-Bürger auf dem Feld stehen.
Die römische Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, dass Lazio in jüngerer Zeit intensiv nach italienischen Ahnen ihrer Nicht-EU-Fußballer gesucht hatte, um sie möglichst schnell zu Italienern zu machen. Dabei gab es angeblich Dokumentenfälschungen.
»Ich habe dem Richter erklärt, dass ich kein Interesse hatte, EU-Bürger zu werden. Ich weiß nicht, was in Zusammenhang mit meiner Einbürgerung geschehen ist. Ich bin aber sicher, dass Lazio korrekt gehandelt hat«, erklärte Veron.

März 2001

Sport.de, 1. 3. 2001: Strafen für 120 Hooligans
Berlin – Der Berliner Justiz ist der bislang größte Schlag gegen Hooligans gelungen. Wie die »Berliner Morgenpost« berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft 120 Hooligans wegen einer Massenschlägerei nach dem DFB-Pokalendspiel am 12. Juni 1999, das Bayern München im Elfmeterschießen gegen Werder Bremen verloren hatte, Landfriedensbruch und schweren Landfriedensbruch vor.
Verabredung zur Massenschlügerei
In den schriftlichen Urteilen sind die Randalierer zu Geldstrafen in Höhe von mehreren tausend Mark verurteilt worden. Einigen Hooligans drohen Haftstrafen. Am Rande des Pokalfinals hatten sich etwa 200 gewaltbereite Personen aus ganz Deutschland zu einer organisierten Schlägerei im Bezirk Mitte verabredet. Dabei stieß eine Koalition aus Berliner und Bremer Randalierern auf einen Zusammenschluss von süddeutschen Hooligans.
Staatsanwaltschaft verhört 193 Zeugen in zwei Jahren
Die Polizei hatte durch eine Telefonüberwachung von der Verabredung zur so genannten dritten Halbzeit erfahren. 158 Schläger wurden festgenommen. Die Staatsanwaltschaft verhörte während der vergangenen zwei Jahre insgesamt 193 Zeugen, wertete die Aussagen und Fotos der Schlägerei aus, bevor sie jetzt die Strafbefehle auf den Weg brachte. Ein Dutzend der Urteile ist bereits rechtskräftig.

Farenet, 3. 2001: FARE Aktionswoche gegen Diskriminierung
Zwischen 30. März und 8. April findet zum ersten Mal die europaweite Aktionswoche des Netzwerks »FARE – Football Against Racism in Europe« statt. Fans, MigrantInnen und Fußballvereine schließen sich zusammen, um Rassismus und Diskriminierung die rote Karte zu zeigen. Von Spanien bis Polen, von Norwegen bis Italien werden in und rund um Fußballstadien Aktionen organisiert. 1999 wurde in Wien das fan-orientierte FARE-Netzwerk als Antwort auf die fehlende Anti-Rassismus-Politik vieler Verbände und Vereine gegründet. FARE will lokale und nationale Initiativen vernetzten, Erfahrungen austauschen und gemeinsam gegen jegliche Form der Diskriminierung im Fußball aktiv werden. Mehr als 40 Organisationen aus 15 Ländern sind in dem Netzwerk aktiv. 2001 führt FARE ein von der EU gesponsortes Projekt durch. FairPlay-vidc (Wien) koordiniert das Projekt. Die Partner dabei sind FURD (Sheffield), Progetto Ultrà (Bologna), Kick it Out (London), UISP (Rom) und SRTRC (Newcastle).

Februar 2001

Sport.de, 28. 2. 2001: BVB-Manager Meier gegen Rechts
Dortmund – Michael Meier, Manager des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, ist am Samstag Teilnehmer eines Laufes gegen den Rechtsexremismus. In der Dortmunder Nordstadt gehen bei der Veranstaltung des Aktions-Bündnisses »Rechtsweg ausgeschlossen«, bestehend aus Schulen, Kirchengemeinden und dem »Treffpunkt Hannibal« rund 4.000 Schüler an den Start.
Gegenveranstaltung zu Nazi-Demo
Der Lauf gilt als Gegenveranstaltung zu einer Demonstration von Neonazis am gleichen Tag. Michael Meier wird vor dem Hauptlauf um 14 Uhr mit weiteren Prominenten und einem T-Shirt mit der Aufschrift »Fremde sind Freunde« starten. Diese Aktion wurde von den Borussen zu Saisonbeginn ins Leben gerufen.

Januar 2001

SZ, 24. 1. 2001: BVB will Vereinsgeschichte in der Nazi-Zeit aufarbeiten
Dortmund (dpa) – Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund will die Vereinsgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten. »Der Deutsche Fußball-Bund hat die Vereine aufgefordert, die Geschichte der einzelnen Clubs während der Nazi-Zeit zu beleuchten«, sagte Pressesprecher Josef Schneck auf dpa-Anfrage.
Die Studie soll der ehemalige Pressesprecher des BVB, Gerd Kolbe, bis Anfang Juli dieses Jahres erstellen. Dazu will Kolbe Archive nutzen und Zeitzeugen befragen.
Nach Angaben Kolbes sei aber bereits jetzt klar: »Der BVB hat keinen Grund, für diese Zeit der Vereinsgeschichte beschämt oder befangen zu sein«. Das traditionelle Mitgliederklientel rund um dem Dortmunder Borsig-Platz sei politisch zwischen dem sozialistischen und kommunistischen Spektrum anzusiedeln. Nur auf massiven Druck der Nazis habe es 1933 einen Wechsel an der Spitze des Vereins mit dem damaligen Präsidenten Egon Pentrup gegeben, der »sich mit Händen und Füßen gewehrt hat, in die NSDAP einzutreten«, so Kolbe. Pentrup sei durch das NSDAP-Mitglied August Busse ersetzt worden.
Außerdem sei ein so genannter »Dietwart« für Volkstum berufen worden, der das »deutsche Brauchtum« fördern sollte. »Zu den Veranstaltungen jeden Montag mit dem Vorlesen von den Reden des Führers und dem Singen von NSDAP-Liedern ist faktisch aber kein Vereinsmitglied erschienen«, beschrieb Kolbe.

Sport.de, 22. 1. 2001: Hannover: Hausordnung gegen Fremdenfeindlichkeit
Als erster deutscher Fußball-Verein hat der Zweitligist Hannover '96 eine Hausordnung gegen Neonazis erlassen. Das nach Vereinsangaben bundesweit einmalige Reglement verbietet im Niedersachsen-Stadion ab sofort extremistische Symbole.
Aktion gegen Extremisten
Verboten sind Zeichen, Parolen und Abbildungen, die den Eindruck einer rassistischen, fremdenfeindlichen oder extremistischen Einstellung hervorrufen könnten. »Wir wollen ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen«, sagte Clubchef Martin Kind.

Fußball-Forum, 1. 2001: Entrüstung in Italien
Verona/Zürich – Hellas Veronas Kapitulation vor seinen rassistischen Fans hat Italien aufgerüttelt. Ein Sturm der Entrüstung geht durch das Land, das sich seiner Gastfreundschaft rühmt, aber zulässt, dass in den Fußball-Arenen farbige Spieler mit rassistischen Sprech-Chören verhöhnt werden.
Italiens farbiger Basketball-Star Carlton Myers rief die Kicker am Mittwoch zum Spielerstreik auf. »Hört bei den nächsten rassistischen Sprechchören auf zu spielen«, fordert der Nationalteamkapitän, der in Sydney für Italien die Flagge ins Olympiastadion getragen hatte.
»Keine Macht den Rassisten«
Ex-Fußballstar Gianni Rivera schlu eine Quote für Farbige vor: »Jeder Verein sollte mindestens zwei farbige Spieler im Team haben«, so dass farbige Fußballer für alle Fans zur Selbstverständlichkeit würden. Mit Myers ist sich der in die Politik gewechselte Rivera einig: »Keine Macht den Rassisten«.
Die FIFA hat auf den Rassismus-Skandal in Italien reagiert. Beim Außerordentlichen Kongress am 6. Juli in Buenos Aires wird der Weltverband eine internationale Konferenz über Rassismus im Fußball durchführen.
FIFA reagiert auf den Skandal in Italien
»Wir werden nicht nur untersuchen, wie wir Rassismus vom (Fußball)-Platz verweisen können, sondern müssen auch versuchen zu zeigen, wie die Kraft des Fußballs eingesetzt werden kann, um den Rassismus in unserer Gesellschaft allgemein zu bekämpfen«, erklärte FIFA-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen dazu am Mittwoch.
In Italiens Arenen sind rassistische Sprechchöre trauriger Alltag. Im Olympiastadion zu Rom wurden Spruchbänder wie »Auschwitz ist eure Heimat. Die Öfen euer zu Hause« gezeigt.
Verona »Hochburg der Rassisten«
Bei Hellas Verona hat es eine kleine, aber mächtige Gruppe Rechtsradikalen geschafft, dass nicht mehr die spielerische Klasse, sondern die Hautfarbe über Transfers entscheiden. »Einen Farbigen kann ich wegen dieser Fans nicht holen«, gab Hellas-Präsident Giambattista Pastorello per TV-Interview zu.
Die Staatsanwaltschaft Verona schaltete sich ein, um zu prüfen, wie stark der Einfluss der Rechtsradikalen ist. Pastorello ist wegen der internationalen Entrüstung inzwischen umgeschwenkt.
Veronas Ruf ist ruiniert. Bürgermeisterin Michela Sironi Mariotti drohte daher sogar: »Wir schließen das Stadion.« Die Stadt von Romeo und Julia steht als »Hochburg der Rechtsradikalen« am Pranger.
Zuletzt Anfeindungen gegen Thuram
»Zu Unrecht«, klagt die Bürgermeisterin. Beim zweiten Veroneser Fußball-Club seien farbige Spieler schließlich problemlos integriert. »Ich hatte nie Probleme«, bestätigt der farbige Afrikaner Christian Manfredini vom Veroneser Vorortclub Chievo, der die 2. Liga anführt.
Bei Hellas sieht das anders aus. Am letzten Spieltag riefen die »Ultras«, wie sich die radikalen Fans selbst nennen, Sprechchöre gegen Parmas farbigen Franzosen Lilian Thuram.
»Das sind Dummköpfe, die wir nicht mehr erreichen können. Wir müssen aber den Kindern und Jugendlichen klar machen, dass dieses Verhalten falsch ist«, meinte der Weltmeister gelassen.
Italienischer Fußball-Verband verschürft Strafen
Auch der farbige Niederländer Edgar Davids (Juventus Turin) hat sich an die Rufe gewöhnt. »Diesen Rassismus hat es auf den italienischen Plätzen immer schon gegeben.«
Fußball und Politik, die das Rassismus-Problem zu lange vernachlässigt haben, wollen nun hart durchgreifen. Ein Regierungs-Dekret sieht vor, dass Spiele bei rassistischen Ausschreitungen abgebrochen werden können.
Mit dem Start der Rückrunde verschärft der Fußball-Verband ab 11. Februar zusätzlich die Strafen gegen die Clubs. Dann drohen Geldstrafen und Platzsperren.
Hellas Verona muss 40000 Mark zahlen
Hellas Verona kam wegen der Buhrufe gegen Thuram am letzten Spieltag diesmal noch mit 40 000 Mark Geldstrafe davon. Der Imageschaden für Hellas, die Stadt und den gesamten italienischen Fußball ist um ein Vielfaches höher.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bezog zum Rassismus-Skandal klare Position. »Diese Art der Kapitulation darf es nicht geben. Da muss man mit allen Kräften gegensteuern«, sagte Mediendirektor Wolfgang Niersbach.
In der Bundesliga ist nach seiner Ansicht ein solches Verhalten gegenüber ausländischen Akteuren auszuschließen. »Ich bin überzeugt, dass eine solche Entscheidung undenkbar wäre.«
Volker Finke: »In Deutschland keine Gefahr«
Diese Auffassung vertritt auch Trainer Volker Finke (SC Freiburg): »Für Deutschland sehe ich keine Gefahr. Die deutliche Mehrheit der Bundesliga-Vereine hat sich diesbezüglich eindeutig positioniert.«
Beim FC Schalke 04 werden Mitglieder laut Satzung ausgeschlossen, wenn sie durch Kundgabe rassistischer oder ausländischer Gesinnung auffallen.
In der Bundesliga-Hinrunde hat Schalke zudem gegen fünf Fans, die Hetzparolen gebrüllt hatten, ein Stadionverbot ausgesprochen, berichtete Pressesprecher Gerd Voss am Mittwoch.

Fußball-Forum, 1. 2001: 40.000 Mark Geldstrafe
Verona – Der italienische Fußball-Verband hat den Erstligisten Hellas Verona zu einer Geldstrafe von umgerechnet 40.000 Mark verurteilt, weil am vergangenen Wochenende fanatische Hellas-Anhänger beim Spiel gegen den AC Parma (0:2) den farbigen Gästespieler Lilian Thuram zur Zielscheibe ihrer rassistischen Parolen gemacht hatten.
Der französische Welt- und Europameister war bei jeder Ballberührung ausgepfiffen und mit Schmährufen rechtsradikaler Hellas-Fans bedacht worden.
Verona-Fans erneut auffällig
In den vergangenen Monaten hatten rassistische Zwischenfälle in Italiens Stadien mehrfach für Negativschlagzeilen gesorgt. Neben rechtsradikalen Fans von Doublegewinner Lazio Rom waren dabei auch Anhänger von Verona wiederholt aufgefallen.
Hellas musste nach Schmähgesängen seiner Fans gegen Inter Mailands niederländischen Mittelfeldstar Clarence Seedorf bereits im vergangenen November eine Strafe von umgerechnet 16.000 Mark zahlen.
Strafen für weitere Klubs
Die Disziplinar-Kommission des italienischen Verbandes belegte zudem wegen diverser Vorfälle am vergangenen Wochenende drei weitere Klubs mit Geldstrafen. Tabellenschlusslicht Reggina Calcio muss 50.000 Mark bezahlen, da während der Begegnung gegen AC Perugia (0:2) Fanatiker Steine und andere Gegenstände in Richtung des Schiedsrichters aufs Spielfeld geworfen hatten.
Wegen des unerlaubten Abbrennens von Feuerwerkskörpern auf den Rängen erhielten zudem der SSC Neapel (25.000 Mark) und der AS Rom (15.000 Mark) Geldstrafen.

Fußball-Forum, 1. 2001: Verona-Fans pfeifen Thuram aus
Verona – Die Welle rassistischer Anfeindungen gegen ausländische Spieler in der italienischen 1. Liga Serie A geht nicht zu Ende.
Frankreichs Welt- und Europameister Liliam Thuram musste beim 2:0-Sieg seines Vereins AC Parma am Sonntag bei Hellas Verona bei jeder Ballberührung Pfiffe und beleidigende Schmährufe rechtsradikaler Hellas-Fans wegen seiner Hautfarbe über sich ergehen lassen.
Thuram zuvor mehrmals Ziel rassistischer Angriffe
Thuram war bereits zuvor in mehreren Stadien Zielscheibe rassistischer Hasstiraden gewesen. Besonders makaber erschienen die Angriffe gegen den Franzosen am Sonntag, nachdem in Verona wie bei allen Spielen in Italien vor Anpfiff in Gedenken an die Opfer des Holocaust eine Schweigeminute eingelegt worden war.
In den vergangenen Monaten hatten rassistische Zwischenfälle in Italiens Stadien mehrfach für Negativschlagzeilen gesorgt. Neben rechtsradikalen Fans von Doublegewinner Lazio Rom waren dabei auch Anhänger von Verona aufgefallen.
Hellas musste nach Schmähgesängen seiner Fans gegen Inter Mailands niederländischen Mittelfeldstar Clarence Seedorf im vergangenen November bereits umgerechnet 16.000 Mark Strafe zahlen.

Fußball-Forum, 1. 2001: Fußballer sollen gegen Rassismus streiken
Verona – Italiens farbiger Basketballstar Carlton Myers hat die Fußballer im Kampf gegen den Rassismus in den italienischen Fußballstadien zum Spielerstreik aufgerufen.
»Hört auf zu spielen«
»Hört bei den nächsten rassistischen Sprechchören auf zu spielen«, forderte der Nationalmannschaftskapitän, der in Sydney für Italien die Flagge ins Olympiastadion getragen hatte.
Die Fußballer dürften sich nicht auf die Politik und die Sportverbände verlassen. »Es liegt an euch«, sagte Myers an die Adresse seiner Sportlerkollegen am Mittwoch in einem Interview der »Repubblica«.
Reaktion auf Verona-Präsident
Der Basketballer reagierte damit auf die Aussage des Präsidenten des italienischen Fußball-Erstligisten Hellas Verona, Giambattista Pastorello. Der hatte in einem Interview zugegeben, dass er wegen der rechtsradikalen Fans in Verona keinen farbigen Spieler verpflichten könne.

Fußball-Forum, 1. 2001: Entscheidung löst Proteste aus
Verona – Der italienische Fußball wird erneut von einem Rassismus-Skandal erschüttert. Erstligist Hellas Verona beugt sich offensichtlich dem Willen der großen Anzahl von Rechtsradikalen unter seinen Fans und verzichtet auf die Verpflichtung von farbigen Spielern.
»Einen Farbigen kann ich wegen dieser Fans nicht holen«, erklärte Veronas Präsident Giambattista Pastorello in einem Fernseh-Interview, als er auf die mögliche Verpflichtung des farbigen Fußballers Patrick Mboma vom AC Parma angesprochen wurde.
Rückwärtsschritt bei Bekämpfung von Rassismus
Pastorellos Aussagen lösten in Italien heftige Kritik aus. »Wenn dies stimmt, schließen wir das Stadion«, drohte Veronas Bürgermeisterin Michela Sironi Mariotti.
Italiens Sportministerin Giovanna Melandri drückte in einem Brief an den Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitee Italiens (CONI), Gianni Petrucci, »ihre Missbilligung und Bestürzung aus«. Pastorello schade den Bemühungen der Regierung und des Fußball-Verbands (Figc), den Rassismus in den Stadien zu bekämpfen.
Schadensbegrenzung bei Verona
CONI-Chef Petrucci, der zugleich als kommissarischer Präsident den italienischen Fußball-Verband leitet, versicherte, dass der Verband »in seinem Kampf gegen den Rassismus unbeirrt fortfahren werde«.
Hellas Verona versucht unterdessen den Schaden zu begrenzen. Der Präsident sei missverstanden worden, teilte der Club mit. Pastorello selbst bestritt die Aussagen.
Pastorello verurteilt Rassismus
Allerdings veröffentlichte die »Gazzetta dello Sport« am Dienstag den Wortlaut des von dem TV-Sender aufgezeichneten Interviews mit Pastorello, der die Kapitulation des Präsidenten vor den eigenen rechtsradikalen Fans bestätigt. Rückendeckung bekam Pastorello lediglich vom farbigen AC Parma-Spieler Lilian Thuram. »Pastorello ist nach dem Spiel in Verona zu mir gekommen und hat sich für die rassistischen Sprechchöre der Verona-Fans entschuldigt«, sagte der französische Weltmeister. Pastorello habe jeglichen Rassismus verurteilt, bestätigte Thuram.
Dekret sieht Spielabbruch vor
In Verona war es in den vergangenen Monaten genauso wie in vielen anderen Stadien Italiens wiederholt zu rassistischen Sprechchören gegen farbige Akteure gekommen. Die italienische Regierung hatte auf Grund des zunehmenden Rassismus in den Stadien ein Dekret verabschiedet, dass einen Spielabbruch vorsieht, sobald auf den Rängen Spruchbänder mit rassistischen Parolen gezeigt werden. Die drastische Maßnahme wurde bislang jedoch noch nie angewandt.

SZ.text, 1. 2001: WM-Qualifikationsspiel Israel gegen Wien
Wien – Jörg Haider hat das Klima in Österreich vergiftet. Er hat dreckige Wahlkämpfe geführt. Er hat die Beschäftigungspolitik der Nazis als »ordentlich« bezeichnet und ehemalige SS-Soldaten als »anständige Menschen mit Charakter«. Seine FPÖ darf in Österreich trotzdem regieren. Aber Haider hat immer noch nicht genug. Am Sonntag war Kommunalwahl in Wien, und zuvor hat er nochmal richtig hingelangt. Er verspottete Ariel Muzicant, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien (»Wie kann einer Ariel heißen, der so viel Dreck am Stecken hat«), und der israelischen Zeitung Maariv sagte er kürzlich, in der Entschädigungsfrage dürfe es »zwischen Holocaust-Opfern und österreichischen Wehrmachtsangehörigen keinen Unterschied geben«.
»Jörg Haider ist ein Antisemit«, schrieb daraufhin das Nachrichtenmagazin Profil, »Wien erlebte die widerwärtigste Kampagne, die sich eine Partei seit fast 70 Jahren bei demokratischen Wahlen leistete. Antisemitismus war zuletzt bei den Wahlen 1932 ein Stilmittel gewesen. Damals errang die NSDAP (…) in Wien 17 Prozent.« Die FPÖ verlor zwar acht Prozent, hat aber immer noch 20 – trotz Haider oder gerade wegen ihm. 27 Prozent der Österreicher, fand das Magazin Format heraus, halten Haiders Aussagen für »kein besonderes Problem«.
In dieses Klima kam am Mittwoch die Fußball-Nationalelf Israels. Sie bestritt ein WM-Qualifikationsspiel in Wien.
Schon im November 2000 soll es die ersten Besprechungen zwischen dem Österreichischen Fußball-Bund ÖFB, der israelischen Botschaft und den österreichischen Sicherheitsbehörden gegeben haben. Spezialisten des israelischen Geheimdienstes Mossad untersuchen während des Wien-Aufenthalts den Mannschaftsbus nach Bomben, die Fahrtrouten werden ständig gewechselt, die Polizeipräsenz ist hoch, die Zuschauer werden gefilzt. »Das ist aber ganz normal«, sagt ÖFB-Mitarbeiter Mathias Sollböck. »Diese Sicherheitsvorkehrungen gibt es immer, wenn Israel im Ausland spielt, das hat keine besondere Komponente Österreich-Israel«. Natürlich wird auch das Mannschaftshotel Inter-Continental bestens bewacht, heißt es.
Davon merkt man aber nichts. Am Abend vor dem Spiel kann man ungehindert ein- und ausgehen, egal ob man Klosterschüler oder Waffenhändler ist. Vor dem Hotel ist alles ruhig, ein paar junge Frauen steigen aus dem Taxi, ein paar junge Spieler umarmen sie. Als man die Frage nach »besonderen Sicherheitsvorkehrungen« stellt, tauschen der Herr Receptionist und die Frau Receptionistin einen kurzen Blick, dann werden aus den beiden fragenden Blicken ein forschender Blick – auf den Fragesteller. »Die gibt es«, sagen sie, »aber darüber können wir keine Auskunft erteilen«. Dann kommen zwei Spieler vorbei, sie heißen Yossi Benayoun und Katan Yaniv, was ein schöner Zufall ist. Benayoun wird nämlich in Israel als riesiges Talent gepriesen. Momentan will Inter Mailand den Mittelfeldspieler verpflichten, heißt es, für fast 15 Millionen Mark. Ein Interview, Herr Benayoun? »Nein«. Warum nicht? »Wir geben seit einem Jahr keinem israelischen Journalisten ein Interview.« Einem deutschen, vielleicht? »Nein, das würden dann die iraelischen nicht verstehen. Wir wollen spielen, nicht reden.« Er macht nicht den Eindruck, als würde er sich um Politik kümmern. Immerhin sagt er, dass am nächsten Tag um 10 Uhr Training ist.
Beim Training kann man nicht zuschauen. Die Ordner, die hinter einem Stahlgitter stehen, weisen alle zurück: »Die Uefa hat das angeordnet«, sagen sie. Wegen Israel? »Nein, das ist immer so.« Richard Möller-Nielsen, Israels dänischer Trainer, kommt vorbei und flachst mit dem israelischen Fernsehteam, das auch vor dem Gitter warten muss. »Ich komme mir vor wie im Zoo«, sagt Möller- Nielsen, der 1992 mit Dänemark Europameister geworden ist.
Der Fernsehjournalist Yaron Michaeli vom israelischen Sportkanal 5 meint, dass die Spieler über Politik reden, »aber nicht sehr viel. Für die Spieler ist es wichtig, vom Trainer aufgestellt zu werden, und dass sie gegen Österreich gewinnen.« Michaeli erklärt, in Israel sei man »sehr, sehr enttäuscht gewesen«, als Haiders FPÖ vor einem Jahr an die Regierung kam, »wir dachten, Europa hätte aus dem Holocaust gelernt.« Nun sei man froh, dass die FPÖ am Sonntag einen Dämpfer erhalten habe. »Ich hoffe, die Leute in Wien und Österreich werden jetzt klüger«.
Gut, dass er unseren Taxifahrer nicht gehört hat. Der schimpfte über Schröder und Fischer (»kannst vergessen«), lobte Stoiber, weil er die EU-Sanktionen gegen Österreich kritisiert hatte, und hatte für das Länderspiel gegen Israel nichts übrig außer das: »Wir dürfen ja gar nicht gewinnen, sonst gibt es wieder Klagen gegen uns – weil wir die Juden gehauen haben.«
In der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien kennt man diese Sprüche. Man hört noch viel schlimmere. Seit die FPÖ regiert, hätten die Pöbeleien gegen Juden spürbar zugenommen, sagt der Student Marc, 22. »Seit die Politiker so reden, fühlen sich auch die gemeinen Bürger legitimiert, ihre rechte Einstellung nach außen zu tragen.« Und manchmal werden sie auch handgreiflich. Marc kennt zwei orthodoxe Juden, die angegriffen wurden. Das Wahlergebnis vom Sonntag empfindet er nicht als Beruhigung, »immerhin hat noch jeder fünfte Wiener FPÖ gewählt.«
Marc ist in Wien geboren, hat immer hier gelebt. Wer soll gewinnen am Mittwochabend: Österreich oder Israel? »Israel! Woher soll ein Patriotismus für Österreich kommen, wenn ich Haider und Schüssel, der Haider verteidigt, höre?« Vor dem Spiel »sind alle sehr aufgeregt, das ist ein großes Ereignis.« Er geht hin und schätzt, dass – inklusive der aus Israel angereisten Fans – etwa 400 bis 500 Juden im Stadion seien. Das ist viel. In Wien leben nur noch knapp 10 000 Juden. Bevor Hitler kam, waren es 260 000. Bevor Hitler kam, gab es auch den großen Sportverein Hakoah Wien, der in den zwanziger Jahren sogar mal österreichischer Fußball-Meister war. Der einzige jüdische Fußballverein, den es heute noch gibt, heißt Maccabi Wien und spielt in der 3. Klasse – »das ist sehr weit unten«, sagt Marc.
Nicht nur Sportjournalisten sind beim Spiel. Aus London ist ein politischer Reporter gekommen, ein alter Reporter mit einer großen Hornbrille. Als österreichische Fans bei der israelischen Nationalhymne pfeifen, wird er wütend. Er wird sehr wütend. Er spricht von Waldheim und von Antisemitismus, und schnell ist man bei Hitler. Der alte Reporter ist in Wien geboren, er ist nach London ausgewandert, als er noch jung war: 1938, als die Nazis nach Wien kamen. »Ich habe damals als Kind dem Hitler eine Karte geschrieben«, erzählt er mit deutlichem Wiener Einschlag, »ich habe geschrieben: Entweder Sie gehen, oder ich gehe. Er wollte nicht gehen.« Er ist sehr bewegt, als er das erzählt, und während er redet, hört man im Stadion dieses staccatohafte Sieg-Sieg-Sieg-Gebrüll der Fans. Man würde es am liebsten abdrehen, so wie man es am Fernsehen oder am Radio abdrehen kann. Aber ändern würde es auch nichts. Es ist nun mal da, genauso wie das Plakat in der rot-weiß-roten Fan-Kurve: »Ich bin stolz, ein Österreicher zu sein.« Hier wirkt der Spruch noch dämlicher als sonst.
Yaron Michaeli ist auch da, der TV-Reporter, den wir morgens getroffen haben.
»Ich muss meine Meinung revidieren«, sagt er, »wegen der Pfiffe bei der Hymne. Ich glaube, das mit den Wahlen am Sonntag, das hat noch nicht gereicht.«
Einige Österreicher, mindestens 27 Prozent wahrscheinlich, sehen das übrigens anders. Gepfiffen werde bei jeder Hymne des Gastes, ob der Spanien heiße oder Israel, sagen Zuschauer. Und Otto Baric, Österreichs Nationaltrainer, erklärt nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft, er habe zwar nicht gepfiffen, aber man möge bedenken: die Israeli hätten angefangen mit dem Pfeifen, »bei unserem letzten Länderspiel in Tel Aviv.« Auge um Auge, wie es im Alten Testament steht?
Sie mögen es nicht, wenn Sport und Politik vermischt wird, und sie mögen es nicht, wenn – wie der Kurier am Tag nach dem Spiel schrieb – »den Menschen die antisemitische Assoziation bei jeder Gelegenheit aufs Auge gedrückt wird.« Deshalb darf Jörg Haider weiter Sachen sagen wie diese: »Wenn ich Guten Morgen sag, ist das wahrscheinlich auch antisemitisch.« Es heißt, die Leute, vor denen er das sagte, hätten furchtbar lachen müssen.

Sport.de, 1. 2001: Nur wenig Maßnahmen gegen Rassismus
Köln – Der Fanforscher Professor Dr. Gunter A. Pilz nimmt die deutschen Profi-Klubs unter Beschuss, die nicht entsprechend auf den zunehmenden Rassismus im Fußball und den Stadien reagiert hätten. »Die Resonanz ist sehr ernüchternd. Wir beobachten, dass in Deutschland die Zuschauerränge ein reichhaltiges Betätigungsfeld für Neonazis und Rechtsextreme sind, und das wird nicht weniger, sondern es wird mehr. Auch in Deutschland nehmen in den letzten Jahren ausländerfeindliche Parolen zu, und von daher unterscheiden wir uns gar nicht so sehr vorn dem, was in Italien passiert«, sagte der Soziologe Pilz im Deutschlandfunk.
DFB legt Zehn-Punkte-Programm vor
Er bemängelt vor allem, dass in den verschiedenen Bundesliga-Städten die jeweilige Stadionordnung nicht geändert worden sei. In einem Zehn-Punkte-Programm hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Klubs unter anderem die »Aufnahme eine Anti-Rassismus-Paragraphen in die Stadionordnung mit dem Ziel, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie das Zeigen und Rufen von rechtsradikalen Zeichen und Symbolen nicht geduldet und mit Stadionverbot belegt wird« auferlegt.
Nur Schalke setzt Forderungen um
Der DFB hatte bereits im Oktober 1998 den Vereinen seine Besorgnis mitgeteilt. Laut DFB-Mitteilung habe bislang, so Pilz, von den 18 Bundesligisten lediglich Schalke 04 die DFB-Aufforderungen nach einer neuen Stadionordnung umgesetzt. Von den Zweitligisten hätten lediglich MSV Duisburg, FC St. Pauli und Hannover 96 reagiert.
Hannover als Vorreiter
In Hannover sei man bereits einen Schritt weiter gegangen und habe alles unter Strafe gestellt, »was nur den Eindruck erwecken könnte, dass es rassistisch oder extremistisch anmutet oder gedacht ist«. Zur Begründung sagt Pilz: »Das ist deswegen wichtig, weil die Rechten, die sich vermehrt im Stadion tummeln, genau diese Grauzone ausnzutzen.«
Bei Nichbeachtung Lizenzentzug gefordert
Der Verband habe laut Pilz auch mit Blick auf seine Gastgeber-Rolle bei der WM 2006 sensibel auf die Rassismus-Problematik reagiert. Wenn die Bundesliga-Klubs allerdings diesen DFB-Empfehlungen nicht nachkämen, sollte der DFB verpflichtende Durchführungsbestimmungen erlassen: »Wenn die Vereine dann immer noch nicht reagieren, kann man ihnen auch die Lizenz wegnehmen«.
»Kein Platz für Gewalt«
Der DFB hatte wiederholt Flagge gegen Rassismus gezeigt. Der letzte Spieltag der Ersten und Zweiten Bundesliga vor der Winterpause im Dezember 2000 stand unter dem Motto »Kein Platz für Gewalt«. »Wir wollen damit eindrucksvoll nach außen demonstrieren, dass wir Gewalt ablehnen. Der Fußball ist geradezu berufen, solch' eine Aktion durchzuführen, weil er die Integration von Ausländern vorlebt«, hatte der geschäftsführende DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder erklärt.
Rechtsradikale werden »intelligenter«
Pilz, der in der Vergangenheit Fan-Experstisen für das Bundesinnenministerium angefertigt hat, hat in Deutschland eine in den vergangenen Jahren veränderte Fußball-Szene festgestellt: »Früher waren die Rechtsradikalen im Stadion die 'Dumpfbacken' aus sozial niedrigen Schichten.« Jetzt seien es die »adretten netten Realschüler und Gymnasiasten«, die diesen Rechtsextremismus »intellektueller verkaufen« und damit gefährlicher seien, weil sie damit eine breite Masse von Mitläufern anlockten.

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