Juni 2002
SZ 27. 06. 2002: Auch der Halbmond tanzt den Samba
Die türkischen Fans
bleiben nach der Niederlage friedlich die Polizei will die Skinheads im Auge
behalten
Das große Feiern auf der Leopoldstraße blieb am Dienstag nach der
Niederlage der Türken gegen Brasilien aus. Die Brasilien-Fans versammelten sich in der
Occamstraße vor dem brasilianischen Restaurant Kalago's Boteco Brasil, wo viele von ihnen
das Spiel verfolgt hatten. Die türkischen Fans zogen nach Spielende »brav und
anständig« durch die Straßen, so Polizeisprecher Christoph Reichenbach. Die
Polizei hatte nach Spielende die Leopoldstraße vorsorglich gesperrt, den Verkehr dann aber
wieder passieren lassen. Für die wenigen Fans in Feierlaune reiche der Gehsteig, so
Reichenbach.
Die türkischen Fußball-Begeisterten zeigten sich nach dem Halbfinale
als ausgesprochen gute Verlierer und schlossen sich der Samba-Party in Schwabing an. Auf einem
offenen Lkw gaben dort drei Trommler den Takt vor und die bunte Mischung der Brasilien-Fans, unter
denen sich neben vielen Deutschen und Portugiesen sogar Iraner befanden, tanzte ausgelassen durch
die Straßen.
Die Polizei kann nach der gestrigen Fußball-Begegnung erst einmal
aufatmen. Bei einem Finalspiel Deutschland-Türkei hätte man einen Großeinsatz
planen müssen. Deutschland gegen Brasilien sei aus »polizeilicher Sicht
einfacher«, sagt Josef Grabner, Leiter der Polizeidirektion München Nord. Nicht nur
zahlenmäßig sind die brasilianischen Fans nicht so gewichtig: 1340 Brasilianer leben in
München, ihnen stehen rund 60000 Münchner türkischer Herkunft gegenüber.
»Das ist auch eine Mentalitätsfrage«, so Grabner. Die türkischen Fans seien
häufig aufbrausend, bei den deutschen gebe es dafür Probleme mit dem Alkohol. Beides
zusammen hätte wohl eine explosive Mischung ergeben.
Für das Spiel um den dritten
Platz am Samstag richtet sich die Polizei trotzdem vorsorglich auf einen Sieg der türkischen
Mannschaft ein Hupkonzerte entlang der Schwabinger Feier-Meile inbegriffen. Um die
Anwohner vor einem ausufernden Autokorso zu bewahren, verfolgt die Polizei eine neue Strategie:
Musik gegen das Hupen. An einigen Punkten entlang der Leopoldstraße zum Beispiel
am Siegestor oder an der Münchner Freiheit könnte türkische Musik
aufgelegt werden, um die Fans an einem Ort zu versammeln. Mit einer spontanen Open-Air-Disco am
Montag habe man »sehr gute Erfahrungen« gemacht, so Grabner.
Besonderes Augenmerk
richtet die Polizei allerdings auf deutsche Fans mit rechtsextremer Gesinnung, die sich die
allgemeine Euphorie zu Nutzen machen könnten. Nach dem Einzug der deutschen Mannschaft waren
am Montag 70 bis 100 Skinheads und Hooligans auf der Leopoldstraße unterwegs, die die Polizei
in die »C-Kategorie« einstuft: sehr gewaltbereit. Einige der Männer
entzündeten Bengalische Feuer und provozierten Beamte mit Sätzen wie: »Ihr kriegt
uns nicht.« Zu größeren Problemen wie in Köln, Essen oder Berlin kam es in
München jedoch nicht. Die Polizei hatte Psychologen und Zivilbeamte im Einsatz um zu
verhindern, dass nationaler Taumel plötzlich in nationalistischen Rausch
umschlägt.
Dass rechte Skins sich momentan im Aufwind fühlen, war nach dem Sieg der
deutschen Mannschaft am Montag vielfach in der Stadt zu spüren: Jugendliche brüllten
Parolen aus Autos, beschimpften den farbigen deutschen Spieler Gerald Asamoah als
»Nigger« oder pöbelten Passanten an. Im Westpark drohten am Montag Abend zwei
betrunkene Jugendliche, die mit Bierflaschen und Steinen um sich warfen, einer 17-jährigen
Schülerin Prügel an. Sie störten sich daran, dass die junge Frau ein T-Shirt mit
stilisierter englischer Flagge trug. von Monika Maier-Albang und Bastian
Obermayer
Mai 2002
SZ 7. 5. 2002: Ausnahmezustand in Rotterdam
Die Gewalt ist
zurück
Rotterdam Es ist der Traum von Feyenoord Rotterdam, an diesem
Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) das heimische Stadion de Kuip im Uefa-Cup-Finale gegen Borussia Dortmund
als Sieger zu verlassen. Von Hollands größter Tageszeitung De Telegraaf werden die
Rotterdamer mit der Schlagzeile »Und nun die Deutschen noch« zum Siegen ermuntert, und
Paul de Leeuw, prominenter Entertainer, übt in seiner TV-Show bereits die Siegeslieder. Doch
Holland würde sich nicht nur über einen Erfolg Feyenoords freuen. Sondern auch dann, wenn
es einfach nur ruhig bliebe am Mittwochabend.
Die niederländische Metropole hat die
höchste Sicherheitsstufe ausgerufen. »Das Zentrum wird einer Festung gleichen«,
sagte Bürgermeister Ivo Opstelte am Montag. Die Innenstadt ist für die erwarteten 15000
deutschen Anhänger Sperrgebiet. Der BVB-Anhang wird sechs Kilometer außerhalb des
Zentrums in der Ahoy-Arena, wo sonst Tennis gespielt wird oder Konzerte stattfinden,
»geparkt«. Denn die Beamten in Rotterdam sind alarmiert, seit 1999 die Meisterfeier von
Feyenoord aus dem Ruder lief: Die Polizei wurde durch eine wütende Meute überrascht und
schoss mit scharfer Munition auf die Angreifer zurück. Vor fünf Jahren waren die Folgen
noch dramatischer: Während eines Kräftemessens zwischen den Anhängern von Feyenoord
und Ajax Amsterdam wurde ein 35-jähriger Vater getötet. Der »Verlust
gesellschaftlicher Werte und Normen« wurde damals beklagt.
Nun ist die Gewalt
zurückgekehrt. Auch am vergangenen Sonntag kam es in Amsterdam zu Krawallen, als die Polizei
bei der nächtlichen Ajax-Meisterfeier 62 Hooligans festnahm. Mit Ratlosigkeit und Entsetzen
hat die Öffentlichkeit auf die Ausschreitungen der letzten Wochen reagiert. Politiker und die
Bahngesellschaft NS haben harte Maßnahmen gegen die Fußballhorden angekündigt.
Die Bürgermeister von Amsterdam, Rotterdam und Utrecht machten deutlich, dass sie keine Fans,
die antisemitische Parolen skandieren, tolerieren werden. Die Bahn hat den Fußballklubs die
Gelbe Karte gezeigt und sie aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, mit denen die
Sachbeschädigungen in den Zügen verhindert werden können. Sollte es dennoch
Vandalismus geben, sieht der Klub die rote Karte seine Anhänger werden
dann nicht mehr mit der Bahn transportiert.
Antisemitische Parolen
Nach Erkenntnissen
des Innenministeriums gehören die Ajax-Anhänger zu den »brutalsten Hooligans«,
und Amsterdams Bürgermeister Joob Cohen hat angekündigt, er werde Fußballspiele
künftig nur noch genehmigen, wenn die Sicherheit garantiert werde. Klubchef Michael van Praag
kündigte an, dass Hollands Meister künftig vor leeren Tribünen spielen werde,
sollten sich die Fans noch einmal der Schlägereien schuldig machen.
Per Notrecht sah sich
Cohen vor zwei Wochen gezwungen, 670 Anhänger des FC Utrecht, die sich auf dem Weg zum
Ajax-Stadion befanden, zur sofortigen Abreise zu zwingen. Weil sie antisemitische Parolen wie
»Hamas, Hamas, Juden ins Gas« skandierten und gegnerische Fans mit dem
Hitler-Gruß begrüßten; die Hooligans verwüsteten zudem auf der Rückreise
die Züge. Beunruhigt ist Cohen vor allem über den zunehmenden Rassismus. Dazu muss man
wissen, dass sich die Amsterdamer Supporter seit Jahren als jüdischer Klub stilisieren und mit
Davidstern, israelischer Fahne und philosemitischen Slogans auflaufen. Ihnen antworten die Fans der
anderen Vereine mit einem lang gezogenen Zischgeräusch, das sich wie austretendes Gas
anhören soll. »Die Entwicklung in dieser Saison enttäuscht mich sehr«, sagt
Henk Kesler, Direktor im Fußballverband KNVB. Erstmals in dieser Saison kam es auf
sogenannten »Familientribünen« zu Gefechten, bei denen Väter, Frauen und
Kinder gewaltsam von den Tribünen vertrieben wurden. Auch Manager, Trainer und Journalisten
werden häufiger bedroht. Von einer »neuen Generation Hooligans« spricht die
Zeitung Het Parool beim Finale am Mittwoch gerät der Spielausgang fast zur
Nebensache. Siggi Weidemann
Januar 2002
sport1.de 28. 01. 2002: Schalke plant keine
»Fritz-Szepan-Straße«
München Der FC Schalke 04 wird
keine Straße an der Arena »Auf Schalke« nach der Fußball-Legende Fritz
Szepan benennen. Historische Gutachten haben ergeben, dass sich Szepan in den 30er-Jahren an
jüdischem Eigentum bereichert haben soll.
»Wir tragen damit Rechnung, was Gutachter
und Historiker herausgefunden haben«, erklärte Schalke-Manager Rudi Assauer. Die
Ringstraße, die in mehrere Abschnitte unterteilt wird, soll nun nach den berühmten
Fußballern Ernst Kuzzora, Stan Libuda und Bernd Klodt benannt werden.
Doch auch gegen
Kuzorra gibt es wegen sein Mitgliedschaft bei der NSDAP Bedenken.
sport1.de 28. 01. 2002: Trevisos Fans mit erneutem
Ausraster
München Italiens Fußball ist am Wochenende erneut von
rassistischen Fan-Ausschreitungen überschattet worden. Beim Spiel des Drittligisten FC Treviso
in Lumezzane verließen rechtsradikale Anhänger das Stadion, weil in der eigenen
Mannschaft der farbige Brasilianer Reginaldo Ferreira Da Silva eingewechselt wurde.
»Die
Schande kehrt nach Treviso zurück«, titelte die »Gazzetta dello Sport«.
Bereits vor einem Jahr hatten Fans des Clubs das Stadion demonstrativ verlassen, als der Nigerianer
Akim Omolade im Spiel in Terni für Treviso auflief.
Am nächsten Spieltag hat sich die
komplette Mannschaft aus Protest die Gesichter schwarz bemalt.
sport1.de 26. 01. 2002: Rechtsradikale auf Schalke ohne Chance
Schalkes
Geschäftsführer Peter Peters setzt mit dem Stadionverbot ein
Zeichen
Gelsenkirchen Schalke 04 setzt ein Zeichen und verbannt Rechtsradikale aus
seinem Stadion.
Die »Königsblauen« haben gegen vier Besucher ein jeweils
dreijähriges Stadionverbot wegen »rechtsextremer Äußerungen«
verhängt.
Bundesweit geltendes Stadionverbot
Drei Männer im Alter von 22 und
23 Jahren, die bereits nach einem früheren Schalke-Spiel wegen rechtsextremer Parolen und
Zeigen des »Hitlergrußes« von einem Fan angezeigt worden waren, sind von Polizei,
Staatsschutz und dem Vereinsanwalt am Samstag beim Heimspiel der Gelsenkirchener gegen den SC
Freiburg »in Empfang genommen« worden.
Wie der Fußball-Bundesligist am Montag
weiter mitteilte, zog der Club die Dauerkarten ein und erteilte ein bundesweit geltendendes
Stadionverbot. Zudem müssen die Männer mit einem Strafverfahren
rechnen.
Verstecktes Logo in der Fahne
Ein weiterer 21-jähriger Mann war
aufgefallen, weil er in eine Fan-Fahne das Logo einer als rechtsradikal eingestuften Skin-Band
(»Skrewdriver«) eingearbeitet hatte.
Laut Verfassungsschutz nutze diese Band ihre
Musik zur Verbreitung neonazistischer Ideologien. Der Besucher wurde von Ordnern gestellt und
erhielt ebenfalls ein dreijähriges Stadionverbot.
»Ansätze im Keim
ersticken«
»Auch wenn das Thema Rechtsradikalismus auf Schalke im Prinzip keine
Rolle spielt, sind wir sehr froh darüber, dass in Zusammenarbeit mit unseren Fans, dem
Ordnungsdienst, dem Anwalt und der Polizei alle vorhandenen Ansätze im Keim erstickt
werden«, sagte Schalkes Geschäftsführer Peter Peters.
Man wolle weithin sichtbar
machen, dass »Rechtsextreme auf Schalke keine Chance haben und sie auch deutlich aus dem
Verein und dem Umfeld ausgrenzen«.