FRANKFURTER RUNDSCHAU   2. April 2003

Der gleiche Artikel erschien in der Online-Ausgabe¹ der Frankfurter Rundschau


Wider die unpolitische Insel

Initiative »Löwen-Fans gegen Rechts« für ihr Engagement ausgezeichnet / 1860 München tut sich nicht immer leicht

Von Iris Hilberth (München)

Fanblock F, Münchner Olympiastadion, unter der Uhr. Auf dem Rasen kämpfen die Spieler von 1860 um Punkte, auf der Tribüne gehen die »Löwen-Fans gegen Rechts« gegen Rassismus und Rechtsradikalismus in die Offensive. Denn hier aus der Nordkurve kommt es her, das »Scheiß-Nigger«-Gebrüll, wenn ein schwarzer Spieler am Ball ist. Hier sind sie anzutreffen, die Rechtsradikalen, die statt Löwen-Aufnäher »Deutschland – Ich bin stolz auf Dich!« auf der Fan-Kutte stehen haben.

Seit drei Jahren mischt die Fan-Initiative sich ein, bezieht mit Transparenten, Aufklebern und Flugblättern Stellung, ermutigt andere, die Diskriminierung nicht einfach hinzunehmen. Für ihr Engagement sind die »Löwen-Fans gegen Rechts« jetzt vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet worden.

Zum zweiten Mal hatte das im Mai 2000 von den Bundesministerien des Innern und der Justiz ins Leben gerufene Bündnis den Wettbewerb »Aktiv für Demokratie und Toleranz« ausgeschrieben. Die Münchner Fan-Initiative habe die Jury vor allem dadurch überzeugt, dass die »Löwenfans gegen Rechts« bei ihren Aktionen nicht unter sich blieben, sondern intensiv mit anderen Fußballclubs zusammenarbeiteten und sich an anderen Projekten in der Stadt beteiligten. »Ihr mutiger und entschiedener Einsatz verdient es, hier gewürdigt zu werden«, sagte die bayerische Bundestagsabgeordnete Gabriele Fograscher (SPD), Beirats-Mitglied des Bündnisses.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), selbst im Beirat von 1860, bezeichnete das Engagement der Initiative als »ganz realistisches Projekt, eine ganz konkrete, sinnvolle Arbeit, die von anderen Vereinen nachgemacht werden sollte.« Die »Löwen-Fans gegen Rechts« seien wirklich präsent, wenn es gelte gegen den Rechtsextremismus anzutreten, sagte Ude bei der Preisverleihung. Er freue sich ganz besonders über die Anerkennung, die die Gruppe »vom eigenen Verein ja nicht immer nachgetragen bekommt.«

Tatsächlich scheint sich der Verein etwas schwer mit diesen engagierten Fans zu tun. Zumindest wartet die Initiative noch immer auf die Beantwortung eines Briefes an Löwen-Präsident Karl-Heinz Wildmoser. Darin hatten sie noch einmal ihre Vorschläge zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus und Rassismus in Zusammenarbeit mit dem Verein formuliert, die bereits bei einem Gespräch im Fanforum besprochen aber bislang nicht umgesetzt wurden. An eine Stellungnahmen zum Thema in der Stadionzeitung war unter anderem gedacht worden, einen Antidiskriminierungsparagraphen in der Stadionordnung und der Vereinssatzung und Einblendungen auf der Anzeigentafel, sollten ausländerfeindliche Rufe erfolgen.

Genau ein Jahr ist seitdem vergangen, und Klaus Joelsen von den »Löwen-Fans gegen Rechts« fühlt sich schlicht nicht ernst genommen. »Wir wollen, dass der Verein die Forderungen endlich übernimmt«, sagt Joelsen. In der Geschäftsstelle von 1860 versprach man, nach Anfrage der FR, nachzuschauen, was mit dem Brief passiert ist. Das sei ja schließlich schon so lange her. Es war zu der Zeit, als Präsident Wildmoser gerade im Fernsehen gesagt hatte, dass der brasilianische Neuzugang Costa gut zu den Löwen passen würde, weil er weiß sei und nicht so wie viele schwarze Spieler auf dem Spielfeld »umananderwutzln« würde. Ihre Bestürzung über diese Äußerung habe die »Löwen-Fans gegen Rechts« ihrem Präsidenten in ihrem Schreiben auch gleich mitgeteilt. Leicht kommen sie da in den Ruf des Nestbeschmutzers und oft müssen sie sich den Vorwurf anhören, »ein politischer Debattier-Club« zu sein.

»Wir sind aber als allererstes Fußball-Fans«, stellt Joelsen klar, »wir sind bei allen Spielen dabei und wir schreien und plärren wie andere Fans auch.« Nur stellten sie sich eben der Diskussion und verteilten Flyer, weil sie ein Fußballstadion nicht als unpolitische Insel ansehen. »Ein Stadion ist ein Querschnitt durch die Gesellschaft«, sagt Joelsen, und zu der gehörten eben auch Nazis, denen sie deutlich entgegentreten wollten. Vor drei Jahren hatten acht Fans die Initiative ergriffen, nachdem die »rassistischen und diskriminierenden Umtriebe« im Münchner Olympiastadion sichtbar zugenommen hatten.

Mit ihrem Transparent »Löwen-Fans gegen Rechts« hatten sie andere Zuschauer, die sich seitdem zu einem regelmäßigen Stammtisch treffen und Aktionen, Feste sowie die Ausstellung »Tatort Stadion« planten. »Wenn wir in der Kurve stehen, dann sprechen, oder vielmehr schreien wir die Leute an«, sagt Joelsen. Die seien es dann meist gar nicht gewohnt, dass widersprochen werde. Denn normalerweise würden Nazi-Parolen stillschweigend geduldet. »Und auf einmal trauen sich auch andere Leute, etwas zu sagen.«


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Dokument erstellt am 01.04.2003 um 18:16:15 Uhr
Erscheinungsdatum 02.04.2003

Abdruck mit freundlicher Genehmigung. Hervorhebungen von uns, L.F.G.R.