SUEDDEUTSCHE ZEITUNG   23. Januar 2004


»Es ist eine sehr riskante Sache«

Erstmals gedenkt Italien in den Fußballstadien der Shoah – Interview mit Riccardo Pacifici, dem Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Rom

von Birgit Schönau


Riccardo Pacifici, 40, ist Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Rom. Die seit dem 1. Jh. v. Chr. ansässige Gemeinschaft ist eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt und mit 16000 Mitgliedern die größte in Italien. Auf päpstlichen Befehl wurden Roms Juden Jahrhunderte lang in ein Ghetto am Tiberufer gesperrt. Johannes Paul II. war in fast 2000 Jahren der erste Papst, der die römische Synagoge besuchte. 1943 deportierten die deutschen Besatzer Über 8000 italienische Juden in die Vernichtungslager. Aus Rom brachten die Nazis 2091 jüdische Bürger nach Auschwitz. Nur 15 von ihnen überlebten. Das Gedenken an die Shoah der italienischen Juden wird auf Pacificis Initiative nun erstmals in die Fußballstadien getragen.

SZ: Dottor Pacifici, am Sonntag, dem 18. Spieltag der Serie A, werden amtliche Fußballspieler in den italienischen Stadien ein besonderes Trikot anziehen.

Pacifici: Nicht nur die Spieler der Serie A, auch die der zweiten Liga, der Serie B. Und nicht nur die Fußballer, auch die Schiedsrichter und Linienrichter. Vermutlich auch viele Sportmoderatoren im Fernsehen. Auf dem Hemd, mit dem die Mannschaften das Spielfeld betreten, wird vorne für das Benefizfußballspiel von TV-Stars, Sängern und Journalisten am kommenden Dienstag geworben, dessen Erlös in das geplante römische Shoah-Museum fließt. Noch wichtiger aber ist, was auf dem Rücken der Spieler steht. »27. Januar: Tag des Erinnerns, um nicht zu vergessen.« Wir müssen dem Olympischen Komitee, dem Fußballverband und dem Profiligaverband danken, die unsere Idee so engagiert vorangetrieben haben.

SZ: Dass auch im Stadion an die Shoah erinnert wird, ist eine außergewöhnliche Aktion am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Alliierten.

Pacifici: Ich würde sogar sagen: Es ist eine sehr riskante Sache. Die Erinnerung an einen so tragischen Moment der Geschichte wie die Shoah, die Vernichtung des jüdischen Volkes, wird in die Fußballstadien getragen, also dorthin, wo man sich amüsieren und austoben will. Es war eine schwierige, auch durchlittene Entscheidung. Auch von jüdischer Seite gab es Kritik. Aber am Ende haben wir gemeint, dass wir auf diese Weise die stärkste Wirkung in den Medien haben und die meisten Menschen erreichen. Fußball ist der wichtigste Volkssport in Italien, wie in den meisten europäischen Ländern, ab dem Nachmittag bis weit nach Mitternacht dreht sich das Fernsehprogramm um Fußball. Und alle, alle werden über diese Aktion reden. Der Tag des Erinnerns ist damit nicht mehr nur eine Angelegenheit für Schulen und das Parlament. Sondern es wird erstmals die breite Mehrheit der Fernsehzuschauer erreicht und das Publikum im Stadion.

SZ: »Auschwitz ist eure Heimat, eure Häuser sind die Öfen«, stand vor einigen Jahren auf einem berüchtigten Spruchband, das Tifosi von Lazio Rom bei einem Derby im Olympiastadion hochhielten. Aber auch in anderen italienischen, Fankurven kommt es immer wieder zu antisemitischen Ausfällen.

Pacifici: Da muss ich Sie berichtigen. Antisemitische Episoden sind keinesfalls nur auf die Curva beschränkt, wo die Fans mit den billigsten Eintrittskarten stehen. Antisemitismus und neofaschistische Tendenzen gibt es auch auf den teuren Tribünen, übrigens ebenso wie Äußerungen des Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das ist ein relativ neues Phänomen, ich würde sagen der letzten 15 Jahre. Da gab es diesen Fall; in Udine, Anfang der neunziger Jahre. Udinese Calcio hatte den Israeli Ronnie Rosenthal von Standard Lüttich verpflichten wollen. Der Transfer kam deshalb nicht zu Stande, weil die Tifosi aus Udine den Juden Rosenthal nicht wollten. Und die Klubführung gab unter diesem Druck klein bei.

SZ: Auch Lazio Rom hatte ein paar Jahre später Probleme mit seinen Tifosi wegen Aron Winter, der aber immerhin vier Jahre lang dort spielte.

Pacifici: Dunkelhäutig und Holländer, aber kein Jude. Er hat einen hebräischen Vornamen, und das reichte für eine Unzahl von Schmähungen. Leider hat dieses Klima dazu geführt, dass beispielsweise in Rom jüdische Fans lieber nicht mehr ins Stadion gehen. Natürlich sind Rassisten und Antisemiten eine Minderheit, aber 50 von ihnen reichen ja aus, um Druck m einer Fankurve mit 15000 Menschen zu erzeugen, Wir haben keine Angst vor Rechtsextremen, um das mal klar zu sagen. Außerhalb des Stadions werden wir gut mit denen fertig. Aber innerhalb der Arena kann die Lage schnell unkontrollierbar werden.

SZ: Vergangene Woche wurde die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, nach der 34 Prozent der befragten Italiener okkulte jüdische Kräfte hinter der Finanz- und Medienwelt wähnen. Die jüdischen Gemeinden warnten vor einem neuen Antisemitismus, der der Unwissenheit über jüdische Geschichte und Kultur entspringt. Sieht man in den Fußballstadien die Spitze des Eisbergs?

Pacifci: Das sind 100, 200 Tifosi, die mit außerparlamentarischen, rechtsextremen Gruppen in Verbindung stehen. Ich kann heute nicht mehr den Standpunkt vertreten, dass auch die Äußerste Rechte im Parlament diese Gruppen unterstützt oder ihre Aktionen richtig findet. Zumindest formell wird diese Form des Rechtsextremismus von allen verurteilt, und das ist das Wichtigste in der Politik. Einen anderen Aspekt muss ich hinzufügen: Es existieren besorgniserregende Verbindungen zwischen Gruppen rechtsextremer und linksextremer Tifosi. Zu bestimmten Themen haben die verblüffend ähnliche Ansichten. Das weiß auch die Polizei. Übrigens wissen die Ordnungskräfte genau, mit wem sie es zu tun haben. Es gibt in 1talien harte Gesetze gegen gewalttätige Fußballfans. Dass man ihrer trotzdem nicht Herr wird, liegt auch an der Langsamkeit unserer Justiz.

SZ: Nach Jahren der Gleichgültigkeit haben die beiden römischen Klubs kürzlich vor einem Derby Werbeflächen der Autobusse gemietet, am die eigenen Tifosi zu Toleranz und Gewaltverzicht aufzurufen. Wie ist Ihre Initiative in der Hauptstadt aufgenommen worden, in der ja auch das Fußballspiel am Gedenktag stattfinden wird?

Pacifici: Der Präsident des AS Rom, Franco Sensi, hat alle Römer dazu aufgerufen, am Dienstag zum Benefizspiel zu gehen. Der Präsident von Lazio wird an unserer Pressekonferenz teilnehmen. Es ist viel geschehen in den letzten Jahren. Die Jüdische Gemeinde hat beispielsweise 2001 und 2002 gemeinsam mit der Roma und Lazio den »Shalom-Cup« organisiert, ein kleines Turnier mit den beiden römischen Erstligisten und jeweils einer Mannschaft aus Israelis und Palästinensern. Bei dieser Gelegenheit hat sich besonders der frühere Lazio-Patron Sergio Cragnotti hervorgetan, der dadurch die eigenen Tifosi gegen sich aufbrachte. Die Laziali protestierten sogar mit offiziellen Pressemitteilungen und mit Auftritten in den römischen Lokalradios gegen den Vereinspräsidenten, aber Cragnotti ließ sich nicht beeindrucken und verurteilte diese Tifosi. Bei den Roma-Fans gab es diese Animositäten nicht.

SZ: Welche Verbindungen gibt es sonst zwischen der Jüdischen Gemeinde und dem Fußball?

Pacifici: Es gab mal einen »Fanklub Jerusalem« für den AS Rom, aber sonst gibt es keine organisierten Fangruppen. Traditionell hat die Roma mehr jüdische Fans als Lazio. Der erste Präsident des AS Rom war 1927 der Jude Renato Sacerdoti, und mein Großvater mütterlicherseits gehörte ebenfalls zu den Gründungsvätern der Roma. Der Klub wurde ja im populären Schlachthofviertel Testaccio gegründet, dort lebten viele Juden.

SZ: Rechnen Sie mit Provokationen im Publikum während Ihrer Aktion?

Pacifici: Über dem, was geschehen wird, steht ein großes Fragezeichen. Um im Jargon zu bleiben, möchte ich den anständigen Tifosi, die die große Masse des Publikums bilden, zuflanken: Wo es schwierig wird, die Pfiffe und Beleidigungen zu überhören,kann man sie auch einfach mit Applaus überdecken. Applaus für eine mutige Initiative der italienischen Fußballfunktionäre. Von den Fußballspielern gibt es bislang noch keine Reaktion. Aber sie werden ja interviewt werden, nach den Spielen, wie immer. Und dann werden wir sehen, was sie auch zu dem Gedenktag sagen. Es ist eine Prüfung für Italien, ganz Europa wird am nächsten Wochenende auf unsere Stadien schauen. Und vielleicht wird es ja irgendwann in den Stadien anderer Länder eine ähnliche Aktion geben.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

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